Mit dem Fahrrad durch die Heimatgeschichte

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Das eigene Dorf kennenlernen: Das war das Ziel der „Tour de Médinga“ mit Arthur Berg.
Das eigene Dorf kennenlernen: Das war das Ziel der „Tour de Médinga“ mit Arthur Berg. (Foto: Franz Liesch)
Schwäbische Zeitung
Franz Liesch

Während einer zweieinhalbstündigen Tour durch Mietingen hat Arthur Berg mehr als 50 Teilnehmern ihren Heimatort nahegebracht. „Tour de Médinga“ war dieser Ausflug in die Heimatgeschichte benannt, den die Erwachsenenbildung der Seelsorgeeinheit in ihr Programm aufgenommen hatte. Für die des örtlichen Sprachgebrauchs Unkundigen: „Médinga“ – das ist Mietingen.

Mit Arthur Berg übernahm ein Mietinger Original die fachliche Begleitung durch die Straßen und Gassen. Da ist keine staubtrockene Angelegenheit zu erwarten. Treffpunkt: die Gefriere. Der älteren Generation ist ihre Bedeutung vor Jahrzehnten klar. „Sie bot mit ihren 120 Gemeinschaftstruhen die einzige Möglichkeit, Lebensmittel sicher zu konservieren“, erklärt Berg.

Nicht weit entfernt plätschert die Rottum. Sie wird mehrere Male thematisiert. Etwa ihr Verlauf mit Furten und sumpfigem Gelände zu beiden Seiten oder deren Bezwingung durch Begradigung und Tieferlegung in den 1930er-Jahren.

Bei der Gefriere bietet es sich an, dass man über die einstigen Mühlen im Dorf spricht. „Hier drehte sich bis 1950 das Mühlrad“, erzählt der Chronist.

Der bayrische Ministerpräsident hätte seine helle Freude an dieser Statistik: 31 Feldkreuze stehen im Dorf und in der Flur, vier Kapellen laden zum Gebet ein. Vor einer Reise habe man früher die Lucienkapelle betreten, um für einen guten Verlauf zu beten, erfahren die Zuhörer.

Thema Glockengeläut zum Gebet: Karl Schaich erzählt vom mühevollen Ziehen an den Glockenseilen. Dann erst das Aufziehen der Turmuhr, ehe die Elektrik in den 1960er-Jahren Einzug hielt. „Die Uhr musste man täglich aufziehen“, erinnert sich Schaich. Vier Gewichte habe man über eine Kurbel über mehrere Stockwerke nach oben befördern müssen. Erst habe er 30 Pfennig Entlohnung für die mühevolle Tätigkeit erhalten, später 50 und dann auf einen Schlag das Doppelte. Allgemeines Gelächter.

Der Humor kommt nicht zu kurz, und so manche Anekdote lässt Arthur Berg einfließen. So seine Erinnerung, als seine Mutter zu Fuß ein Ferkel in Achstetten besorgte. „Die Sau und ich, der Bub, durften den Weg gemeinsam im Wägele zurücklegen.“ Das Ferkel sei dabei in einen Sack eingesperrt gewesen.

Der Kirchplatz, der Dorfbrunnen, die alte Schule und der frühere Kindergarten, die Grund- und Hauptschule, die Lucienkapelle, das Rathaus und der „Weiherbauer“: Auch das waren Stationen der „Tour de Médinga“. Dem Guide blutet das Herz, wenn er erzählt, was es einst an Dorfgasthäusern gab: „Es ist doch schön, wenn man eine Wirtschaft hat.“

Inspirierende Gastwirtschaft?

Ausgerechnet im Umkreis des einstigen „Grünen Baum“ hätten sich herausragend viele für geistliche Berufe entschieden, sei es als Nonnen (aus einem Haus vier Geschwister) oder Priester (acht Geistliche). Arthur Berg macht auch deutlich: Hier blühte einst das Handwerk, vom Nagelschmied bis zum Brunnenmacher. Und natürlich die Landwirtschaft. Noch 1951 habe es 132 Milchbauern in Mietingen gegeben.

Die Dunkelheit ist längst hereingebrochen, als Berg seine Dorfführung beendet. Aus geplanten eineinhalb Stunden sind zweieinhalb geworden. Die Aufmerksamkeit der Teilnehmer hat auch am Schluss nicht nachgelassen. Eine Einkehr im Gasthaus „Reiterstüble“ rundet die „Tour de Médinga“ ab.

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