Zehn Jahre nach dem Hubschrauberabsturz über Kabul: Soldaten sind nicht vergessen

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Friedensmission: Hauptmann Friedrich Deininger gehörte 1996 zu den ersten Heeresfliegern, die in das ehemalige Jugoslawien entsa (Foto: Roland Ray)
Schwäbische Zeitung
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Kabul, 21. Dezember 2002: Ein Transporthubschrauber der Bundeswehr mit sieben deutschen Soldaten an Bord patrouilliert über der afghanischen Hauptstadt. Die Sonne scheint, es herrscht bestes Flugwetter, noch zwei Minuten bis zur Landebahn. Da gerät die CH-53 plötzlich außer Kontrolle; wie ein Stein fällt sie aus 70 Metern vom Himmel, zerschellt zwischen Häusern, fängt Feuer und brennt aus.

Minuten später eilt der Hauptmann Oliver S. an die Absturzstelle. „Maschine gecrasht“ wurde ihm gemeldet, und dem jungen Offizier, im Camp der Heeresflieger auf dem internationalen Flughafen von Kabul für die Luftfahrzeugtechnik verantwortlich, rast das Herz im Leib. Auf halbem Weg bemerkt er die Rauchsäule über den Dächern. Feuerwehren bekämpfen die Flammen, englische ISAF-Soldaten riegeln das Gebiet ab.

Als S. das völlig zerstörte Wrack erreicht, sieht er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Alle sieben Besatzungsmitglieder sind tot. Unterstützt von Pionieren birgt er die Leichen – „das war der schlimmste Moment in meinem Leben“.

6000 Kilometer entfernt, in Laupheim, beendet die Schreckensnachricht einen vorweihnachtlich gestimmten Samstag. Das bis dahin schwerste Unglück bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr hat auch drei Angehörige des Heeresfliegerregiments 25 das Leben gekostet: Friedrich Deininger, Thomas Schiebel und Enrico Schmidt.

Hauptmann Deininger, mit fast 8000 Flugstunden einer der erfahrensten CH-53-Piloten, ist vielen in der Region bekannt durch seine Diavorträge, sein Engagement beim Amateurtheater Ochsenhausen und das in der Schwäbischen Zeitung veröffentlichte „Kroatische Tagebuch“ über die erste Balkan-Mission der Bundeswehr 1996. Ob in Kroatien oder am Hindukusch, stets hat er ein Auge für die Not leidende Bevölkerung. Zwei Tage vor seinem Tod besucht er mit Kameraden ein Kinderheim in Kabul; die Soldaten haben Geld gesammelt und bringen Decken, Kissen und Heizstrahler. Der 53-jährige Familienvater hätte gar nicht mehr in Afghanistan sein müssen. Er ist freiwillig für einen anderen Piloten eingesprungen, will an Silvester wieder zu Hause sein in Gutenzell. Seine Pensionierung steht unmittelbar bevor.

Der Hubschraubermechaniker Thomas Schiebel, geboren in Freising, 28, Hauptfeldwebel, hat sich in Kabul zum Bordschützen ausbilden lassen. Enrico Schmidt aus Erfurt, 24, war in der Flugbetriebsstaffel. Beide hinterlassen eine Lebensgefährtin, beide hatten Wurzeln in Oberschwaben geschlagen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag werden die Särge mit den Toten in die Heimat überführt. Die Bestürzung ist groß. Zu Hunderten tragen sich die Menschen in Kondolenzbücher ein, die Fahnen wehen auf halbmast. „Es ist, als wäre aus dem Herzen der Stadt ein Stück herausgerissen worden“, sagt Bürgermeisterin Monika Sitter. Bei der bewegenden Trauerfeier auf dem Heeresflugplatz beschreibt Pfarrer Magnus Weiger, was die Laupheimer so betroffen macht: Die verunglückten Soldaten sind keine anonymen, namenlosen Opfer. Und viele Kameraden fühlten sich, sagt der Seelsorger, „als wären sie ein Stück weit selber in diesem Hubschrauber gesessen“.

Zu schaffen macht den Heeresfliegern nicht zuletzt die quälende Ungewissheit, wie die CH-53 jählings abstürzen konnte. Die Maschine ist für den Lufttransport von Deutschland nach Afghanistan teilweise zerlegt und in Kabul wieder zusammengebaut worden; vor dem Unglück hat sie etwa 40 Flugstunden in Diensten der internationalen Schutztruppe absolviert, ohne Auffälligkeiten. Nun werden die Trümmerteile nach Deutschland gebracht und von Experten der Bundeswehr und der Universität Stuttgart akribisch untersucht. Fast zwei Jahre zieht sich das hin. Das Ergebnis bestätigt einen dringenden Verdacht: Eine der selbstsichernden Schraubenmuttern im Antriebssystem des Hubschraubers hat sich wegen eines Materialfehlers gelöst.

Das kleine Bauteil setzt eine schicksalhafte Kettenreaktion in Gang. Von enormen Fliehkräften beschleunigt, irrlichtert die Schraube durch das Gehäuse und trifft eine Antriebswelle; diese bricht und beschädigt lebenswichtige Steuerelemente der CH-53. Der Hauptrotor verliert schlagartig an Drehzahl, die Maschine ist außer Kontrolle.

Der Abschlussbericht des Generals Flugsicherheit sorgt insofern für Erleichterung, als damit feststeht: Crew und Bodenpersonal haben nichts falsch gemacht. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg stellt ein Verfahren gegen drei Soldaten, die Wartungsarbeiten an dem verunglückten Helikopter verrichtet haben, umgehend ein. Gegen sie wurde wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt, nachdem das Verteidigungsministerium über menschliches Versagen spekuliert hatte.

Manche Heeresflieger reiben sich bis heute am offiziellen Untersuchungsergebnis. Dass sich höhere Stellen, allen voran der damalige Verteidigungsminister Peter Struck, nach dem Absturz sofort auf einen technischen Defekt festlegten, hat ihr Misstrauen geweckt; schließlich hatten sie es durchaus schon erlebt, dass die Hubschrauber mit Handfeuerwaffen beschossen wurden. Strucks Aussagen seien geeignet gewesen, den Ball in der öffentlichen Diskussion flach zu halten, wird gemutmaßt. Das Wort Krieg ist 2002 im Zusammenhang mit dem Afghanistan-Einsatz für die meisten deutschen Politiker noch tabu. Es sind indes keine Belege bekannt, dass die CH-53 angegriffen worden sein könnte.

Zehn Jahre nach dem Absturz erinnert das Laupheimer Regiment an diesem Freitag in einem Gottesdienst und beim Jahresschlussappell an die verunglückten Kameraden. „Sie sind unvergessen“, sagt der Presseoffizier Michael Manderscheid. Die Angehörigen sind wie jedes Jahr eingeladen.

Seit 2003 erinnert ein Gedenkstein in der Kiesinger-Kaserne an die sieben Toten von Kabul. Nach dem Absturz ist der Verband von Verlusten in Afghanistan verschont geblieben. „Dafür müssen wir dankbar sein“, sagt ein pensionierter Offizier. „Wir hatten seither großes Glück.“

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