Schüler als Jungunternehmer - wenn man fürs Leben lernt

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Sie bekochen Mitschüler: Neuntklässlerinnen des Laupheimer Schulunternehmens „Uncle Carl’s“.
Sie bekochen Mitschüler: Neuntklässlerinnen des Laupheimer Schulunternehmens „Uncle Carl’s“. (Foto: Volker Strohmaier)
Schwäbische Zeitung
Veronika Renkenberger

Persönlichkeitsbildung durch Eigenverantwortung

Schülergenossenschaften sind Übungsunternehmen, die von Schülern eigenverantwortlich geführt werden. Im Rahmen eines Schulprojektes erarbeiten sie eigene Geschäftsideen, Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe. Ihre Produkte und Dienstleistungen vertreiben sie schulintern oder auch außerhalb der Schule. Mal stehen freiwillige Arbeitsgemeinschaften dahinter, mal sind es ganze Klassen, die dafür außerhalb des Unterrichts zusammenarbeiten.

Gewinne zu erwirtschaften steht beim genossenschaftlichen Unternehmensprinzip nicht im Mittelpunkt. Viele der Firmen tun was für ihre Mitschüler oder für einen guten Zweck. Soziales Lernen, Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung sind wichtig.

In Baden-Württemberg startete die erste Schülergenossenschaft im Jahr 2012, aktuell sind es 22. Die Fäden laufen beim Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband (BWGV) zusammen. Jede Schülergenossenschaft wird ganz offiziell ins Genossenschaftsregister beim BWGV eingetragen und erhält den Namenszusatz „eSG“. Sie braucht dafür eine andere Genossenschaft als Partner. Dies übernehmen oft regionale Banken, deren Mitarbeiter die jungen Leute auch bei praktischen Fragen unterstützen. (vere)

„Ich bin überfordert mit Versicherungen und Verträgen“, seufzt die junge Frau in jenem Video, das im Internet 3,8 Millionen Mal angeschaut wurde. „Ich habe keinen Plan von einer Steuererklärung. Und warum? Weil ich nichts davon in der Schule gelernt habe.“ Fast 80 000 Zuschauern gefällt, was die gefilmte Praktikantin dann fordert: „Wir sollten auch was über die ganz normalen Dinge des Lebens lernen. Schnöde Sachen wie Haushalt, Finanzen und Versicherungen.“ Wie man später ein engagierter, teamfähiger Mitarbeiter wird, das fände sie auch sehr nützlich.

Klar: Sie war nicht in Laupheim auf dem Carl-Lämmle-Gymnasium und auch nicht in Fridingen an der Gemeinschaftsschule Obere Donau. Denn dort lernt man all das und viel mehr in Schülergenossenschaften. „Uncle Carl’s“ heißt das Laupheimer Unternehmen, das 2013 eine der ersten Schülergenossenschaften in Baden-Württemberg war. Bis heute werden dort Mitschüler bekocht. „Genoname“ nannten sich die jungen Fridinger, die den täglichen Getränkeverkauf ihrer Schule betreiben und einmal pro Monat Brot und Flammkuchen im Lehmbackofen backen. Jetzt im Frühjahr nehmen sie den zweiten Anlauf, eine Schulimkerei zu starten. Im Frühjahr 2017 ist ihr erstes Bienenvolk bei späten Frösten erfroren.

Bei „Uncle Carl’s“ stehen an diesem Freitag überbackene Seelen auf dem Plan. Die werden in der Mittagspause von fünf Neuntklässlerinnen zubereitet und warm über die Theke gereicht, dazu Salat. Vor dem ersten knusprigen Bissen muss einiges funktioniert haben: Dienstplan, Einkauf und Marketing für die Aktion, Timing und Hygienestandards beim Zubereiten. Man braucht Wechselgeld und hinterher eine stimmende Kasse. Denn Buchführung und Bilanz müssen so korrekt sein wie bei einer normalen Firma, sie werden jährlich vom Buchprüfer durchleuchtet. Fehlen Belege oder Buchungen, gibt es ernsthaft Ärger. Auch ärgerlich: Bei „Uncle Carl’s“ bleibt diesmal Essen übrig, weil parallel Jahrmarkt ist und viele Mitschüler lieber dorthin gingen. Hätte man einplanen sollen.

Scheitern gehört dazu

Scheitern gehört dazu, sagt Katharina Rall, die betreuende Lehrerin. „Wir Lehrer geben die Verantwortung ein gutes Stück weit ab. Natürlich klappt nicht alles. Mal wird was verpasst oder nicht organisiert – aber dann springt das Team in die Bresche. Oder sie kaufen falsche Mengen. So was sehe ich kommen, aber diese Erfahrung sollen sie ruhig machen, dann gibt es eben zu wenig Salatsoße. Und beim nächsten Mal wird’s besser.“

Dominik Schmid war unter denen, die „Uncle Carl’s“ gegründet haben. „Man muss als Schüler erst testen, was die eigenen Stärken und Schwächen sind“, sagt er und lacht: „Manche von uns haben rausgefunden, dass Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht so ihre Stärken sind.“ Das erste Jahr Buchhaltung war ungut, alle zusammen konnten sie die vom Buchprüfer aufgedeckte Schlamperei gerade noch auffangen.

Dominik Schmid wurde zum ersten Aufsichtsratsvorsitzenden der jungen Firma, trug viel Verantwortung. Was er mitnahm: Umgangsformen. Die Fähigkeit zu erkennen, wenn ein Konzept nicht funktioniert und es dann zu ändern. Die Erkenntnis, wie wichtig es ist, Netzwerke aufzubauen. Und Selbsterkenntnis. „Ich finde seither Selbstständigkeit sehr spannend. Ich kann mir gut vorstellen, mal eine Firma zu gründen. Ich habe gesehen, es ist viel Arbeit, aber es sind auch tolle Entfaltungsmöglichkeiten.“ Derzeit vertieft er das Kaufmännische, was er in der Genossenschaft schätzen gelernt hat, im Dualen Studium im Bereich Betriebswirtschaft.

Das Gründungsjahr war fordernd, erzählt er. Denn Schülergenossenschaften machen, anders als viele Schülerfirmen, nicht nur ein paar Monate Umsatz und am Ende des Schuljahres für immer Feierabend. Vielmehr legen sie ihre Strukturen für viele Jahre und auch mehrere Schülergenerationen an. Fast ein halbes Jahr hat das gedauert, in dem die Arbeitsgemeinschaft teils staubtrockene Materie beackerte. Immer wieder half Marion Fakler, die bei den wöchentlichen Treffen stets dabei war. Sie arbeitet für die Volksbank Raiffeisenbank Laupheim-Illertal, die Partnergenossenschaft der Gymnasiasten. Wenn es um Formelles oder Fachwissen geht, sind neben den Lehrern diese externen Partner sehr nützlich. Ebenso der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband BWGV, der das organisatorische Dach, Beratung, Betreuung und Materialien bietet.

Theorie und Praxis kombiniert

Gastronomie sollte es werden, entschieden die Laupheimer, Catering für das leer stehende Café der Schule. Das wollten die Gründer zu neuem Leben erwecken mit regionalen, saisonalen und frischen Produkten. Dann wurden Aufgaben verteilt. Die Einkaufsgruppe führte Preisverhandlungen mit Bäckern und Metzgern. Porzellan, Gläser und Besteck wurden gekauft, um Müll zu vermeiden. Bei Kaffee und Schokolade wählten die jungen Leute Fair-Trade-Produkte. Parallel strickten die Schüler an Geschäftsplan und Markteinschätzung, planten Finanzen und Marketing, entwickelten ihren Namen und das Logo, besetzten Vorstands- und Aufsichtsratsposten. Bänkerin Fakler hilft bis heute mit dem Buchhaltungsprogramm und beim Rechnungswesen, macht Unterrichtsbesuche.

Dietmar Blaß vom BWGV ist der Geburtshelfer aller baden-württembergischen Schülergenossenschaften. Er weiß: Im normalen Unterricht lernt man, wie etwas theoretisch geht, „aber oft ohne dass es geschnackelt hat“. Blaß liebt es, jungen Gründern zehn Euro in die Hand zu drücken und zu sagen: „Das ist eine Spende. Gehört euch – vorausgesetzt, dass ihr sie richtig in die Buchführung bringt.“ Also nicht in die nächstbeste Hosentasche damit und vergessen. Ein Beleg muss her, geht auch handgeschrieben.

„Wer als Jugendlicher in einer Genossenschaft mitgearbeitet hat, wird später im Job nicht betreten weggucken, wenn gefragt wird: Wer schreibt das Protokoll? Und wer in einer Genossenschaft war, verwechselt niemals Umsatz, Ertrag und Gewinn“, sagt Blaß. Er sah schon Schüler mit BWL-Studenten diskutieren, und die Schüler hielten problemlos mit – sie hatten mehr praktische Erfahrungen. Erfahrungen in mehr als einem Schulfach. Wie schreibe ich einen Geschäftsbrief so, dass ich ernst genommen werde? Kaufe ich das billigste Produkt – oder aus ethischen Gründen vielleicht ein anderes? Die erste Generation der baden-württembergischen Schülergenossenschaftler ist nun auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Bei Bewerbungen fallen sie auf, berichtet Blaß: „Eine hat gleich in der ersten Gesprächsrunde den Arbeitsvertrag bekommen.“

Junge Genossenschaftler werden regelmäßig zu Veranstaltungen eingeladen, treffen Unternehmer und Politiker, lernen, sich auf diesem Parkett zu bewegen. Auch das hilft später, weiß Blaß: „Wer mit einem wichtigen Menschen spricht und dabei was erreichen will, muss schnell auf sein Thema kommen – das merkt man bald.“ Er mag es, wenn junge Genossenschaftler erfahrene IT-Experten zu konkreten Fragen ausquetschen. Und er hört von Eltern, wie die neuen Aufgaben den Nachwuchs verändern: Plötzlich sei der pubertäre Sohn höflich. Beim Abendessen würden neue Themen aufkommen: Habt ihr bei euch in der Firma auch dieses und jenes Problem? Oder: Was passiert, wenn die Schule abbrennt und unsere Unterlagen verloren gehen – muss man dagegen vorbeugen, wie macht ihr denn das, lagert ihr was aus?

Gleich zwei baden-württembergische Landesministerien stehen hinter den Schülergenossenschaften, das Kultus- und das Wirtschaftsministerium. „Schüler sind angehende Verbraucher“, sagt ein Sprecher des Kultusministeriums. „Junge Menschen unterschreiben Handyverträge, sparen oder kaufen etwas auf Raten. Es nutzt nichts, wenn sie alle Merkmale sozialer Marktwirtschaft auswendig kennen, sich aber beim ersten Vertrag über den Tisch ziehen lassen.“ Aus Sicht des Kultusministeriums eignen sich handlungsorientierte Ansätze wie Schülergenossenschaften hervorragend, um Fachwissen mit eigenem Erleben zu unterfüttern. Das Ministerium bietet mit dem BWGV Lehrerfortbildungen an, um das Modell bekannter zu machen.

Unternehmergeist wecken

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau tut viel, um bei Jugendlichen Unternehmergeist zu wecken und junge Leute auf berufliche Selbstständigkeit vorzubereiten. In Schülergenossenschaften können Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Positionen in einem Unternehmen ausprobieren, auch solche, die man von daheim nicht kennt, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Wer die unterschiedlichen Tätigkeiten in einer solchen Firma erlebe, könne später in Unternehmen wirtschaftliche Zusammenhänge besser erkennen. Auffällig sei, wie sich die Jugendlichen auch persönlich dabei entwickeln: „Die meisten Jugendlichen machen einen richtigen Entwicklungssprung. Wenn man junge Leute bei ihrer ersten Firmenpräsentation und ein Jahr später erneut erlebt, wird das sehr deutlich.“

Die meisten Jungunternehmer machen sich viele Gedanken, erzählt Dietmar Blaß. Wenn es Gewinne gebe, werde diskutiert: Wo können wir am meisten bewirken mit dem Geld? „Sie wollen gestalten, wollen Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen. Ich habe ein derart positives Bild von der nachwachsenden Generation“, sagt der 65-Jährige. „Mir ist es nicht angst.“

Persönlichkeitsbildung durch Eigenverantwortung

Schülergenossenschaften sind Übungsunternehmen, die von Schülern eigenverantwortlich geführt werden. Im Rahmen eines Schulprojektes erarbeiten sie eigene Geschäftsideen, Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe. Ihre Produkte und Dienstleistungen vertreiben sie schulintern oder auch außerhalb der Schule. Mal stehen freiwillige Arbeitsgemeinschaften dahinter, mal sind es ganze Klassen, die dafür außerhalb des Unterrichts zusammenarbeiten.

Gewinne zu erwirtschaften steht beim genossenschaftlichen Unternehmensprinzip nicht im Mittelpunkt. Viele der Firmen tun was für ihre Mitschüler oder für einen guten Zweck. Soziales Lernen, Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung sind wichtig.

In Baden-Württemberg startete die erste Schülergenossenschaft im Jahr 2012, aktuell sind es 22. Die Fäden laufen beim Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband (BWGV) zusammen. Jede Schülergenossenschaft wird ganz offiziell ins Genossenschaftsregister beim BWGV eingetragen und erhält den Namenszusatz „eSG“. Sie braucht dafür eine andere Genossenschaft als Partner. Dies übernehmen oft regionale Banken, deren Mitarbeiter die jungen Leute auch bei praktischen Fragen unterstützen. (vere)

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