Nach Steinwurf auf A7: Deniz lernt wieder laufen

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Gemeinsam schaffen sie es: Serdal Öztürk nimmt seine Frau Deniz, die auch über Weihnachten in einer Reha-Klinik sein wird, in de
Gemeinsam schaffen sie es: Serdal Öztürk nimmt seine Frau Deniz, die auch über Weihnachten in einer Reha-Klinik sein wird, in den Arm. (Foto: Roland Ray)
Roland Ray

Es gibt wohl keine Schwestern, keine Pfleger, keine Ärzte und Therapeuten in diesem Flügel der Klinik, die Deniz Öztürk nicht kennen würde. Seit Mitte Oktober ist die junge Frau aus Laupheim hier in Reha. Bis Ende Februar wird sie bleiben müssen, vielleicht auch länger.

Ihr Mann Serdal besucht sie jeden Tag. Im Aufenthaltsraum der Station, zwischen Topfpflanzen und holzgetäfelter Wand, sitzen sie dann gern und versuchen ein Stück Normalität zu leben. Serdal stellt Tassen auf den Tisch, Milch und Zucker, schräg über den Korridor zischt eine Kaffeemaschine. „Das ist jetzt unser zweites Zuhause“, sagt er. „Gezwungenermaßen.“

Im September waren Deniz und Serdal mit ihren Kindern nachts auf der Heimfahrt von einer Hochzeit, als sie wegen eines Steinewerfers auf der A 7 bei Heidenheim schwer verunglückten. Yusuf (5) und seine Schwester Nisa (6) kamen äußerlich unversehrt davon, Serdal erlitt einen Beckenbruch. Deniz aber rang mit dem Tod; der rechte Unterschenkel musste amputiert werden, eine dauerhafte Lähmung drohte.

Ins Leben zurückgekämpft

Drei Monate später sind die körperlichen und seelischen Wunden mitnichten verheilt, doch Deniz kann wieder lächeln. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft. „Die ersten Wochen konnte ich mich kaum bewegen“, sagt sie. „Jetzt, Gott sei Dank, kommt das langsam zurück.“

Stunde um Stunde arbeitet Deniz daran, den Rollstuhl verlassen zu können – mit Physiotherapie, Ergotherapie, Elektrotherapie. Sobald der Gips am rechten Arm weg ist, geht es ins Bewegungsbad. Serdal hilft ihr bei Dehnübungen, massiert ihre Beine. Das hat er sich bei den Profis abgeschaut.

Eine erste Prothese wird jetzt angefertigt – zum Laufen lernen. „Ich denke immer an meine Kinder“, sagt Deniz. „Für sie muss ich laufen können. Wenn ich so denke, gibt mir das Kraft.“

Spiderman-Kuchen in der Klinik

An den Wochenenden sind Nisa und Yusuf bei ihrer Mutter in der Klinik. Dort hat Yusuf im Oktober seinen fünften Geburtstag gefeiert, mit einem Spiderman-Kuchen. Deniz Öztürk ist in der Reha 26 geworden.

Auch an den Weihnachtstagen werden sie im Aufenthaltsraum sitzen, zusammen mit Serdals Eltern und Brüdern und Deniz’ Mutter, die seit dem Unfall in Laupheim den Haushalt führt und erst nach Istanbul zurückkehren will, wenn ihre Tochter wieder einigermaßen mobil ist. Liebend gern wäre Deniz über Weihnachten zu Hause, doch den Ärzten erschien das Risiko eines gesundheitlichen Rückschlags zu hoch.

„An Weihnachten trifft sich meine Familie zum Essen, und unsere Kinder bekommen Geschenke“, erklärt Serdal. „Wir sind Muslime, aber die Kinder wachsen ja hier in Deutschland auf.“ Deniz wünscht sich gefüllte Teigtaschen als Festmahl – „die gibt’s in der Klinik nicht“.

Auch zum Jahreswechsel wollen sie beisammen sein. Ein großes Lotti-Karotti-Turnier mit den Kindern ist im Gespräch.

Es wird ein besonderer Silvestertag, davon sind Serdal und Deniz überzeugt. „Dass wir miteinander feiern können, ist für uns nicht mehr so selbstverständlich wie früher“, sagen sie. Der Schicksalsschlag im September hat ihnen bewusst gemacht, wie schnell man von einer Sekunde zur nächsten alles verlieren kann, auch die Liebsten.

Für Deniz Öztürk war es noch in anderer Hinsicht kein einfaches Jahr. Im Juli starb unerwartet ihr Vater in der Türkei, kurz zuvor hatte sie noch mit ihm telefoniert.

Nach vorne schauen

Zu den Pflegekräften, ihren Therapeuten und Mitpatienten hat Deniz, die vor acht Jahren anlässlich ihrer Hochzeit vom Bosporus nach Laupheim übersiedelte, freundschaftliche Bande geknüpft; sie nutzt diese Kontakte, um ihr Deutsch zu vervollkommnen. In der Klinik fühlt sie sich gut aufgehoben: „Alle sind sehr nett und hilfsbereit.“

Dass in Laupheim so viele Menschen Anteil nehmen und die Familie mit Spenden unterstützt haben, „damit hätten wir niemals gerechnet“, sagen Deniz und Serdal Öztürk unisono. „Dafür möchten wir uns gerade jetzt zu Weihnachten noch einmal herzlich bei allen bedanken.“ Das Geld können sie gut gebrauchen. Gesund werden kostet, und der Altbau, in dem sie wohnen, müsste für Deniz umgestaltet werden, wenn sie überhaupt dort bleiben können.

Bei beiden ist eine Entschlossenheit zu spüren, den Blick nach vorn zu richten. Serdal Öztürk hofft, dass er spätestens Ende Januar wieder arbeiten kann. Seine Frau war vor zwei Wochen mit Pflegern aus der Klinik und anderen Patienten auf dem Ulmer Weihnachtsmarkt. Für sie war es der erste größere Ausflug im Rollstuhl – „das hat gut getan“.

Richtig gut wird es ihr an dem Tag gehen, an dem sie die Reha-Klinik zu Fuß verlassen kann: „Dann bin ich neu geboren.“

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