Kesse Künstler im Kerzenschein

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Sonja Niederer

Seine ganz besondere Herzblutveranstaltung sei das jährliche Singer-Songwriter-Festival, sagte Kulturhauschef Bernd Leitner am Freitagabend. Es biete die Gelegenheit, einmal auch nicht so bekannte Künstler einzuladen.

Meist sind die Künstler dem Kulturhauschef persönlich bekannt, wie etwa die Laupheimerin Isabel Glauss, die den Auftakt zum Festivalabend machte. Er kenne Isabel schon, seit sie mit sechs Jahren Blockflöte in Laupheim gelernt habe, so Leitner, und er freue sich, dass sie jetzt mit einigen ihrer eigenen Songs am Festival zu Gast sei. Auch sie freue sich, hier zu spielen, aber ein bisschen aufgeregt sei sie schon, bekannte Isabel Glauss. Es sei erst ihr zweites Konzert vor größerem Publikum.

Dafür machte sie ihre Sache aber sehr gut. Zu ihren Songs begleitete sie sich selbst am Flügel und erhielt beste musikalische Unterstützung durch Daniela Traub auf der Bratsche und Paula Scholz am Cello. Ausdrucksstark sang sie von Persönlichem, etwa von Stresssituationen in ihrem Song „Manchmal“. Wenn man meine, nichts mehr auf die Reihe zu bekommen, sei es gut, jemanden an der Seite zu haben, der zu einem steht.

In der Freiburger Kulturbörse, wo sich viele neue Künstler vorstellen, habe sie den Saal mit ihren Songs und ihren Worten zum Lachen gebracht. Mit diesen Worten stellte Bernd Leitner anschließend Miss Allie vor. Sie präsentierte Songs von ihrer neuen CD mit dem Titel „Mein Herz und die Toilette“, und Miss Allie erklärte auch gleich, warum ihr Herz dort gelandet ist. Schuld sei ein australisches Schweinesteak medium gewesen beziehungsweise eine gescheiterte Beziehung mit einem Australier.

Der Traum vom Toaster

Der folgende Song sei für alle anwesenden Frauen geschrieben, aber vor allem auch die Männer sollten gut zuhören, forderte sie auf. Von dem Verhältnis von Mann und Frau handelte der Text. Sie wäre gerne sein Toaster, denn zu dem sei er nie gemein, oder sein Fußballclub, dem sei er immer treu, oder auch sein Schweinesteak möchte sie sein, denn das liebe er bis in den Tod. Auch über ein Thema, über dass man eigentlich nicht spreche, machte Miss Allie einen Song, nämlich über die Menstruation der Frau und wie Dieter, von einer Fee in eine Dieterin verwandelt, drei Zyklen durchmachen musste. Am Ende froh darüber, wieder ein Mann zu sein, zollte er den Frauen Respekt und fragte: „Wie schafft ihr es damit auch noch zum Arbeiten zu gehen?“ Mit ihrer frechen Art brachte Miss Allie auch das Laupheimer Publikum zum Lachen. Sie nahm kein Blatt vor den Mund, aber sie kann auch anders, etwa, wenn sie ein Liebeslied für ihren Vater singt, der kein einfaches Leben gehabt hat.

Von Lüneburg ging’s wieder zurück über die nahe Grenze nach Bayern, wo der „Weiherer“ herkommt. Mitgebracht hatte er kritische Lieder über den Wahn mancher Politiker. Einer der Lieblingsfeinde des Künstler ist der CSU-Politiker Alexander Dobrindt. „Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie und heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, die müssen sich dann auch nicht wundern, wenn sie übermorgen irgendwann ein Minarett im Garten stehen haben“, zitierte er die Originalaussage von Dobrindt aus dem Jahr 2010 beim CSU-Parteitag. Beides sei bei ihm der Fall, so der Liedermacher, aber er warte noch immer auf sein Minarett. Er habe extra dafür einen Schrebergarten angemietet.

Guter Minarett-Spieler gesucht

Ob jeder wisse, was ein Minarett sei, fragte er das Publikum. Denn bei einem Auftritt in der Oberpfalz habe eine Frau gemutmaßt, dass ein Minarett ein Musikinstrument sei, fügte er schelmisch grinsend an. Seither suche er einen guten Minarett-Spieler für seine Band „Weiherer und die Dobrindts“. In seinem Lied „Ist das noch meine Heimat?“ dreht er die Aussagen des Politikers durch den Fleischwolf. Heraus kam bitterböse, ganz ernst gemeinte Gesellschaftskritik, die glänzend beim Publikum ankam. Natürlich durfte auch in Laupheim sein Appell gegen die Datensammelwut beim Einkaufen nicht fehlen und er empfahl, egal wo, immer nur die Postleitzahl 25541 von Brunsbüttel anzugeben.

Über sehr unterschiedliche Künstler und abwechslungsreiche Darbietungen durften sich die Kulturhausgäste an diesem Abend freuen. Dazu trug auch der Auftritt der Ulmer Punk-Rock-Band „City Kids feel the Beat“ bei. Exklusive für das Singer-Songwriter-Festival habe die Band ein Unplugged Set zusammengestellt, kündigte Leitner an. Sie seien etwas nervös, bekannte Frontman Sven Simmedinger. Einmal wegen der für sie etwas ungewöhnlichen Atmosphäre mit Kerzenschein im Kulturhaussaal, und auch, weil sie ohne viel Elektronik spielten. Die Band präsentierte die sehnsüchtige Ballade „Coming Home“ oder reflektierte in „That’s Why“ ihren Touralltag und die unterschiedlichen Menschen, die sie bei ihren Auftritten kennenlernen. Das Publikum im Kulturhaus rockte fleißig mit.

Ruhiger wurde es wieder beim Auftritt der Innsbrucker Band „Lilla“. Fast sphärisch ihre Musik mit der Frontfrau Lisa Prantl, Jakob Schuirer an der Gitarre und Markus Rappold am Schlagzeug, der auch elektronische Sounds mit einbettete. „Lilla“ verzauberte mit zarten, melancholischen Popliedern und erzeugte zum Abschluss des Abends eine verträumte Stimmung im Saal.

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