Lauf – oder du stirbst!

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Henriette Kretz hat Schülerinnen und Schülern in Laupheim von den Schrecken des Nationalsozialismus erzählt.
Henriette Kretz hat Schülerinnen und Schülern in Laupheim von den Schrecken des Nationalsozialismus erzählt. (Foto: Michael Koch)
Michael Koch

Fast alle Angehörigen von Henriette Kretz sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Diese Woche war die 84-Jährige aus Antwerpen zu Zeitzeugengesprächen im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden. Dort traf sie Schülergruppen vom Carl-Laemm- le-Gymnasium, der Friedrich-Adler-Realschule, der Friedrich-Uhlmann- und der Kilian-von-Steiner-Schule.

Henriette Kretz steht ruhig vor ihren Zuhörern und spricht, und die Schülerinnen und Schüler bemerken schnell, dass diese Zeitzeugin etwas zu erzählen hat, das aufhorchen lässt. Als junges Mädchen und als Jüdin hat sie die Schrecken des Nationalsozialismus in ihrer polnischen Heimat ab 1939 am eigenen Leib erfahren und konnte von nun an die Welt nicht mehr verstehen. Mit den deutschen Soldaten kam der Krieg, es folgten Vertreibung, Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Minderheit.

Was Henriette Kretz vorträgt, sind ihre persönlichen Erlebnisse. Sie erzählt von ihrer unbeschwerten Kindheit in der Nähe von Lemberg, von ihren sie liebenden Eltern, von ihrer Neugier, als sie dem Priester während einer Prozession unter die Sutane schaute, ob dieser überhaupt Beine hätte, oder von ihrem Hund Rolf, einer schwarzen Bestie, wie sie sagt, die auch vor den Hosenbeinen der Patienten ihres Vaters nicht Halt machte. Es ist vielleicht dieser kindliche Blick, der einem den Atem verschlägt, wenn dasselbe Kind einst das Leben im Ghetto, Hunger als ständigen Begleiter oder die Angst vor Erschießungen kennen lernen musste.

„Jetzt habe ich keine Eltern mehr“

Die Unmöglichkeit ihres Überlebens als Jüdin bekommt in den Erzählungen von Henriette Kretz unerwartete Wendungen. Sie konnte nur wegen glücklicher Zufälle überleben und wegen Menschen, die menschlich waren und helfend in ihr Schicksal eingriffen. Zu ihren Verstecken zählte ein Schrank ebenso wie ein finsterer Kohlenkeller und ein Dachboden. Bei jeder Entdeckung war sie aufs Neue in Lebensgefahr. Und als ihr Vater zu ihr sagte: „Lauf!“, da begann die Zehnjährige zu laufen, denn sie wusste, dass dies ihre letzte Chance war. Noch während sie lief, hörte sie die Schüsse und wusste: „Jetzt habe ich keine Eltern mehr.“ Eine letzte Zuflucht fand sie zusammen mit anderen verfolgten Kindern bis zur Befreiung durch die Rote Armee bei Franziskanerinnen in einem Waisenhaus in der polnischen Stadt Sambor. Aus ihrer Familie überlebte außer Henriette nur ihr Onkel Heinrich, alle anderen Angehörigen wurden ermordet.

Aus der Geschichte lernen

Wer Henriette Kretz genau zuhört, erfährt auch, warum die 84-Jährige noch immer die Begegnung mit Jugendlichen sucht. Sie möchte die Erinnerung an diese Verbrechen wach halten, damit diese in Zukunft verhindert werden. Weil sie erfahren hat, dass Hass zerstört, ermutigt sie zu einem anderen, menschlicheren Umgang mit Minderheiten. „Wenn wir im Frieden leben wollen, müssen wir verstehen lernen, dass Menschen nicht alle gleich sind.“

Dr. Michael Koch ist Pädagogischer Leiter des Museums zur Geschichte von Christen und Juden.

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