Laupheimer Saatkrähe in Berlin gesichtet

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Vergangenes Jahr hat Marion Gschweng rund 40 Laupheimer Saatkrähenküken mit einem gelben Ring mit Zahlencode versehen. Solch ein
Vergangenes Jahr hat Marion Gschweng rund 40 Laupheimer Saatkrähenküken mit einem gelben Ring mit Zahlencode versehen. Solch ein einzigartiges Erkennungszeichen trug auch der in Berlin entdeckte Vogel. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Marion Gschweng konnte es kaum glauben: Eine der von ihr im vergangenen Jahr beringten Laupheimer Saatkrähen ist von einem Vogelkundler in Berlin beobachtet worden. Damit sei zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1945 nachgewiesen, dass eine Saatkrähe in Deutschland nach Nordosten und nicht in südlicher Richtung davongezogen ist, erklärt die Biologin und Krähenexpertin nach Rücksprache mit der Vogelwarte Radolfzell.

Im vergangenen Jahr hat Gschweng etwa 40 Laupheimer Jungvögel mit einem auffälligen gelben Ring, auf dem ein Code angebracht ist, versehen. Damit soll die Verhaltensweise der ein- bis zweijährigen, noch nicht geschlechtsreifen Saatkrähen, die die Brutkolonien von morgen bilden, untersucht werden – auch um daraus Schlüsse für eine erfolgreiche, koordinierte Umsiedlung der Vögel ziehen zu können. Bislang waren die Aktion und der Aufruf an die Bevölkerung, gesichtete Saatkrähen mit gelbem Ring und Zahlencode zu melden, nicht von Erfolg gekrönt. Obwohl die Aussichten angesichts einer Sterblichkeitsrate bei den Jungvögeln von über 70 Prozent und einer „Wiederfundrate“ von 0,1 Prozent ohnehin nicht besonders groß waren, „war ich schon etwas frustriert, dass sich bislang gar niemand gemeldet hatte“, räumte Marion Gschweng ein.

Bislang. Ein Berliner Hobby-Ornithologe meldete sich bei der Beringungszentrale der Vogelwarte Radolfzell, dass er zweimal eine Saatkrähe mit gelbem Ring und Zahlencode gesehen habe – zuletzt am 26. Februar in Berlin-Mitte. Marion Gschweng nahm Kontakt mit dem Vogelkundler auf, und aufgrund seiner Angaben stehe zweifelsfrei fest, dass es sich um eine Laupheimer Saatkrähe gehandelt habe. Die Vergabe der Farbringe und Codes werde europaweit koordiniert, erklärt Gschweng, so dass die Zuordnung jeweils eindeutig sei.

Südfrankreich bevorzugtes Ziel

Als schwierig erweist sich freilich die Antwort auf die Frage, warum das Tier nach Berlin geflogen ist. Dazu müsse man wissen, dass die Vögel „normalerweise im Herbst ihre Brutgebiete in Richtung Südwesten verlassen“, erklärt die Expertin. Die süddeutschen und damit auch die Laupheimer Saatkrähen ziehe es in aller Regel nach Südfrankreich. Gleichzeitig landen Schwärme aus Nordosteuropa, etwa Polen oder Russland, im Winter in Süddeutschland und somit auch in Laupheim bzw. im Rißtal. Zum Frühjahr kehren die Kolonien zu ihren jeweiligen Herkunftsorten zurück.

Allerdings gebe es die Tendenz, dass immer mehr Vögel ihre Heimat im Winter gar nicht mehr verlassen, nicht zuletzt aufgrund des Klimawandels. „Der Druck, in wärmeren Regionen Nahrung suchen zu müssen, nimmt ab, weil es auch hier im Winter ausreichend Nahrung gibt und die Felder oft keine geschlossene Schneedecke mehr aufweisen“, sagt Marion Gschweng. „Es ist also möglich, dass sich unsere Krähen mit den aus dem Norden zugezogenen Schwärmen vermischen.“ Genau Daten darüber gebe es allerdings nicht.

Nur spekulieren

Über die Beweggründe, welche die Saatkrähe von Laupheim nach Berlin getrieben hat, könne man im Grunde nur spekulieren. „Es ist insgesamt noch zu wenig bekannt über das Bewegungsverhalten der Saatkrähe“, sagt Marion Gschweng. Meist seien nur Großvögel mit Sendern ausgestattet, die deutlichere Erkenntnisse liefern. Der Laupheimer Vogel sei in Berlin zusammen in einer Gruppe mit sieben Saatkrähen und einer Dohle gesichtet worden. „Vielleicht hat er sich im Februar, aus Versehen oder einem uns nicht bekannten Grund, einem heimkehrenden ausländischen oder Berliner Schwarm angeschlossen“, meint Gschweng.

Oder aber der Fall ist ein Hinweis auf eine für die Vogelkundlerin durchaus spektakuläre Erkenntnis. „Die Vögel haben ihre vererbten Karten im Kopf“, sagt Marion Gschweng. „Aber daran kann sich durch Klimafaktoren etwas ändern.“ Vielleicht gelte das ja für die Saatkrähen, wodurch in den nächsten Jahrzehnten der Bestand an Winterschwärmen in Süddeutschland abnehmen könnte.

Konkrete Rückschlüsse für Laupheim seien indes noch nicht möglich. „Wir waren im vergangenen Jahr mit der Beringung relativ spät dran und konnten deshalb nur etwa 40 Jungvögel kennzeichnen“, erklärt Marion Gschweng. „Man muss das Ganze über mehrere Jahre wiederholen, um verwertbare Ergebnisse zu bekommen.“

Informationen zu dem Thema gibt es auf der von Marion Gschweng eigens für das Laupheimer Krähenprojekt angelegten Internetseite www.saatkraehen-laupheim.de. Jeder, der eine gelb beringte Saatkrähe sieht, wird gebeten, in einer Eingabemaske auf dieser Seite den Standort, wenn möglich den Zahlencode und weitere Daten anzugeben.

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