Mein Freund, der Besenradler

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Reiner Schick (Mitte) mit den „Mockis“ auf der Zielgeraden – unter strenger Beobachtung des Besenradlers (hinten links).
Reiner Schick (Mitte) mit den „Mockis“ auf der Zielgeraden – unter strenger Beobachtung des Besenradlers (hinten links). (Foto: Herbert Blersch)
Schwäbische Zeitung

Er lief als allerletzter der insgesamt 519 Starter, aber nicht minder glücklich über die Ziellinie: SZ-Redakteur Reiner Schick schildert seine ganz persönlichen Erlebnisse und Gedanken während seines zwei Stunden, vierzig Minuten und 50,1 Sekunden dauernden Halbmarathonlaufs in Bad Waldsee.

Jetzt also ist mein letzter Zweifel beseitigt: Es gibt ihn tatsächlich, den Besenwagen, despektierlich auch Lumpensammler genannt, der bei einer Laufveranstaltung dem Feld hinterherfährt und aufpasst, dass auch keiner verloren geht. In Bad Waldsee ist es ein Besenradler. Der Mann ist – neben weiteren Mitgliedern unserer Anfängergruppe „Mockis“ und unserem Betreuer Eugen Fakler – mein treuester Begleiter. Er bleibt mir auf seinem Fahrrad hartnäckig auf den Fersen, selbst bei meinen vier Pinkelpausen wartet er geduldig in respektvollem Abstand. Und freundlich ist er auch. Als ich ihn nach der Hälfte der Strecke frage, ob er noch hinterherkommt oder wir etwas langsamer laufen sollen, lächelt er jedenfalls.

Neben meinem Schattenmann hinterlassen auch die Motivationsschilder am Streckenrand bei mir besonderen Eindruck. „Und, spürst du den Flow?“ lese ich nach etwa fünf Kilometern. Was ich zu diesem Zeitpunkt spüre, ist allenfalls der Gluteus maximus, der Musculus quadriceps und andere Muskeln, die mir dezent mitteilen, dass sie den Nachmittag lieber mit mir zu Hause auf dem Sofa verbringen würden. Und der einzige Flow kommt von oben: der Regen, der uns samt kaltem Wind das bisschen Restspaß erstmals gehörig versaut. Wind und Regen lassen zum Glück bald nach – und der Schmerz erstaunlicherweise auch. „Dir tut nichts weh? Dann bist du zu langsam!“, steht auf einem Schild. Vielen Dank aber auch!

Ich lasse mich nicht hetzen von irgendwelchen dummen Sprüchen, auch weil ich weiß: Er wieder bald wiederkommen, der Schmerz. Ich kämpfe mich weiter durch, verlangsame an den Verpflegungsstellen das ohnehin schon gemächliche Tempo gen Null, und nachdem ich mich mal wieder im Gebüsch erleichtert habe, hechle ich den anderen „Mockis“ mit minimalem Abstand hinterher. Das führt dazu, dass ich in Reute den Kommentar des Moderators Michael Mader, seines Zeichens Sportredakteur der SZ Biberach, vor allem aber das Spalier der Cheergirls ganz für mich alleine habe. Ich genieße es! Auf das Spalier der Nonnen am Kloster Reute warte ich indes vergeblich.

Überhaupt ist – wohl wegen des schlechten Wetters – die Masse der Fans am Streckenrand überschaubar. Drei junge Mädchen aber scheinen nur auf mich gewartet zu haben. „Da kommt er!“, höre ich sie rufen und sie peitschen mich förmlich nach vorne. Da wir uns nicht kennen, vermute ich: Sie haben auf den Letzten gewartet.

In den oberschwäbischen Metropolen Unter- und Obermöllenbronn schließe ich zu meinen Vorderfrauen von der „Mocki“-Gruppe auf, und wenig später verfolgt uns hinter dem Besenfahrrad auch noch ein Rettungswagen. Sehen wir soooo schlecht aus?, frage ich mich. „Die vor euch sehen auch scheiße aus“, tröstet uns derweil ein Schild. Kurz darauf fährt neben dem Rettungswagen auch noch ein Polizeiauto. Ja denken die, dass wir einbrechen?

Von wegen! Mehr oder weniger leichtfüßig erreiche ich Kilometer 15. Von nun an wird’s spannend: Denn alles, was jetzt kommt, ist persönlicher Rekord. Mehr als 15 Kilometer waren im Training nicht drin. Und das spüre ich auch. Mit jedem Meter werden die Beine schwerer, so dass ich mir irgendwann sicher bin: Mit meinem Laufstil und -tempo würde ich wohl selbst bei einem Geher-Wettbewerb nicht disqualifiziert.

Aber sei’s drum. Es geht trotzdem vorwärts. 17, 18, 19. Das Schienbein schmerzt. Mein Körper wird mich doch nicht jetzt, so kurz vorm Ziel, im Stich lassen? Das Glas Sekt, das mir eine Zuschauergruppe kredenzt, scheint Wunder zu wirken. Auch der Humor meiner „Mocki“-Kollegin Ina Eberhard hilft. „Wir laufen doch nur so langsam, damit wir uns auf der Ergebnisliste nicht so lange suchen müssen“, sagt sie und schießt das x-te Foto während des Laufes. Ich antworte: „Außerdem sind wir Schwaben – wir wollen schließlich etwas haben für unser Startgeld.“ In den letzten Kurven in der Innenstadt rufen uns die Zuschauer zu: „Auf geht’s – die Letzten werden die Ersten sein.“ „Und die Schönsten“, rufe ich zurück und ernte keinen Widerspruch. Und so „rennen“ wir, die sieben langsamsten, aber schönsten Teilnehmer/-innen, nach zwei Stunden und vierzig Minuten gemeinsam ins Ziel. Oder fast gemeinsam. Natürlich lasse ich den Damen den Vortritt und begnüge mich mit dem letzten Platz.

Den Besenradler sehe ich nicht mehr. Wahrscheinlich haben wir ihn abgehängt.

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