Krise bei Merckle: Kässbohrer-Pistenbully bahnt eigene Spur

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„Das Thema treibt uns natürlich um“, sagt Alexander Schöllhorn, für die Finanzen zuständiges Vorstandsmitglied bei Kässbohrer. Ein Verkauf des Unternehmens würde nach seiner Einschätzung jedoch wenig Sinn machen, „weil er längst nicht das einbrächte, was für die Restrukturierung der Merckle-Gruppe gebraucht wird. Dazu sind wir zu klein.“ Zudem würde der im heutigen Marktumfeld erzielbare Erlös – ähnlich wie bei Ratiopharm – wohl kaum dem tatsächlichen Wert der Firma entsprechen.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Gutachter hatten vor zwei Jahren, als Adolf Merckles Sohn Ludwig einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit Kässbohrer schloss und den Kleinaktionären eine Abfindung anbot, einen Unternehmenswert von 133,5 Millionen Euro ermittelt. Doch auch diese Summe wäre vermutlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, glaubt Schöllhorn angesichts des gesamten Finanzierungsbedarfs der VEM Vermögensverwaltung GmbH, in der die Familie Merckle zahlreiche Firmenbeteiligungen gebündelt hat. Die VEM hat durch Wetten auf fallende VW-Kurse nach eigenen Angaben einen „niedrigen dreistelligen Millionenbetrag“ verloren und im Vorjahr bei Heidelberg Cement „teilweise kreditfinanzierte Kapitalerhöhungen“ vorgenommen, die mit Aktien gesichert wurden. Nach dem Börsencrash hätten die Banken „in den letzten Wochen größere Nachschüsse beziehungsweise Kredittilgungen“ gefordert.

Die Kässbohrer AG, zu rund 90 Prozent im Besitz von Ludwig Merckle, ist nicht unter dem Dach der VEM. Gleichwohl haben die Laupheimer das vor einigen Tagen ausgehandelte Stillhalteabkommen mit den Banken zunächst ebenfalls unterschrieben. Es gibt der VEM zwei Wochen Zeit, einen Überbrückungskredit auszuhandeln; die Rede ist von 900 Millionen bis zu 1,3 Milliarden Euro.

„Inzwischen haben wir aber mit unseren Hausbanken eine unabhängige Finanzlösung für Kässbohrer aufgebaut“, berichtet Alexander Schöllhorn. „Wir sind jetzt nicht mehr Bestandteil des Stillhalteabkommens.“ Mit der VEM gebe es keine finanziellen Verflechtungen – „wir sind nicht abhängig von der Liquidität anderer Merckle-Unternehmungen, sondern komplett eigenständig unterwegs“. Auch die Kässbohrer-Muttergesellschaft LuMe (alleiniger Gesellschafter: Ludwig Merckle) werde nicht als Geldgeber benötigt. Das seien durchaus wichtige Signale in Richtung der Kunden und Lieferanten von Kässbohrer, von denen manche besorgt nachgefragt hätten.

Um Irritationen vorzubeugen, hat die Kässbohrer AG ihren Beschäftigten das Weihnachtsgeld bereits eine Woche früher als sonst überwiesen und Lieferungen vor dem Fälligkeitsdatum bezahlt. Das neue Geschäftsjahr (Stichtag: 30. September) hat sich glänzend angelassen. Bei den Auftragseingängen steuert das Unternehmen einer neuen Rekordmarke entgegen.

„Im Falle eines Falles kann man natürlich auch Kässbohrer zur Disposition stellen“, ist Alexander Schöllhorn bewusst. „Wir hängen nicht am Tropf und wären wohl schnell verkäuflich.“ Bisher deute allerdings nichts auf eine solche Absicht hin.

Es herrscht Ruhe im Betrieb

Es gebe keine Unruhe in der Belegschaft und auch keinen Hinweis auf eine Veränderung bei Kässbohrer, sagt der Betriebsratsvorsitzende Roland Jakobson – „aber das ist eine Momentaufnahme, man weiß nicht, wie sich das noch entwickelt“. Vom Firmenpatriarchen Adolf Merckle ist Jakobson enttäuscht: „Ich bin schon davon ausgegangen, dass er schwäbischer Unternehmer ist und die Finger von solchen Aktienspekulationen lässt.“

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