Mit knapper Not den Fliegerangriff überlebt

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Sie war damals mittendrin: Günter Scharnagl zeigt Erika Stückle Luftaufnahmen vom Bombardement des Laupheimer Flugplatzes am 20
Sie war damals mittendrin: Günter Scharnagl zeigt Erika Stückle Luftaufnahmen vom Bombardement des Laupheimer Flugplatzes am 20. April 1945. (Foto: Roland Ray)
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Unter dem Titel „Mein längster Weg“ können Erika Stückles Erinnerungen im DIN A 4-Format (28 Seiten, illustriert) von Günter Scharnagl (scharnaglg@gmx.de) bezogen werden. Der Preis beträgt 10 Euro. Der Erlös kommt dem Förderverein zum Aufbau und Erhalt der militärgeschichtlichen Sammlung des Hubschraubergeschwaders 64 Laupheim zugute.

Ihren 98. Geburtstag hat Erika Stückle vor Kurzem gefeiert. Sie ist eine Jahrhundertzeugin, die anrührend und eindringlich zugleich erzählen kann vom Kriegsende 1945 in Laupheim, von Not, Vertreibung und Wiederaufbau. Im hohen Alter hat sie ihre Erinnerungen niedergeschrieben; darin spiegelt sich die Geschichte einer Generation.

Geboren ist Erika Stückle in Breslau. Der Vater, Koch von Beruf, tut sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten schwer, eine Anstellung zu finden. Die Tochter verdingt sich nach der Volksschule in einem Hotel auf Helgoland. Als der Krieg ausbricht, kehrt sie zunächst heim. Um nicht in einer unterirdischen Munitionsfabrik arbeiten zu müssen, meldet sie sich als Luftwaffenhelferin.

Ende März 1945 wird sie als Funkerin auf dem Flugplatz Laupheim stationiert. Am 20. April erlebt sie den letzten Luftangriff der Alliierten auf dieses Ziel – und überlebt mit viel Glück. „Wir hielten uns vor der Tür auf. Plötzlich kamen zwei Ami-Jagdbomber auf uns zugeschossen (...) Draußen keine Deckung – rein in die Baracke – ins nächstliegende Zimmer – ein Bett mit zig aufgestellten Gasmasken – darunter hauen – die Maschinengewehre der Flugzeuge rattern und rattern – Denken setzt aus. Plötzlich kommt etwas Helles angesaust. Der Soldat neben mir zuckt zusammen. Ganz feine Splitter spritzen in seinem Gesicht herum.“ Eine Kugel hat seinen Oberschenkel durchschlagen. Im Flur ruft eine Funkerin: „Ich habe einen Bauchschuss.“ Erika Stückle und eine andere Frau wollen die Verletzte bergen. Doch da rollt schon der nächste Angriff, und „meine Mithelferin geht langsam zu Boden und ihr Kopf hat nur ein großes Loch“. Sie stirbt in Stückles Armen. Der Flugplatz wird restlos zerstört.

1000 Kilometer zu Fuß

Als der Krieg aus ist, findet Erika Stückle bei einer Stellmacherfamilie in Baustetten Unterschlupf. Sie arbeitet auf dem kleinen Hof mit, bis der Drang, herauszufinden, was mit ihren Eltern und dem Bruder ist, übermächtig wird. Seit Monaten gibt es kein Lebenszeichen. „Bleiben Sie doch da. Sie wissen nicht, in was für ein Unglück sie laufen können“, warnen die Baustetter Wirtsleute, „aber mein Inneres ließ mir keine Wahl“. Zu Fuß macht sich Erika Stückle auf ihren „längsten Weg“, rund 1000 Kilometer von Laupheim nach Breslau – „der Wille hat mich vorwärts getrieben“. In 21 Tagen bewältigt sie die Strecke, häufig hungrig, um ein Stück Brot und einen Platz zum Schlafen bittend, manchmal in Begleitung anderer Menschen, die in alle Richtungen unterwegs sind in diesen Wochen. Mit einem mulmigen Gefühl wechselt sie in die sowjetische Besatzungszone. Drei Russen fallen über sie her. „Das waren die schwersten, die schlimmsten Tage meines Lebens“, schreibt sie.

Das Elternhaus in Breslau – zerbombt. Mutter und Vater aber sind am Leben. Der Bruder ist in russischer Kriegsgefangenschaft, er kehrt erst 1950 heim.

Am Rande des Existenzminimums harren Erika Stückle und ihre Eltern fast ein Jahr aus, „in ständiger Angst vor den Russen“. Dann werden die Straßenschilder ausgewechselt – „da wussten wir endgültig, wir sind nun in Polen“. Die Deutschen werden vertrieben, in Güterwaggons abtransportiert. Über das Durchgangslager Friedland landet Erika Stückle in Ostfriesland, unter Landsleuten, „die uns aber als Polen ansahen. Wir waren Eindringlinge, für die sie ein kleines Zimmer abgeben mussten, die sie hassten.“

Paul aus Burgrieden

Eines Tages reist die junge Frau nach Baustetten, um ein paar zurückgelassene Sachen abzuholen. Bei einem Spaziergang im Schlosspark lernt sie Paul Stückle aus Burgrieden kennen. „Er saß vor dem Krankenhaus in der Sonne und war der erste Mensch, der in mir nicht das polnische Flüchtlingsweib sah. So nahm die Freundschaft ihren Anfang.“ Am 31. Mai 1947 heiraten sie. Für Erika ist es die zweite Hochzeit. Ihr erster Mann, Bordfunker bei der Luftwaffe, ist im Krieg umgekommen.

Paul Stückle stammt aus einer kinderreichen Familie, hat den Russlandfeldzug durchlitten, ist kriegsversehrt. Er müht sich als Hausierer von Dorf zu Dorf, lange mit dem Fahrrad, bietet Kurz- und Haushaltswaren feil, campiert über Nacht in Andachtshäuschen am Straßenrand. Erst nach Jahren reicht es für ein Moped. Das junge Paar wohnt bei seinem Bruder in Schneitbach, auf wenigen Quadratmetern, in einer Einöde. Die erste von drei Töchtern wird geboren. Man ist auf Lebensmittelmarken angewiesen, die Enge führt zu Reibereien.

Ein Häuschen bei der GWO

Stückles werden Mitglied bei der Gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft Oberland in Laupheim, der heutigen GWO, und beziehen ein Häuschen in der Ritter-Burkhard-Straße. Zwei Zimmer, so lautet die Auflage, müssen sie an Flüchtlinge vermieten – also holen sie Erikas Eltern ins Schwabenland. Auch der Bruder, aus der Gefangenschaft entlassen, wird vorübergehend aufgenommen.

Die 50er-Jahre, der Beginn des Wirtschaftswunders. Auch bei Stückles kehrt bescheidener Wohlstand ein. Papa kauft einen Kleinwagen Lloyd 4, einen „Plastikbomber“. Mit dem Campingzelt geht es auf Urlaubsreise. „Es waren für uns alle die schönsten Jahre“, schreibt Erika Stückle in ihren Erinnerungen. „Mit dem Spirituskocher Essen kochen und die hungrigen Mäuler versorgen. Herrlich.“ Ihr Mann sammelt Alteisen, sie verdient mit Putzen etwas dazu. Später unternehmen sie Besuchsfahrten zu den Kindern, die inzwischen ihr eigenes Leben führen. „Die Zeit rannte.“ Enkel und Urenkel stellen sich ein.

In der Silvesternacht 1998 stirbt Paul Stückle. Seine Frau bleibt in Laupheim wohnen, frönt als Mitglied im Deutschen Alpenverein bis ins hohe Alter der Bergsteigerei. Vor sieben Jahren erleidet sie einen Oberschenkelhalsbruch. Seither lebt sie im Bürgerheim in Biberach, näher bei den Kindern.

„Ich wollte festhalten, was geschehen ist, bevor die Erinnerung schwindet“, sagt die rüstige Seniorin. Als ein Mahnmal gegen den Krieg und die Grausamkeiten, die Menschen einander antun, möchte sie ihre Aufzeichnungen verstanden wissen, und auf das Schicksal der Heimatvertriebenen hinweisen.

Unter dem Titel „Mein längster Weg“ können Erika Stückles Erinnerungen im DIN A 4-Format (28 Seiten, illustriert) von Günter Scharnagl (scharnaglg@gmx.de) bezogen werden. Der Preis beträgt 10 Euro. Der Erlös kommt dem Förderverein zum Aufbau und Erhalt der militärgeschichtlichen Sammlung des Hubschraubergeschwaders 64 Laupheim zugute.

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