Nachruf auf Friedrich E. Rentschler: Zwischen Biotechnologie und schönen Künsten

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Friedrich E. Rentschler führte das gleichnamige Familienunternehmen bis 1999. Darüber hinaus war der gebürtige Laupheimer ein en
Friedrich E. Rentschler führte das gleichnamige Familienunternehmen bis 1999. Darüber hinaus war der gebürtige Laupheimer ein engagierter Kunstfreund, der über Jahrzehnte hinweg eine bedeutende Sammlung aufbaute. (Foto: Roland Rasemann)
Rolf Dieterich

Der Laupheimer Unternehmer und bedeutende Kunstsammler Friedrich E. Rentschler ist tot. Er starb am vergangenen Donnerstag im Alter von 86 Jahren. Rentschler gehörte über Jahrzehnte hinweg zu den prägenden Gestalten der Wirtschaft und des kulturellen Lebens in Oberschwaben, und er war nach äußerer Erscheinung und innerer Haltung ein Herr, ein wahrer Gentleman.

Friedrich E. Rentschler wurde 1932 in eine Familie von Pharmazeuten hineingeboren, und es gab nie einen Zweifel, dass er nach einem einschlägigen Studium in das Familienunternehmen eintreten und dieses dann auch führen würde. Und genau so ist es auch gekommen. 1959 begann Rentschler seine Tätigkeit in der Firma und leitete sie bis 1999 als geschäftsführender Gesellschafter. Anschließend war er bis 2015 Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Mittel gegen Multitple Sklerose

Der renommierte Pharmahersteller hatte sich zunächst vor allem auf Medikamente zur Behandlung von Herz-/Kreislauf- und Erkältungskrankheiten spezialisiert. Bereits in den 1970er-Jahren leitete Friedrich E. Rentschler aber eine weitgehende Umstrukturierung ein. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das biotechnologische Know-how, das sich durch die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen für die Tiermedizin bei Rentschlers Bakteriologischem Institut in Warthausen (Landkreis Biberach) angesammelt hatte und auch nach dessen Verkauf bei dem ursprünglichen Eigentümer verblieben ist. Dieses Wissen nutzten Rentschler und seine leitenden Mitarbeiter ab 1974 zum Aufbau des neuen Geschäftsbereiches Biotechnologie für die Humanmedizin. Mit Fiblaferon, dem weltweit ersten zugelassenen natürlichen Beta-Interferon-Präparat, das gegen Multiple Sklerose eingesetzt wird, schrieb das Laupheimer Unternehmen sogar ein spannendes Kapitel der internationalen Pharmazie-Geschichte. Die in der Öffentlichkeit gehegten Hoffnungen, dass sich Interferon als wirksames Krebsmittel erweisen würde, haben sich allerdings so nicht erfüllt.

Dennoch war die Firma Rentschler in der gesamten Branche anerkannt als Spezialist auf dem Gebiet der biotechnologisch hergestellten Arzneimittel. Firmenchef Friedrich E. Rentschler musste jedoch erkennen, dass die Entwicklung von modernen High-Tech-Medikamenten, die schnell mehrere Hundert Millionen Euro verschlingen kann, die finanziellen Möglichkeiten eines Familienbetriebs dieser Größenordnung auf Dauer übersteigt. Da ihre Bemühungen, andere mittelständische Pharmafirmen zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, den gewünschten Erfolg nicht hatten, entschied sich die Familie Rentschler für eine komplette Neuausrichtung ihres Unternehmens. Die Umsetzung dieses Konzeptes stand zwar schon weitgehend unter der Leitung von Friedrichs Sohn Nikolaus F. Rentschler, wurde aber vom Senior aus der Position des Aufsichtsratsvorsitzenden intensiv begleitet.

Zwischen 1998 und 2008 wurde das gesamte bisherige Sortiment verkauft. An die Stelle der Entwicklung und Produktion auf eigene Rechnung und eigenes Risiko trat ein umfassendes Dienstleistungsgeschäft für internationale Auftraggeber im Bereich der Biotechnologie. Mehr als 100 Pharma- und Biotechunternehmen sind Partner der heutigen Rentschler Biopharma SE. Das Full-Service-Angebot reicht von der Zelllinien-, Prozess- und Formulierungsentwicklung über die Analytik und GMP-Produktion (GMP = Good Manufacturing Practice), die Abfüllung von Biopharmaka und die Qualitätskontrolle bis zur Unterstützung bei der Zulassung. Beschäftigt werden rund 800 Mitarbeiter. Der letzte im „Bundesanzeiger“ veröffentlichte Unternehmensumsatz für das Geschäftsjahr 2016/17 lag bei knapp 138 Millionen Euro.

Nicht nur das unternehmerische Talent, auch die Freude an der Kunst und am Kunstsammeln war Friedrich E. Rentschler bereits in die Wiege gelegt worden. In seinem Laupheimer Elternhaus kam er von frühester Kindheit an vor allem mit Werken der Romanik, Gotik und des Barock in enge Berührung. Seine Liebe zur alten Kunst hatte sich Rentschler zwar sein ganzes Leben lang bewahrt, aber als Sammler berühmt wurde er mit herausragenden Arbeiten ganz anderer Stilrichtungen, wie Concept- und Minimal-Art, Arte Povera und der wilden Malerei der 1980er-Jahre.

Noch im Alter von 77 Jahren erfüllte sich Rentschler den Wusch nach eigenen, öffentlich zugänglichen Räumen für seine Sammlung. Das Ulmer Stadtregal bot dazu einen geeigneten Rahmen. Friedrich E. Rentschlers Wissen um und sein Verständnis für die moderne Kunst waren auch in diversen kulturellen Gremien gefragt. Unter anderem gehörte er von 1984 bis 1999 dem Präsidium des Galerievereins der Staatsgalerie Stuttgart an. Ein wichtiges wirtschaftliches Ehrenamt war die Vizepräsidentschaft der Industrie- und Handelskammer Ulm. Wie erst am Samstag bekannt wurde, starb Friedrich E. Rentschler bereits am Donnerstag im Kreise seiner Familie.

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