Wenn Helfer selbst Hilfe brauchen

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Kennt die Belastungen für Feuerwehrleute aus jahrelanger Erfahrung: Kommandant Andreas Bochtler in der Umkleide der Laupheimer
Kennt die Belastungen für Feuerwehrleute aus jahrelanger Erfahrung: Kommandant Andreas Bochtler in der Umkleide der Laupheimer Feuerwehr. (Foto: Axel Pries)
Die Helfer für die Helfer

Feuerwehrleute helfen sich gegenseitig – aber sie sind doch nicht alleine. Die Notfallseelsorge steht ihnen bei Bedarf zur Seite – eine Einrichtung, die bundesweit nach der Ramstein-Katastrophe verstärkt geschaffen wurde. In Laupheim machen das Stadtpfarrer Hermann Müller und die Fachberaterin Sigrun Hanel – beide in der Hilfe ausgebildet und ehrenamtlich aktiv. Bei schweren Unglücken ist einer von ihnen stets dabei, um sich um Opfer zu kümmern, um gegebenenfalls Angehörige zu verständigen und zu unterstützen. „Im Blaulicht will ich dabei sein, um zu helfen“, fasst das der Pfarrer zusammen.

Hinterher stehen beide aber auch den Helfern selbst zur Verfügung. Nach einem Einsatz fahre sie noch zur Feuerwache, erzählt seine Kollegin Sigrun Hanel: „Ich höre zu. Ich sitze da und warte, ob jemand sich etwas von der Seele reden möchte.“ Sie möchte vermitteln: „Wie ich mich fühle, das ist normal.“

Als Pfarrer werde er manchmal auch von der religiösen Seite angesprochen, sagt Herman Müller. Dabei sei er ja gar nicht als Pfarrer unterwegs. Doch schwere Unglücke führten wohl auch zu Fragen. „Sie zeigen unsere Machtlosigkeit vor dem Tod.“

So wie bei dem Flugzeugabsturz im Ilertal vor Jahren, erinnert sich Kommandant Andreas Bochtler. Nach der Bergung der Leiche waren die Feuerwehrleute geschockt. Der Seelsorger sprach spontan mit ihnen ein Gebet. „Da war es nicht wichtig, ob einer katholisch oder evangelisch war.“

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Die Zahlen klingen eher trocken: 384 Einsätze fuhren Laupheimer Feuerwehrleute im vergangenen Jahr, retteten elf Menschen, konnten sieben nur noch tot bergen. Doch hinter dieser Statistik steckt menschliche Not nicht nur bei den Brand- und Unfallopfern. Auch Einsatzkräfte belastet das erlebte Leid, und längst gibt es Seelsorge, die ihnen bei Bedarf beisteht. Doch Laupheims Feuerwehrkommandant Andreas Bochtler weiß: Die größte Hilfe leisten die Kameraden nach wie vor untereinander. Das einzige Gegenmittel gegen die Angst im Einsatz: Ausbildung und Disziplin.

PTBS ist bei Feuerwehrleuten schon lange bekannt

Geschichten von Soldaten, die aus Kriegsgebieten heimkehren, machten in den vergangenen Jahren das Phänomen der posttraumatischen Belastungsstörung publik. Doch unter Feuerwehrleuten und Rettungssanitätern kennt man diese Begleiterscheinung der Einsätze schon lange. Seit der Katastrophe bei der Flugschau 1988 in Ramstein mit 70 Toten und Hunderten Verletzten wird diese seelische Belastung anerkannt, und das Ereignis gilt als wesentlicher Impuls für die Entwicklung von Kriseninterventions- und Notfallseelsorge-Teams (Wikipedia). Man weiß: Es braucht nicht ein derartiges Katastrophenszenario, dass Feuerwehrmänner und -frauen die Bilder im Kopf nicht mehr loswerden. Ereignisse wie die schweren Unfälle vergangenes Jahr auf der B30 zwischen Biberach und Laupheim oder auch der Brand vor wenigen Wochen in Obersulmetingen hinterlassen ebenfalls Eindrücke, die aufgearbeitet werden wollen.

Der Schock kommt von selbst

„Die Belastung ist real!“, bestätigt Laupheims Feuerwehrchef Bochtler. Der 43-Jährige ist seit 29 Jahren bei der Feuerwehr aktiv und hat unzählige Einsatzfahrten erlebt, dabei viele tote Menschen gesehen. Er weiß: „Der Schock kommt von selbst“, wenn es gilt Verletzte zu retten oder Tote aus zertrümmerten Autos zu bergen. Auch auf solche Situationen soll die Ausbildung vorbereiten – und das Ablauftraining die Aktiven mental stärken. „Dass man seine Aufgabe gut beherrscht, das gibt Sicherheit!“

Mulmiges Gefühl fährt mit

Dennoch: Sitzen die Feuerwehrleute in der Enge des Einsatzfahrzeugs zusammen, während über ihnen das Blaulicht kreist, und das Martinshorn für freie Fahrt sorgt, fährt je nach Alarmierung ein Gefühl von Mulmigkeit bis Angst mit, erzählt Bochtler. „Man geht da mit einer Maximalvorstellung von dem hin, was passiert sein kann.“ Die vielfach eingeübten Handlungsabläufe helfen, das Gefühl zu überwinden: „dafür die viele Ausbildung.“ Bei ihm sei es so, sagt er: „Wenn der Pieper losgeht, dann gehe ich auf Funktion.“ Und trainierte Funktion hilft dann beim Einsatz, die Aufgabe zu erfüllen. Ein zerschmetterter oder verbrannter Mensch, tödliche Hitze am Brandort: „Da hat man keine Zeit, darüber nachzudenken“, meint Bochtler. Mit seiner Erfahrung weiß er: „Man entwickelt ein kleines Schutzschild, das Schreckliche auszublenden.“ Das Schutzschild hilft Atemschutzträgern auch, die Gefahr auszublenden, wenn die in ein brennendes, verrauchtes Haus eindringen, um nach Menschen zu suchen. Es ist irsinnig heiß, die Sicht ist gleich Null, der Puls steht bei 180.

Die Feuerwehr als Selbsthilfegruppe

Und dennoch: Verkehrsunfälle wie jene im Sommer 2017 mit Toten auf der B30 müssen verarbeitet werden. Da hilft man sich gegenseitig, meint der Chef: mit einer Besprechung nach dem Einsatz, mit Gesprächen im Kreis der Kameraden. „Manches, was dabei gesagt wird, klingt für Außenstehende erst einmal merkwürdig“, sagt Bochtler. „Das ist eine Form der Verarbeitung.“ Die Feuerwehr-Gemeinschaft federt die Last ab, während Adrenalin verdaut wird: „Man spricht es sich von der Seele.“ Die Männer und Frauen kennen sich von Hunderten Übungsabenden und Einsätzen übers Jahr und öffnen sich. „Da wird die Feuerwehr für sich selber zur Selbsthilfegruppe.“ Unter Freunden fließen dabei auch schon mal Tränen. Nach dem großen Brand in Obersulmetingen vor kurzem, so sagt Bochtler, habe er angeordnet, dass alle Feuerwehrleute noch zusammenbleiben, „damit jeder die Möglichkeit hat, etwas zu sagen.“

Immer wiederkehrende Bilder

Wie schwer die Last auf der Seele der Retter ist, hängt natürlich vom Ereignis ab – aber auch von der Tagesform. Im vergangenen Jahr, so erinnert sich der Kommandant, musste auf der Bundesstraße ein Mensch geborgen werden, der in seinem zerstörten Auto verbrannt war. „Das war schon eine Extrembelastung.“ Der Unfall erwischte die Laupheimer Feuerwehrleute aber bereits angegriffen. Es herrschte bereits Trauer, weil tags zuvor ein Mitglied gestorben war. Und bei ihm blieben das Geschehen in einer Endlosschleife hängen. Er habe schlaflose Nächte gehabt. „Diese Bilder habe ich immer wieder gesehen.“ Der erfahrene Feuerwehrmann suchte sich Hilfe: Die Notfallseelsorge vermittelte psychologische Unterstützung, und über Wochen schaffte er es, den Stress zu verarbeiten. Er hat das Trauma überwunden und schließt: „Man darf sich nicht schämen. Ich bin froh, dass ich das offen angesprochen habe.“

 

Die Helfer für die Helfer

Feuerwehrleute helfen sich gegenseitig – aber sie sind doch nicht alleine. Die Notfallseelsorge steht ihnen bei Bedarf zur Seite – eine Einrichtung, die bundesweit nach der Ramstein-Katastrophe verstärkt geschaffen wurde. In Laupheim machen das Stadtpfarrer Hermann Müller und die Fachberaterin Sigrun Hanel – beide in der Hilfe ausgebildet und ehrenamtlich aktiv. Bei schweren Unglücken ist einer von ihnen stets dabei, um sich um Opfer zu kümmern, um gegebenenfalls Angehörige zu verständigen und zu unterstützen. „Im Blaulicht will ich dabei sein, um zu helfen“, fasst das der Pfarrer zusammen.

Hinterher stehen beide aber auch den Helfern selbst zur Verfügung. Nach einem Einsatz fahre sie noch zur Feuerwache, erzählt seine Kollegin Sigrun Hanel: „Ich höre zu. Ich sitze da und warte, ob jemand sich etwas von der Seele reden möchte.“ Sie möchte vermitteln: „Wie ich mich fühle, das ist normal.“

Als Pfarrer werde er manchmal auch von der religiösen Seite angesprochen, sagt Herman Müller. Dabei sei er ja gar nicht als Pfarrer unterwegs. Doch schwere Unglücke führten wohl auch zu Fragen. „Sie zeigen unsere Machtlosigkeit vor dem Tod.“

So wie bei dem Flugzeugabsturz im Ilertal vor Jahren, erinnert sich Kommandant Andreas Bochtler. Nach der Bergung der Leiche waren die Feuerwehrleute geschockt. Der Seelsorger sprach spontan mit ihnen ein Gebet. „Da war es nicht wichtig, ob einer katholisch oder evangelisch war.“

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