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Dienstag, kurz nach 14 Uhr: Die ersten Kunden im Martinusladen haben ihre Körbe mit Lebensmitteln gefüllt und kommen an die Kass
Dienstag, kurz nach 14 Uhr: Die ersten Kunden im Martinusladen haben ihre Körbe mit Lebensmitteln gefüllt und kommen an die Kasse, um zu bezahlen. (Foto: Roland Ray)
Schwäbische Zeitung
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Der Martinusladen feiert Jubiläum: Seit 20 Jahren erhalten bedürftige Menschen dort verbilligte Lebensmittel, die zum Teil gespendet werden.

Ein Dienstag im April: Im Gebäude Ulmer Straße 48 räumen Rosa Demuth, Ilse Brunkel und Gabi Ölmaier kistenweise Brot, Äpfel und Gemüse in die Regale. Am frühen Nachmittag scharen sich Dutzende Frauen und Männer vor der Eingangstür. In Gruppen werden sie eingelassen, füllen Körbe und Taschen, lächeln, wenn etwas dabei ist, was ihnen besonders mundet. Es sind Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen: Dauerarbeitslose, chronisch Kranke, Sozialhilfeempfänger, von Altersarmut betroffene Rentner, alleinerziehende Mütter, Flüchtlinge. Mit einem Berechtigungsschein, den das Sozialamt ausstellt, dürfen sie im Martinusladen einkaufen.

Seit Oktober 1997 gibt es diese Einrichtung, sie wird von der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinde getragen. „Damals sind vielleicht zehn oder 15 Personen zu uns gekommen“, erinnert sich Rosa Demuth, die fast von Anfang an dabei ist. Heute stehen zu den Öffnungszeiten am Dienstag und Freitag jeweils an die 60 Kunden Schlange – die Zahl derer, die Solidarität gut gebrauchen können, ist keineswegs kleiner geworden, im Gegenteil.

Der Martinusladen bekommt einiges gespendet. Firmen und Supermärkte, aber auch Privatleute reichen Lebensmittel weiter. Mit Backwaren, Obst und Gemüse sei man recht gut eingedeckt, sagt Rosa Demuth. Milchprodukte dagegen bekomme man fast gar nicht mehr – sie würden von den Handelsketten jetzt bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum angeboten „und fliegen dann raus“.

Mit Geldspenden und Einnahmen kauft das Martinusladen-Team zusätzlich Grundnahrungsmittel ein: Zucker, Mehl, Öl, Essig, Nudeln, Tee... „Bei uns gibt es, was die Menschen täglich brauchen – nicht, was gerade da ist“, sagt Rosa Demuth. Ihre Kunden bezahlen die Hälfte vom Einkaufspreis. Gerne würde sie Freikarten für Konzerte und andere Veranstaltungen verteilen, „damit die Menschen am kulturellen Leben teilhaben können“.

Den Ansturm ordnen

Die Anzahl der Kunden hat sich seit dem Flüchtlingsstrom 2015/2016 in etwa verdoppelt; auch im Martinusladen gab es, wie andernorts in Tafelläden, in diesem Zusammenhang Probleme. Wie die Habichte hätten sich zumal jüngere Migranten auf die Ware gestürzt, andere zur Seite gedrängt. „Inzwischen ist es wieder besser“, atmet Rosa Demuth auf. Sie hat Ralf Giesler für das Team gewonnen – er ordnet den Ansturm, kann sich Respekt verschaffen, verteilt Eintrittskarten, um den Kundenstrom zu entzerren. Im Laden achten Demuth und ihre Mitstreiterinnen darauf, dass jeder von allem etwas abbekommt.

81 Jahre ist Rosa Demuth und noch immer das Herz des Martinusladens. „Solange ich gesund bleibe, mache ich weiter“, sagt sie. „Ich habe mich schon um einen Nachfolger bemüht, finde aber keinen.“ Etwa ein Dutzend Köpfe zählt das Team, eine gut aufeinander eingespielte Gruppe; die meisten sind älter als 60, alle arbeiten ehrenamtlich mit. Im Hintergrund begleitet seit 2017 ein siebenköpfiges Kuratorium, von den Kirchen eingerichtet, das segensreiche Wirken.

Den Bedürftigen helfen, ohne sie bloßzustellen und zu beschämen – auch darauf kommt es an, weiß Rosa Demuth. „Gerade ältere Menschen genieren sich da schon. Manche kostet es zunächst Überwindung, zu uns zu kommen.“ Früher hat sie gern mit den Leuten geredet, sich ihre Sorgen angehört, sie getröstet, Mut zugesprochen, doch dafür fehlt es mittlerweile an Zeit – „das bedauere ich“. Jetzt kommen nicht selten sprachliche Hürden dazu. „Es gibt auch viele nette Flüchtlinge, die mich auf einen Kaffee zu sich einladen“, erzählt Demuth. Doch auch dafür sei die Zeit zu knapp. Mindestens 20 Stunden pro Woche kümmert sie sich um den Martinusladen.

Ein Wunsch vielleicht? Das Haus Ulmer Straße 48, von der Stadt mietfrei zur Verfügung gestellt, sei nicht optimal, sagt Rosa Demuth. „Die Leute warten im Freien und drinnen geht es eng her.“ Darüber hat sie neulich mit dem OB gesprochen: „Herr Rechle war aufgeschlossen. Ich habe das Gefühl, er meint es gut mit uns.“

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