Wie Amadou sein Faible für Holz entdeckte

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Selbst gebaut: Die Teilnehmer des Projekts „Kooperative Berufsorientierung für neu Zugewanderte“ an der Kilian-von-Steiner-Schul
Selbst gebaut: Die Teilnehmer des Projekts „Kooperative Berufsorientierung für neu Zugewanderte“ an der Kilian-von-Steiner-Schule präsentieren zusammen mit Zimmermeister Andreas Wiedmer und seiner Frau Antje ihre Relax-Liege für den Schulhof. Mit ihnen freuen sich Joke Blancke, Klassenlehrerin der VABO-II-Klasse (hintere Reihe, links), Schulleiter Joachim Trautmann (4. v. l.) und Manuel Manz von der IHK Ulm (6. v. l.). (Foto: Roland Ray)
Redaktionsleiter

Amadou Tijan Jallow, 23 Jahre alt, aus Gambia nach Deutschland geflohen, fängt im September bei der Firma Wiedmer in Stetten eine Ausbildung zum Zimmerer an. Das Projekt „Kooperative Berufsorientierung für neu Zugewanderte“ (KooBo-Z), das an der Kilian-von-Steiner-Schule Laupheim zwei Jahre erfolgreich gelaufen ist, hat dem jungen Mann den Weg geebnet.

KooBo-Z wird mit Bundesmitteln gefördert und vom Stuttgarter Kultusministerium unterstützt. Die regionale Projektleitung lag bisher bei der Industrie- und Handelskammer Ulm. An der Laupheimer Berufsschule nahmen dieses Schuljahr 13 Schülerinnen und Schüler der VABO II-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) teil, im Jahr zuvor waren es 14. Die meisten sind Flüchtlinge.

„Ziel des Projekts ist es, den Schülern Einblicke in die Berufswelt zu vermitteln und sie bei der beruflichen Orientierung zu unterstützen“, sagt Armin Speidel von der Koordinierungsstelle Flüchtlinge bei der IHK Ulm. Sein Kollege Manuel Manz hat mit ihnen die regionalen Bildungsmessen besucht. Profis erklärten, wie man eine Bewerbungsmappe anlegt, und übten Vorstellungsgespräche mit ihnen. Gemeinsam mit dem Schulsozialarbeiter und der Klassenlehrerin wurden Beratungsgespräche bei Unternehmen geführt.

Einen Tag pro Woche hat jeder Schüler das ganze Schuljahr über ein Betriebspraktikum absolviert. Daraus haben sich bereits weitergehende Beschäftigungsverhältnisse entwickelt. So beginnt Mohammad Mohammadi jetzt eine Ausbildung als Technischer Konfektionär bei der auf Zelte, Trennwände und Industrievorhänge spezialisierten Firma Stegmaier in Schemmerberg. In Afghanistan hat der 21-Jährige als Schneider gearbeitet. Seine Fertigkeiten sind bei Stegmaier gefragt, umso mehr, als es der Branche hierzulande an Nachwuchs fehlt.

Ausmessen, sägen, schrauben

Ein zentraler Baustein bei KooBo-Z ist, dass die Teilnehmer zusammen etwas herstellen und auch auf diese Weise Berufsfelder erlebbar werden. 2016/17 hat die Gruppe an der Kilian-von-Steiner-Schule den Musikprobenraum, der zuvor mehr an einen Abstellraum erinnerte, unter Anleitung des Zimmermeisters Andreas Wiedmer wärme- und schallisoliert; der Schulband eröffnet das ganz neue Möglichkeiten. Ausmessen, anzeichnen, sägen, schrauben, kleben, schleifen: Alle diese Arbeitsschritte haben die jungen Leute kennen gelernt.

Im laufenden Schuljahr haben die Schüler den Probenraum vollendet und eine Relax-Liege aus Holz für den Schulhof gebaut. Tatkräftig unterstützt hat sie dabei erneut Andreas Wiedmer: „Wir haben Konstruktionsskizzen gezeichnet, Baumaterial eingekauft, die Unterkonstruktion, Latten und Streben zugesägt, die einzelnen Teile verschraubt, den Bodenanker und die fertige Liege montiert.“ Die Schüler lernten dabei den Umgang mit Schrauber und Sägen, Bohrmaschine und Bandschleifgerät.

„Seine Bewerbung war topp“

Der Schulhof hat zweifellos an Attraktivität gewonnen – und die Firma Wiedmer unversehens einen Azubi. Amadou Tijan Jallow, dem zunächst etwas in Richtung Elektronik vorschwebte, fand, je mehr der Bau der Liege voranschritt, so großen Gefallen am Zimmerer-Handwerk, dass er sich in Stetten um einen Ausbildungsplatz bemühte. „Seine Bewerbung war topp“, lobt die Diplom-Kauffrau Antje Wiedmer, die mit ihrem Mann den kleinen Betrieb führt. Wo jemand herkommt, spielt für sie keine Rolle: „Für uns ist das Interesse am Zimmererberuf entscheidend und dass Der- oder Diejenige zum Team passt.“

„Wir sind aus Brandenburg und mussten uns ja auch erst mal an eine fremde Sprache und andere Gepflogenheiten gewöhnen, als wir 2003 nach Oberschwaben gezogen sind“, sagt Andreas Wiedmer mit einem Augenzwinkern. Und verweist auf den Fachkräftemangel, der auch für seinen Betrieb ein Problem darstellt. Bis sich Amadou bewarb, war der Ausbildungsplatz vakant.

Ein dauerhaftes Bleiberecht hat der junge Gambier bisher nicht. Die Ausbildung kann er mit Zustimmung der Ausländerbehörde beginnen. Sollte sein Asylverfahren endgültig negativ beschieden werden, benötigt er eine Ausbildungsduldung, um die Lehre zu Ende bringen zu können. „Und wenn er ausgebildet ist, dann soll er auch hierbleiben dürfen“, findet Andreas Wiedmer. Wer sich integriere, dem müsse man das ermöglichen.

Von den aktuellen KooBo-Z-Teilnehmern an der Kilian-von-Steiner-Schule wechseln jetzt fünf in eine Ausbildung oder Einstiegsqualifizierung, die meisten gehen weiter zur Schule. Das Projekt soll mit einem neuen Projektträger weiterlaufen. Die IHK Ulm steigt aus. „Natürlich werden wir die Schulen auch künftig beim Thema Berufsorientierung unterstützen“, betont Armin Speidel. KooBo-Z indes müsse nach den Vorgaben des Kultusministeriums künftig mehr als bisher auch in Vorbereitungsklassen an allgemeinbildenden Schulen angeboten werden. Dort aber seien viele Schüler jünger als an den Berufsschulen und auch von der Sprachkompetenz her oft noch nicht weit genug für das Thema Berufsorientierung.

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