So weit wie möglich weg von hier

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Bewegende Momente erlebten die Besucher zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Hannah Miska las aus ihrem
Bewegende Momente erlebten die Besucher zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Hannah Miska las aus ihrem Buch „So weit wie möglich weg von hier“. (Foto: Franz Liesch)
Schwäbische Zeitung
Franz Liesch

Es ist gut und unermesslich wichtig, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Das hat der Samstag erneut unter Beweis gestellt. Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des NS-Systems war in Zusammenarbeit der Stadt Laupheim mit der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken die Autorin Hannah Miska in das Museum zur Geschichte von Christen und Juden eingeladen worden.

Vor der Lesung machte Oberbürgermeister Rainer Kapellen deutlich, wie breit die Nazi-Verfolgung die Menschen traf: nicht nur Juden, sondern auch Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Geistliche. Die Nazis hätten nicht nur die Menschen in ihrer Existenz, sondern auch die Erinnerung an sie zerstören wollen. Noch sei nicht alles aufgearbeitet. Kapellen dankte den Organisatoren der Gedenkveranstaltung und stellte die Autorin und ihr Buch „So weit wie möglich weg von hier“ vor.

Auf den Spuren des Holocaust

Es waren viele Zufälligkeiten im Spiel, die dazu führten, die Psychologin Hannah Miska auf die Spuren des Holocaust zu führen. Zufall Nummer eins: Bei ihrem Aufenthalt in Melbourne/Australien entdeckte sie ein Hinweisschild auf ein „Holocaust Centre“. Ihre Neugierde war geweckt. In einem kleinen Museum fand sie eine Menge von Dokumenten, die vom Nazi-Terror in Europa Zeugnis ablegten. Sie betrachtete ein Foto von zwei jungen Mädchen, Zwillinge, die dem Sadisten im Arztkittel, Josef Mengele, entkommen waren. Da kam Zufall Nummer zwei ins Spiel: Während sie das Bild betrachtete, sprach eine ältere Dame sie an und erklärte, dass sie eines der Mädchen sei. Beide Zwillinge, erfuhr die Autorin, waren auf Umwegen nach Australien gekommen. So wie sie waren zahlreiche Juden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Australien ausgewandert.

Hannah Miska beschloss, in dem Museum mitzuarbeiten. Das brachte sie in Kontakt mit vielen jüdischen Auswanderern. Die einen konnten von dem Unfassbaren ihres Lebensschicksals erzählen, andere nicht. Das Gehörte muss man aufschreiben, wurde der Wissenschaftlerin klar. Das Ergebnis: 17 Biografien von Juden, die in Australien Zuflucht fanden. Darunter der Bericht von Kitia Altmann; er prägte den Gedenkabend.

Hannah Miska pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu Kitia Altmann. Erst vor wenigen Monaten ist die Frau im Alter von 98 Jahren gestorben. Während des Vortrags blickte sie von einem Bild, das auf die Leinwand projiziert wurde, ins Publikum.

Kitia Altmann wächst in Oberschlesien (Polen) in einer bürgerlichen Familie auf. Ein Foto zeigt sie als strahlendes, hübsches Mädchen, das im Sommer 1939 Abitur machte. Sie soll in Paris studieren. Doch der vom Zaun gebrochene Krieg ändert schlagartig ihr Leben. Unsicherheit breitet sich in der Stadt aus.

Die Schlinge zieht sich zu

Altmann beschreibt die Stimmung: Optimistisch die einen, realistisch die anderen, „aber an Untergang hat niemand gedacht“. Sie spricht davon, wie sich die Schlinge am Hals der jüdischen Bevölkerung zuzieht. Von 25 000 Juden im Städtle bleiben 50. Deportationen sind an der Tagesordnung. Kitia Altmann kommt auf wundersame Weise immer wieder durch. „Ich habe immer geglaubt, dass ich überleben werde“, zitiert ihre Biografin sie. Eine wichtige Rolle spielt dabei Alfred Rößner, der, ähnlich wie Oskar Schindler, seine Hand schützend über die Juden hält.

Dem Tod in Auschwitz-Birkenau entrinnt Kitia Altmann dadurch, dass sie sich zur Arbeit in eine Munitionsfabrik in Ravensbrück meldet. Schließlich strandet sie auf Vermittlung des Roten Kreuzes im April 1945 als KZ-Häftling in Schweden. Ihr Vater gibt ihr vor seinem Tod den Auftrag, sich so weit wie möglich von Europa entfernt niederzulassen.

Dem hat sie entsprochen. Sie baute sich, wie rund 20 000 andere Juden in Australien, ein neues Leben auf. Das ist es, was die Autorin Hannah Miska tief beeindruckt – wie es die Verfolgten und Traumatisierten geschafft haben, auf einem fremden Kontinent neu anzufangen, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse, ohne Familie.

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