Warum zwei Busunternehmen im Kreis Biberach den ÖPNV-Ausbau kritisch sehen

Crossmedia-Volontär
Frederic Schenkel

Die Busunternehmen Reinalter aus Laupheim und Fromm aus Wain blicken dem geplanten Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) skeptisch entgegen. Der Grund: Zwar soll sich in Modellregionen wie dem Kreis Biberach laut Plänen des Landesverkehrsministeriums das Nahverkehrsangebot deutlich verbessern. Doch laut den Geschäftsführern der Busunternehmen ist die Personalsituation im Linienverkehr schon jetzt angespannt. Unter den gegebenen Bedingungen halten sie die Ausweitung des Angebots bis 2026 für nicht umsetzbar.

Verkehrsraum soll neu überplant werden

Eigentlich sollte im Jahr 2022 mit der Umsetzung der ÖPNV-Strategie 2030 des Landes begonnen werden – doch diese dürfte im Kreis wohl auf sich warten lassen. „Der Linienverkehr ist ein komplexes Uhrwerk, in dem man nicht einfach ein Rädchen austauschen kann“, sagt Peter Fromm, Geschäftsführer von Fromm-Reisen. Momentan hätten die Busunternehmen in der Region noch laufende Verträge für die verschiedenen Linien.

Doch für die meisten Linien sei bereits ein gemeinsames Enddatum festgelegt worden. Das entspreche dem Plan, den Verkehrsraum neu zu überplanen, erklärt Fromm. Mehrere Linien würden zusammengefasst und als gemeinsame Konzession vom Landratsamt ausgeschrieben. Im Alb-Donau-Kreis seien bereits drei Linien zusammengelegt und die Taktung erhöht worden. „Das sieht schon stark nach Landeskonzept aus“, so Fromm.

Das Land Baden-Württemberg will den öffentlichen Nahverkehr deutlich besser ausbauen: Ein Beschluss der Landesregierung sieht vor, dass in Modellregionen die „Mobilitätsgarantie“ erprobt wird. Bis 2030 sollen sich die Fahrgastzahlen sogar verdoppeln. Dazu bedarf es laut Verkehrsministerium „spürbarer Fahrplan- und Taktverdichtungen“.

Vielen Busunternehmen fehlt es an Fahrern

So sollen bis im Jahr 2026 Busse und Bahnen zu den Hauptverkehrszeiten innerhalb von Städten alle 15 Minuten fahren, für den Überlandverkehr ist ein 30-Minuten-Takt geplant. Das Angebot soll von 5 Uhr morgens bis Mitternacht ausgeweitet werden und Menschen zum Umstieg vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel anregen. Auch der Landkreis Biberach wurde als eine von mehreren Modellregionen ausgewählt.

Um sich auf einen zusammengelegten Verkehrsraum wie den im Alb-Donau-Kreis zu bewerben, fehlt es Firmen wie Fromm Reisen jedoch an Personal. „Dabei sind wir eines der wenigen Unternehmen, die aktuell nach Fahrplan fahren“, schildert Fromm. Ringsum würden „reihenweise Fahrten ausfallen, weil Fahrpersonal fehlt“. Fromm prognostiziert: „Im Winter wird es richtig eng.“ Denn: die Personaldecke bei den Fuhrunternehmen sei dünn. Zudem müssten die Unternehmen wegen Krankheitsfällen bereits Fahrten streichen. Und Fromm rechnet damit, dass steigende Corona-Infektionszahlen im Herbst diesen Engpass noch verstärken.

Bisher seien die Ziele des Landes von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit den Busunternehmern im Kreis besprochen worden. Doch die höhere Taktung im Nahverkehr sei mit einem erheblichen personellen Mehraufwand verbunden. „Zwischen den Zielen und der Umsetzung vor Ort klafft eine riesige Lücke“, sagt Fromm. Besonders schwierig wird die für nach 2026 geplante höhere Taktung außerhalb der Hauptverkehrszeiten.

Pläne des Verkehrsministeriums sind in Gefahr

Eine Überlegung sei, diese mit Rufbussen abzudecken. Doch Fromm gibt zu bedenken: „Auf allen Linien bräuchte es ein Heer an Fahrern, die in Bereitschaft sitzen, bis jemand anruft.“ Innerhalb der Branche werde gemunkelt, dass die Pläne bis 2030 nicht mehr zu halten seien. Zudem sei die Kostenfrage noch nicht beantwortet: „Es ist ja nicht davon auszugehen, dass sich der Mehraufwand durch Fahrkartenverkäufe bezahlen lässt“, sagt er. Der Verlustausgleich, den der Kreis den Unternehmen zahlt, müsse stark steigen.

„Primär ist die neue Taktung für unsere Branche ein gutes Zeichen“, sagt Maximilian Reinalter, der gemeinsam mit seinem Vater Achim Geschäftsführer bei Reinalter Reisen ist. „Wir befürworten auch grundsätzlich den Ausbau des ÖPNV, allerdings scheint, dass man sich keine Gedanken um die Finanzierbarkeit gemacht hat.“ Als ein zentrales Problem nennt auch er den Personalmangel. Die benötigte Zahl an Fahrern existiere nicht ansatzweise.

Überraschend sei das nicht, so Reinalter. Die Fahrerlaubnis koste in etwa 10.000 Euro. „Das zahlt natürlich keiner und dann müssen die Unternehmen finanzieren, was auch nicht unbegrenzt möglich ist.“ Außerdem betrage die Ausbildungszeit drei bis sechs Monate und sei damit deutlich zu zeitintensiv.

Busunternehmer fordert, Hürden für die Fahrerlaubnis zu senken

Reinalter hat eine Idee, wie dieses gesamtdeutsche Problem in den Griff zu bekommen ist: „Die Politik müsste den Beruf des Busfahrers als Mangelberuf ausrufen. Das würde die Erlangung der Fahrerlaubnis deutlich vereinfachen.“ Als positives Beispiel hebt er hierbei Österreich hervor, das die Kosten für einen Busführerschein und die Ausbildungszeit gesenkt hat. Das Resultat seien Bewerber. Die Qualität der Fahrer sei aber trotz der kürzeren Ausbildungsdauer nicht gesunken.

„Die Hürden für die Fahrerlaubnis zu senken ist ein unabdingbarer Schritt, um das Vorhaben der Landesregierung umzusetzen“, ist sich Reinalter sicher. Aktuell bliebe nur die Möglichkeit, Fahrer aus Osteuropa zu rekrutieren. Fahrer aus nichteuropäischen Ländern zu bekommen, sei dagegen aufgrund von Schwierigkeiten bei Arbeitserlaubnis und Führerscheinanerkennung kaum möglich.

Das zweite zentrale Problem stellten die aktuellen Dieselpreise dar, so Reinalter. „Das wird kleinere Unternehmen an die Grenzen und darüber hinaus bringen“, sagt er. Verschlechtert werde die Situation noch durch einige Landratsämter, die keinen Ausgleich für die gestiegenen Kosten schaffen würden. „Es ist alles sehr heterogen. Den einen wird geholfen, den anderen nicht. So entsteht ein Flickenteppich.“ Von einer landes- oder gar bundesweiten Lösung scheint man also noch weit entfernt zu sein.

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Persönliche Vorschläge für Sie