Rottum soll sich 300 Meter schlängeln

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Vogelperspektive: In dem rot umrandeten Areal zwischen „Neuer Welt“ und Kiesabbau Ihle will die Stadt einen 300 Meter langen Abs (Foto: SVL)
Schwäbische Zeitung
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Auf 300 Meter Länge will die Stadt nächstes Jahr die Rottum im Gewann „Bühlweg“, zwischen dem Gewerbegebiet „Neue Welt“ und der Kiesgrube Ihle, renaturieren. Am Montag hat der Bau- und Umweltausschuss die planerischen Arbeiten in Auftrag gegeben. Das Projekt dient der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie und des Gewässerpflege- und Entwicklungsplans für die Rottum, den der Gemeinderat 1997 verabschiedet hat. Naturnahe Gewässer sollen geschützt, seither begradigte Abschnitte neu gestaltet werden.

Am „Bühlweg“ ist ähnlich wie bei früheren Maßnahmen daran gedacht, das Flussbett auszuweiten und naturnahe Lebensräume für Fische, Amphibien und Libellen, Altarme und Überschwemmungszonen zu schaffen. Die erforderlichen Flächen – 19 000 Quadratmeter – gehören der Stadt. Die Verwaltung schätzt die Kosten auf 250 000 Euro, es winken EU- und Landeszuschüsse in Höhe von 70 Prozent.

Ihren Eigenanteil kann die Stadt auf das Öko-Konto verbuchen und als Ausgleich für Bebauungspläne abgelten. Im konkreten Fall will sie ihrer Pflicht nachkommen, Ausgleichsmaßnahmen für den „Ersatz-Kiesabbau“ der Firma Ihle im Gewann „Bühlweg“ zu erbringen. Das Unternehmen hatte seine Aktivitäten auf Wunsch der Stadt vor Jahren dorthin verlegt, um die Ansiedelung der Kässbohrer Geländefahrzeug AG im Gewann „Teufelsloch“ nördlich der L 259 zu ermöglichen.

„Die SPD stimmt gerne zu“, sagte Martina Miller. Ganz anders Peter Paul Bochtler (Freie Wähler): Dieser Abschnitt der Rottum sei keineswegs naturfern, protestierte er, sondern „seit Jahren total verwildert“. Inzwischen habe sich der Biber eingenistet. Wenn man nun auslichte und ausbaggere, vertreibe man das geschützte Tier wohl zunächst, während andernorts nichts mehr gehe, sobald es gesichtet werde – „man fragt sich, mit welchen Maßstäben hier gemessen wird“. Auch werde der Unterhalt des renaturierten Abschnitts Kosten verursachen – dabei habe die Stadt bisher nicht einmal das Geld aufgebracht, um den Wirtschaftsweg am Ufer freizuhalten.

Gegen das Projekt stimmte auch Josef Kerler (FW). Überall gingen der Landwirtschaft Flächen verloren, beklagte er. Die Anstrengungen in der Vergangenheit dienten dem Hochwasserschutz, und „irgendwann kommt das wieder“. Ulrike Stöhr vom Umweltamt konterte, bei Hochwasser wäre künftig mehr Stauraum vorhanden.

Achim Schick meinte: „Wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe.“ Die Stadt setze den Gewässerentwicklungsplan um und erbringe den fälligen Ausgleich in Sachen Kiesabbau. Jedoch wäre es nicht im Sinn der Steuerzahler, zu viel Geld auszugeben, mahnte der CDU-Stadtrat und zitierte aus einer Arbeitsanleitung der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz. Demnach ist bei gestalterischen Eingriffen „das Entwicklungspotenzial des Gewässers zu berücksichtigen, das heißt es sind nur die Voraussetzungen für die naturnahe Entwicklung zu schaffen“; keineswegs aber sei das Gewässer „in einen fertigen, ,scheinnatürlichen’ Zustand auszubauen“.

Ein kritischer Blick auf die Planung müsse erlaubt sein, sagte Werner Lehmann (FW). Er wollte den Wirtschaftsweg, auch als Geh- und Radweg, berücksichtigt wissen. Martina Miller empfahl den Lückenschluss in Richtung Vorholz-Süd.

Mit 10:2 Stimmen beauftragte der Ausschuss die Verwaltung, Pläne für eine wasserrechtliche Genehmigung durch das Regierungspräsidium auszuarbeiten. Die Renaturierung des Höllgrabens wird derweil zurückgestellt – „wieder einmal“, wie Martina Miller bedauerte.

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