„Wir haben uns sofort in das Haus verliebt“

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Diese Postkarte von 1928 zeigt in der Mitte das damals neu errichtete Wohnhaus des Ehepaares Betti und Max Schwed.
Diese Postkarte von 1928 zeigt in der Mitte das damals neu errichtete Wohnhaus des Ehepaares Betti und Max Schwed. (Foto: Archiv Manfred und Dominik Schwarz (www.laupheimer-ansichtskarten.de))
Schwäbische Zeitung

Fast 90 Jahre alt ist die Villa König-Wilhelm-Straße 27 – bald soll sie in altem Glanz neu erstrahlen. Florian Freudigmann und Karin Beck aus Laupheim haben das Haus, das einst im Besitz des jüdischen Paares Betti und Max Schwed war, vom Laupheimer Kiesabbau-Unternehmer Reinhold Ihle gekauft. Seit einem halben Jahr laufen die Renovierungsarbeiten.

Noch ist der Wohnraum in dem zweigeschossigen, 1927 erbauten Gebäude eine einzige Baustelle, aber den neuen Eigentümern steht die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. „Es ist nicht mehr nur irgendein Haus, sondern längst schon ,unser’ Haus“, sagt Karin Beck und strahlt. Sie selbst hat das Schmuckstück vor knapp einem Jahr entdeckt, wie einen Schatz am Meeresgrund. „Eigentlich schwärmten wir seit vielen Jahren von dem Eckhaus am Einmündungsbereich der König-Wilhelm-Straße und der Schillerstraße in die Ulmer Straße“, erzählt Florian Freudigmann, „aber der Nachteil bei diesem Haus ist, dass es keinen Garten hat. Da hat mich meine Freundin auf ein anderes Haus aufmerksam gemacht.“ Es steht nur wenige Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Seite der König-Wilhelm-Straße, hat einen Erker mit kleinem Balkon, viele Sprossenfenster, Fensterläden, ein mehrteiliges Walmdach, einen Garten – einfach ganz viel Charme.

„Wir haben uns nach dem Eigentümer erkundigt, die Räume besichtigt – und uns sofort in das Haus verliebt“, sagt Karin Beck. Die 29-Jährige und ihr ein Jahr älterer Freund haben Reinhold Ihle, der selbst keine Verwendung mehr für die Villa hatte und sich vor der notwendigen Investition für die Sanierung scheute, davon überzeugt, dass sie das Haus nicht etwa abreißen, sondern renovieren und den ursprünglichen Charakter erhalten wollen. „Das war mir wichtig“, sagt Ihle, der zuvor schon Interessenten abgesagt hatte, weil er sich über deren Absichten nicht sicher war.

Viel Eigenleistung

Trotz der guten Substanz des Gebäudes waren sich Karin Beck und Florian Freudigmann im Klaren darüber, dass sie es komplett sanieren und außer Idealismus auch viel Zeit und Geld in ihr Traumhaus würden investieren müssen. „Ein Abriss und Neubau kam nicht in Frage – vielleicht wäre es sogar teurer geworden“, sagt Florian Freudigmann. Nach der ersten Hochrechnung der Gesamtkosten war klar, dass es ohne Eigenleistung und die Unterstützung von Familie und Freunden nicht funktioniert. „Man darf sich aber auf die Hilfe nicht verlassen, sondern muss wissen, dass man viel selber machen muss“, erklärt der 30-Jährige.

Dabei kam ihm entgegen, dass er zuvor bei einem Onkel im Pitztal das Dachgeschoss eines alten Hauses ausgebaut hatte. „Das war sozusagen sein Gesellenstück“, sagt seine Freundin. Beide arbeiten in der Finanzbranche – auch kein Fehler bei so einem Projekt. „Man muss schon schauen, wo man Geld sparen kann“, sagt Florian Freudigmann und berichtet, dass das Auswechseln der Fenster sehr teuer geworden wäre. Beim Ausbau hat ein Antiquitätenhändler geholfen, der dafür einen Teil der Fenster erhalten hat. „Wir haben allein in diesem Bereich 5000 Euro gespart“, sagt Florian Freudigmann. Geld, das man in die neuen Holzfenster investieren konnte – schließlich musste es die teurere Variante mit Sprossen sein, durch die auch Betti und Max Schwed schon geschaut haben.

Hochwertig gebaut

Kosten gespart haben die Bauherren auch beim Entkernen des Hauses, das sie zusammen mit ihren Helfern selbst übernommen haben. „Im November haben wir damit angefangen“, sagt Karin Beck. Aus fast allen Räumen bis auf zwei, in denen ein altes Fischgrätenparkett verlegt ist, mussten die Böden inklusive Estrich raus, auch ein paar Zwischendecken mussten weichen. Böse Überraschungen blieben aus. „Nur ein Balken musste verstärkt werden. Man merkt die gute Substanz des Hauses, da wurde hochwertig gebaut“, sagt Florian Freudigmann.

Bis Ende Januar staubte es gewaltig in der König-Wilhelm-Straße 27. „Dann waren wir mit Entkernen fertig“, berichtet Karin Beck. „Jetzt geht es in die andere Richtung, was auch schön ist.“ Neue Holzböden kommen rein, eine neue Heizung, auch das Dach muss komplett erneuert und am Ende natürlich die Fassade gestrichen werden – in der ursprünglichen Farbe. „Es soll ja so aussehen wie früher“, sagt Karin Beck.

Und bis wann soll das Traumhaus fertig sein? „Weihnachten“, meint Karin Beck. Mit einem Lächeln fügt sie an: „Es ist nur noch nicht klar, in welchem Jahr.“

Die Geschichte des Hauses:

Das Haus König-Wilhelm-Straße 27 wurde in den Jahren 1926/27 von Betti und Max Schwed gebaut. Das jüdische Ehepaar war 1903 nach Laupheim gezogen, nachdem Max Schwed eine dauerhafte Anstellung als Prokurist beim Hopfenhandel S.H. Steiner gefunden hatte. Im Juli 1928 wurde dem Ehepaar große Aufmerksam zuteil, als Max Schweds 25-jähriges Dienstjubiläum bei der Firma Steiner im Bahnhofhotel groß gefeiert und darüber auch im „Laupheimer Verkündiger“ berichtet wurde.

Fünf Jahre später starb Max Schwed im Alter von 59 Jahren in Ulm, seine Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beigesetzt. Zwei Jahre danach verließ Betti Schwed Laupheim, um in ihren Geburtsort Nürnberg zu ziehen. Ihr gelang schließlich die Emigration in die USA (Quelle: das Buch „Die jüdische Gemeinde Laupheim und ihre Zerstörung“, verfasst von einer Arbeitsgruppe der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken, Laupheim)

Nach Betti Schweds Emigration pachtete Zahnarzt Schäfer, späterer Schwiegervater des Laupheimer Kiesabbau-Unternehmers Reinhold Ihle, das Haus, richtete im Obergeschoss seine Praxis und im Erdgeschoss seine Wohnung ein. Nachdem Betti Schwed von den Nazis zwangsenteignet worden sei, hätten diese das Haus in ein Müttergenesungsheim umwandeln wollen, berichtet Ihle: „Meine Schwiegermutter ist extra nach Berlin gefahren, um mit den Nazis zu verhandeln, und hat die Pläne verhindert.“ Das Zahnarzt-Paar habe in dem Haus bleiben können und es nach dem Krieg, als es wieder Eigentum von Betti Schwed geworden sei, von ihr abgekauft. Schäfer betrieb seine Praxis bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1980. Die Familie Ihle erbte das Haus und vermietete es. Seit Sommer 2015 ist es Eigentum von Florian Freudigmann und Karin Beck aus Laupheim.

Karin Beck und Florian Freudigmann sind an alten Bildern vom Haus König-Wilhelm-Straße 27 interessiert, um daraus eventuell eine Fotowand zu gestalten. Wer etwas beizusteuern hat, darf sich gerne per E-Mail (beck.karin@freenet.de) melden oder eine Nachricht im Briefkasten hinterlassen.

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