Winnetou im Schlaggenwald

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Bei einem gemeinsamen Spaziergang, der unter anderem zum Hans-Heiling-Felsen (Bild) führte, vertieften die deutschen und tschech
Bei einem gemeinsamen Spaziergang, der unter anderem zum Hans-Heiling-Felsen (Bild) führte, vertieften die deutschen und tschechischen Musikerinnen und Musiker ihre Freundschaft. (Foto: PETR HEMMER)
Eva Klopp

Bereits zum zweiten Mal ist das Laupheimer Musikschulorchester unter der Leitung von Petr Hemmer in die Tschechische Republik gereist. Vom 27. April bis zum 1. Mai musizierten die 28 jungen Musikerinnen und Musiker zusammen mit den Mitgliedern der ZUŠ-Band im Kulturhaus von Horní Slavkov. Neben zwei gemeinsamen Konzerten und intensiver Probenarbeit stand für die Teilnehmer zudem ein Besuch in Karlsbad auf dem Programm.

Horní Slavkov, mit deutschem Namen auch Schlaggenwald genannt, ist die Heimatstadt von Petr Hemmer. Umgeben von den Kurorten Karlsbad, Marienbad und Franzensbad zeichnete sie sich bereits im 12. Jahrhundert durch die beginnende Bergbauindustrie aus. Grund dafür waren die großen Vorkommen von Zinn, Silber, Bronze und Uran, aber auch Wolfram, Blei sowie Halbedelsteine wurden dort verarbeitet. Später gesellten sich zu der Bergbauförderung außerdem eine Porzellanmanufaktur, eine Knopffabrik und eine Wollweberei.

Ein erster Blick aus dem Fenster des Busses zeigte, dass die Stadt im Laufe ihrer Geschichte einiges durchleiden musste. Von den einstigen Bauten im Rennaissancestil sind mittlerweile nur noch vereinzelte Häuser übrig geblieben, der Großteil wurde abgerissen und durch Gebäude im spät-stalinistischen Stil ersetzt. Diese Gebäudekomplexe umgeben das Kulturhaus des Ortes, welches zur Hauptstätte des deutsch-tschechischen Austausches wurde. Hier fanden die Proben des Orchesters statt, wurde zu Mittag gegessen und sich ausgetauscht mit Händen, Füßen, Englisch und ein paar Brocken Tschechisch.

Das wertvollste Denkmal Horní Slavkovs ist sicherlich die gotische Festungskirche St. Georg. Der imposante, mit Schießscharten versehene Bau soll bereits im 13. Jahrhundert errichtet worden sein, erhielt aber im 16. und 18. Jahrhundert zusätzlich gotische und barocke Elemente. Der Innenraum der Kirche ist mittlerweile angestaubt und verwaist, die bunt bemalten Fensterscheiben teilweise geborsten. Nach Jahren des Verfalls wird die Kirche nun restauriert und ist nur bedingt der Öffentlichkeit zugänglich.

Nicht jedoch für die jungen Gäste Laupheim: Im Rahmen eines Benefizkonzertes belebten sie den hohen Raum mit feierlichen Klängen von Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach und konnten so einen kleinen Teil zum Erhalt des Gebäudes beisteuern. Aber auch schwungvolle irische Weisen und Filmmusik (etwa aus „König der Löwen“ und „Madagaskar“) unterstützte das Gebäude mit feiner Akustik. Das überzeugte die Zuhörer, und so hielt es am Ende des Konzertes zwischen Absperrbändern und Bauschutt kaum jemanden mehr auf den provisorisch aufgestellten Bierbänken.

Konzert als Höhepunkt

Den unumstrittenen Höhepunkt der Reise und ein weiteres Zeichen deutsch-tschechischer Freundschaft stellte das Konzert am Sonntagabend im Kulturhaus von Horní Slavkov dar. Vor allem der zweite Teil des Konzertes ließ die MusikerInnen auf der vergleichsweise engen Bühne zusammenrücken, da das Musikschulorchester zusammen mit den tschechischen MusikerInnen bekannte und eingängige Medleys aus Film und Fernsehen (unter anderem aus „Robin Hood“, „Winnetou“ und „Herr der Ringe“) darbot.

Der Klang der Laupheimer Streicher ergänzte sich wunderbar mit der überwiegend aus Bläsern bestehenden tschechischen ZUŠ-Band und formte einen intensiv-imposanten Klangcharakter, welchem die überschäumende Spielfreude der jungen MusikerInnen deutlich anzuhören war. Ein kleines Highlight: Eltern, Freunde und Bekannte sowohl in Tschechien als auch in Deutschland konnten das Konzert via Facebook live zu Hause mitverfolgen.

Tags darauf hieß es für beide Ensembles, erst einmal auszulüften. Bei einem ausgedehnten Waldspaziergang Richtung Karlsbad konnte unter anderem der Hans-Heiling-Felsen besichtigt werden. Diese beeindruckende Felsformation liegt am Fluss Eger und wird von zahlreichen Sagen und Mythen umrankt. Eine davon besagt, ein Mann namens Hans Heiling wäre von einer eifersüchtigen Nymphe verflucht und mit seiner ganzen Hochzeitsgesellschaft zu Stein verwandelt worden, als er eine andere Frau heiraten wollte. Zum Glück ereilte keinen der MusikerInnen das gleiche Schicksal. Neben der Natur stand zum Abschluss noch ein gemütlicher Stadtbummel durch Karlsbad auf dem Programm, bevor es galt, Abschied und Kurs Richtung Laupheim zu nehmen.

Diese Reise, da waren sich alle Beteiligten einig, war sowohl musikalisch als auch zwischenmenschlich eine absolute Bereicherung, die noch lange nachklingen wird. Sie ist auch der Beginn neuer Freundschaften, die darauf warten, beim Besuch der tschechischen MusikerInnen in Laupheim nächstes Jahr erneuert zu werden.

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