Ein Lebenstraum geht zu Ende: „Grüner Baum“ vorerst ohne Pächter

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Mit viel Herzblut haben Ruth Kobsch (stehend) und ihr Lebenspartner Hermann Grimm (nicht im Bild) den Grünen Baum in Mietingen
Mit viel Herzblut haben Ruth Kobsch (stehend) und ihr Lebenspartner Hermann Grimm (nicht im Bild) den Grünen Baum in Mietingen geführt. Nicht nur ihnen selbst, auch den Stammgästen fällt der Abschied schwer. (Foto: Franz Liesch)
Franz Liesch

Am letzten Februartag wird im Grünen Baum in Mietingen vorläufig das letzte Bier gezapft, das letzte Hähnchen gegrillt. Die Wirtsleute Ruth Kobsch und Hermann Grimm gehen am 1. März in Rente. Ob es mit dem Wirtshausbetrieb im Grünen Baum weitergeht, ist zur Stunde ungewiss.

Für die Wirtsleute mischen sich in diesen Tagen die Gefühle. Wehmut auf der einen, Freude über den wohlverdienten Ruhestand auf der anderen Seite. „Es sind schon Tränen geflossen“, versichert Ruth Kobsch. Den vielen Stammgästen fällt der Abschied besonders schwer. Die familiäre Atmosphäre und die eingeschworenen Gemeinschaft sind das, was den Grünen Baum ausmacht. Kobsch: „Es waren für mich nicht nur Gäste, sondern Freunde.“

Was haben die Stammgäste zusammen mit den Wirtsleuten nicht alles auf die Beine gestellt: Ausflüge organisiert, Maibäume aufgestellt, Christbäume besorgt und geschmückt, Hausbälle veranstaltet. Singen im Advent und im Frühjahr stand regelmäßig auf dem Programm. Auch bei den anstehenden Jubiläen wie das Zehn- oder Zwanzigjährige der Wirtin vom Grünen Baum wurde ordentlich mit viel Publikum und Unterhaltungsprogramm gefeiert.

Erst gepachtet, dann gekauft

Vor 24 Jahren hat Ruth Kobsch das Gasthaus zum ersten Mal von der Rössle-Brauerei gepachtet. Als es dann im Jahr 2002 zum Verkauf stand, wurde aus der Pächterin unversehens Eigentümerin. Die Thüringerin wurde in Mietingen heimisch. Der Arbeiter- und Bauernstaat hatte sie zuvor in die Freiheit entlassen. Wegen des behinderten Sohns war sie für die DDR ein Klotz am Bein. In Ingerkingen ward für das Kind eine optimale Pflege gefunden. Und für Ruth Kobsch erfüllte sich ein Lebenstraum: „Das war für mich meine Berufung für mein Leben – selbstständig ein kleines Gasthaus wie den Grünen Baum zu betreiben.“

Doch sie räumt auch bereitwillig ein: „Es war für mich nicht leicht als Reingeschmeckte, evangelisch und aus dem Osten.“ Doch die Vorbehalte waren schnell weggewischt. „Die Mietinger haben mich angenommen und sind eingekehrt, die Vereine waren ein Teil der Gäste, Unterstützer und Helfer bei Veranstaltungen“, sagt die Neu-Mietingerin. Ein rundes Dutzend an Gruppierungen hat sich hier regelmäßig getroffen, seien es die Altmusiker, die Landfrauen, der Mittwoch-Stammtisch oder der Männergesangverein.

Herzenswunsch: ein neuer Pächter

Zuletzt wurde es der Wirtin einfach zu viel: „Ich kann nicht mehr, jetzt soll die junge Generation ran.“ Das ist der Herzenswunsch von Ruth Kobsch und ihrem Lebenspartner Hermann Grimm, dass jemand das Gasthaus pachtet und weiterbetreibt. Sie träumt davon, dass jemand kommt und sagt: Das ist es, so etwas habe ich gesucht. Ansonsten, das befürchten beide, geht wieder ein Stück Brauchtum und ländliche Lebenskultur zu Ende. Für die Zeit als Wirtsleute sind sie dankbar.

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