Tod im Bombentrichter

Lesedauer: 6 Min
Redaktion Laupheimer Anzeiger

Eine Waschschüssel, weiß emailliert, ist eines der wenigen Dinge, die an das Leben von Johann Häußler erinnern. Der Laup-heimer wurde am 15. Februar 1898 geboren. Am heutigen Samstag jährt sich der Tag, an dem Häußler als vermisst gemeldet wurde, zum 100. Mal. Vermisst in der „Schlacht von Amiens“, die sich über mehrere Tage im August 1918 hinzog. Damit steht das Schicksal des zu diesem Zeitpunkt 20-Jährigen stellvertretend für viele weitere deutsche Soldaten, deren Verbleib nach dem Kampfgeschehen an der Somme in Frankreich ungewiss blieb. Michael Schick hat die Geschichte seines Großonkels dokumentiert und damit zugleich einen Einblick in das Leben vor 100 und mehr Jahren gegeben.

Es waren andere Zeiten in Laupheim. Schon die Kindheit von Johann Häußler zeigt: Leben und Tod lagen enger beisammen als heutzutage. Johann, der Erstgeborene seiner Eltern, hat noch fünf Geschwister, von denen drei im ersten Lebensjahr sterben. Der Junge wächst im Hafnergässle 16 auf, in einem rund 60 Quadratmeter großen Reiheneckhaus. In dem Gebäude aus dem Jahr 1660 gibt es kein Bad – ein Normalzustand in vielen Häusern dieser Zeit. Die Toilette befindet sich außerhalb, auf der Gebäuderückseite. Fließend Wasser gibt es nur in der Küche. Im kleinen Vorgarten wird Gemüse angebaut, hinter dem Haus hält die Familie ein Schwein und Kaninchen. Johanns Vater Josef ist Werkzeugmacher, seine Mutter Maria Hausfrau.

Johann besucht die Volksschule und erlernt den Schlosserberuf. Mit 19 Jahren wird er im Januar 1917 als Landsturmmann in den Militärdienst zum Landwehrinfanterieregiment Nr. 124 nach Ulm rekrutiert, nach seiner Grundausbildung in das Württembergische Reserve-Infanterieregiment Nr. 248 versetzt und an die Westfront geschickt.

Vermutlich zu Beginn der Dienstzeit werden bei einem Fotografen in Ulm Passbilder angefertigt, die später in vorgefertigte Kunstdrucke eingesetzt wurden. „Dieses Geschäft mit den Kriegssouvenirs war gut organisiert und sortiert“, weiß Michael Schick.

„Kriegsverwendungsfähig“

Schon bald fordert der Krieg seinen Tribut: Am 18. Februar 1918 wird Johann im Kampf verletzt und in das Feldlazarett 323 bei Zedelghm in Belgien eingeliefert. Zwei Tage später wird er zur Krankensammelstelle nach Brügge und am 1. März zur Erholung in das Vereinslazarett nach Eberswalde in Brandenburg verlegt. Am 31. März 1918 jedoch wird der 20-Jährige wieder als „kriegsverwendungsfähig“ erklärt und an die Front befohlen.

Im August kommt es südlich von Morlancourt in Frankreich zu den als „Schlacht von Amiens“ beschriebenen Kampfhandlungen. Johann Häußler und seine Kameraden sind dabei. Der 11. August wird sein Schicksal. Ein überlebender Kriegskamerad berichtet später, dass Johann im Kampf in einem Bombentrichter Schutz suchte, wo kurz darauf eine weitere Granate einschlug.

Über die Kampftage zwischen dem 8. und 22. August 1918 schreibt General G. Flaischlen 1924 in einem Buch über die württembergischen Regimenter: „(…) Es gelang dem Feinde gegen Abend, beiderseits Morlancourt bis auf die Höhe des Talles-Waldes vorzudringen. In diesen Kämpfen wurde das beim Stoßregiment Gutscher hart südlich Morlancourt eingesetzte III. Bataillon fast gänzlich aufgerieben.“

26 492 Vermisste

Was sich im „Militärdeutsch“ der 20er-Jahre trocken anhört, muss furchtbar gewesen sein. Nicht nur die Kämpfe selbst zehrten an der Gesundheit der Soldaten. So werden in einem Sanitätsbericht über die Verluste der zweiten Armee des deutschen Heers zwischen dem 1. und dem 20. August 1918 allein 20 065 erkrankte Soldaten verzeichnet. Dazu kamen 14 533 Verletzte und 2596 Tote. Das Schicksal von Johann Häußler, „Vermisst“, teilten noch weitaus mehr Männer. Ihre Zahl liegt bei 26 492. Eine Zahl, die unvorstellbar scheint und die Angehörigen in der Heimat sicherlich verzweifeln ließ ob der Ungewissheit, was aus ihren Liebsten geworden war.

Seit dem 11. August 1918 galt Johann Häußler als vermisst. Rund eineinhalb Jahre später, am 10. Januar 1920, wurde er vom Standesamt Laupheim für tot erklärt. Eine Grabstelle gibt es nicht.

Johann Häußlers Mutter starb an Heiligabend 1921 im Alter von 51 Jahren – ohne Hoffnung, ihren Sohn je wiederzusehen. Die eingangs erwähnte Waschschüssel hatte der junge Soldat bei einem Heimaturlaub zurückgelassen. Sein jüngster Bruder Josef – der Großvater von Michael Schick – benutzte sie noch bis zu seinem Tod 1994.

Nach Michael Schicks Recherchen wurden 168 Laupheimer im Ersten Weltkrieg an der Front getötet.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen