Zum Gedenktag: das neue Leben des Friedrich Adler

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„Eine tolle Geschichte“: Museumsleiter Michael Niemetz erinnert an Friedrich Adler, den die Nazis 1942 ermordeten.
„Eine tolle Geschichte“: Museumsleiter Dr. Michael Niemetz erinnert an Friedrich Adler, den die Nazis 1942 ermordeten. (Foto: Axel Pries)
Axel Pries

Wenn am heutigen Samstag, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, Besucher der Lesung von Hanna Miska im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden gelauscht haben, dann lohnt sich auch einmal ein Besuch ein paar Stockwerke höher. Dort ist ein Raum einem Mann gewidmet, den die Nationalsozialisten ermordeten und dessen Existenz sie gänzlich auslöschen wollten – der aber im Gedächtnis lebt.

Das Museum erinnert an Friedrich Adler. Die Geschichte des einstigen Laupheimers ist für den Museumsleiter Michael Niemetz ein Beispiel für eine Erinnerungskultur, die den NS-Verbrechen entgegen wirkt. Gerne führt er zu der kleinen Ausstellung über Leben und Wirken von Friedrich Adler: „Es ist eine tolle Geschichte.“ Es ist auch eine seiner liebsten Geschichten, die das Museum erzählt.

Geschichtsbewussten Laupheimern ist Friedrich Adler ein Begriff: jener Sohn der Stadt, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Künstler und Professor an der Kunstgewerbeschule in Hamburg arbeitete. Seine Familie zählte zum alteingesessenen Großbürgertum. Wie gut gestellt die Familie Adler war, so erzählt Niemetz schmunzelnd, zeige die Telefonnummer des Wohnhauses in der Kapellenstraße im frühen 20. Jahrhundert: Es war die 4 – „einfach die 4“. Heißt: Die Familie Adler zählte zu den ersten Laupheimern mit Telefon überhaupt. Friedrich, 1878 geborener Sohn des Konditors Isidor Adler, studierte an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München, heiratete eine Laupheimerin, mit der er fünf Kinder hatte, und noch einmal, nachdem seine erste Frau an der Spanischen Grippe gestorben war. Er war deutschlandweit bekannt und als Professor wie Designer im Jugendstil angesehen. Er entwarf dabei auch Kultgeräte für den Gebrauch in der Synagoge, denn Friedrich Adler war jüdischen Glaubens. Als Jude geriet er schließlich in die Vernichtungsmaschinerie des Nazi-Regimes.

Die neuen Machthaber fackelten 1933 nicht lange, sondern schickten den Professor zwangsweise in Pension. Friedrich Adler ahnte, was kommen würde. Er schickte seine ganze Familie ins Ausland: nach England, in die USA und nach Palästina. Doch seine eigene Heimatliebe war so groß, dass er es nicht fertig brachte, das Land dauerhaft zu verlassen, obwohl er mehrere Auslandsreisen unternahm. 1942, so ist überliefert, wurde er von Hamburg aus nach Auschwitz deportiert. Nicht bekannt ist, wann er dort ermordet wurde – als eines von über einer Million Opfern nur in diesem KZ.

Die Familie war fort, und die Nazis vernichteten auch alles, was an Friedrich Adler erinnerte. Dem Laupheimer Historiker Ernst Schäll ist zu verdanken, dass man sich in der Heimatstadt ab den 80-er Jahren wieder erinnerte. „Es war kaum noch etwas übrig“, sagt Michael Niemetz. Heute erzählen dennoch zahlreiche Gegenstände von dem Laupheimer Sohn und seiner Familie.

Dazu zählt auch die Nachbildung eines Mosaikfensters, dessen Geschichte Friedrich Adler gefallen hätte. Er entwarf es in den 20-er Jahren für eine Synagoge in Kirchzarten bei Freiburg. Von dort fand es seinen Weg in das Rathaus von Tel Aviv – und wurde 1948 unmittelbar Zeuge der Gründung des Staates Israel.

Am heutigen Tag des Gedenkens (Samstag, 27. Januar) findet im Museum eine Lesung der Historikerin Hanna Miska über jüdische Auswanderer nach Australien statt. Beginn: 18 Uhr. Anmeldung: 07392/9680024.

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