Kabarettistische Dribblings durch die kleine Fußballwelt

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Einen humoristischen Blick auf ein besonderes Olympia-Kapitel warfen Bernd Sautter (l.) und Olaf Nägele.
Einen humoristischen Blick auf ein besonderes Olympia-Kapitel warfen Bernd Sautter (l.) und Olaf Nägele. (Foto: Reiner Schick)
Schwäbische Zeitung

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Unter dieses Motto könnte man den literarischen Doppelpass von Olaf Nägele und Bernd Sautter am vergangenen Freitagabend in der Laupheimer Olympia-Gaststätte stellen. Nicht, dass die Vorträge der beiden Buchautoren wenig unterhaltsam gewesen wären. Aber sie streiften damit ein dunkles Kapitel in der 100-jährigen Geschichte des gastgebenden FV Olympia Laupheim – und das durchaus zum Vergnügen der rund 100 Besucher.

„Der Zuschauerzuspruch entspricht etwa dem eines Landesligaspiels – aber das Niveau heute ist Oberliga“, verspricht Hauptorgsanisator Günter Liebmann, bei der Olympia zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, den Gästen zu Beginn. Und nachdem er den Ball freigibt, spielen sich Sautter und Nägele erstmal einige verbale Doppelpässe zu. Dabei erfährt man, dass Bernd Sautters ohnehin wenig erfolgversprechende Fußball-Karriere jäh zu Ende ging, nachdem er in der C-Jugend bei einem Elfmeter den Ball erst gegen den Pfosten und ihn beim Nachschuss in die Wolken jagte. Olaf Nägele kann immerhin damit auftrumpfen, dass er anno 2004 live dabei war – als Zuschauer natürlich –, als der FV Olympia Laupheim im historischen Freundschaftsspiel den großen und in Starbesetzung angetretenen FC Bayern München sensationell mit 2:0 besiegte. In eben jener Zeit, die wenige Wochen später zum dunkelsten Kapitel der Olympia-Vereinsgeschichte werden sollte, nachdem der Mäzen Erlfried König wegen Millionenbetrugs verhaftet und zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. „Kick it like Laupheim, ich war dabei“ – eine Sweatjacke mit diesem Schriftzug, der an den Coup gegen den deutschen Rekordmeister erinnerte, präsentierte Nägele nun dem Publikum augenzwinkernd.

„Eine unwirkliche Situation“

Ein Exemplar hatte er Bernd Sautter, den er seit vielen Jahren über die berufliche Schiene kennt, mitgebracht. Der streifte es denn auch gleich über. „Ich war zwar nicht dabei, schreibe aber so, als ob ich dabei gewesen wäre“, sagt er selbstbewusst über das Olympia-Kapitel „Es war zweimal ein König“ in seinem Buch „Heimspiele Baden-Württemberg“, das 94 Fußball-Geschichten aus dem Ländle erzählt. „Oli, übernimmst du den Makaay. Huber, übernimmst du Santa Cruz.“ Die ganze Mannschaft habe über diese Anweisungen von Trainer Gursel Purovic in der Kabine gelacht. Von solch klangvollen Namen sei bis dato noch nie gesprochen worden, und jetzt sollte man die Herren Ballack & Co. auf dem Platz bearbeiten – „eine unwirkliche Situation“, schreibt Sautter. In einem Traum wähnten sich wohl alle 12 000 Augenzeugen, die den Spielverlauf verfolgten, aber auch alle, die wenige Wochen später von der Verhaftung des Mäzens erfuhren.

Bei diesem Thema spielte Bernd Sautter den gepflegten Querpass zu Olaf Nägele, dem der Königssturz die Steilvorlage für seinen Fußball-Krimi „Goettle und der Kaiser von Biberach“ lieferte. Mit spitzer Feder erzählt er die Geschichte des Fußball-Mäzens Karlheinz Kaiser, der am Ummendorfer Badesee tot aufgefunden wurde, obwohl er schon Jahre zuvor bei einem Segeltörn ums Leben gekommen war. Und Nägele wundert sich, dass sich in der Olympia-Gaststätte der Protest in Grenzen hält, obwohl er in seiner Story den FV Olympia Laupheim und den FV Biberach zum 1. FC Oberschwaben fusioniert. „Bei der Lesung in Biberach hat das einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen“, sagt Nägele.

„Grüne Minnen“ proben Aufstand

Aus seinem heiter-spannenden Krimi liest er einige Passagen – wobei jene besonders köstlich erzählt ist, in der die Aktivistinnen-Gruppe „Grüne Minnen“ eine Störaktion gegen den „Sündenpfuhl“ 1. FC Oberschwaben plant, der von Intrigen und kriminellen Machenschaften geprägt ist. Man braucht nicht viel Phantasie, um ansatzweise Parallelen zu einer wahren Geschichte zu erkennen, die sich vor gut elf Jahren in und um Laupheim zugetragen hat.

Kriminelles und Heiteres

Die Olympianer im Saal tröstet Bernd Sautter mit der Erkenntnis, dass es in seinem Buch noch andere schlimme Geschichten gebe. Etwa jene von Dieter Winko, der den SSV Reutlingen – ähnlich wie König die Olympia – mit ergaunertem Geld in die Bundesliga führen wollte und schließlich selbst im Singener Seniorenknast landete. Aber auch lobenswerte Storys finden sich unter den „Heimspielen“, und so holt Sautter am Freitagabend in Laupheim Olympia-Jugendkoordinator Peter Trefzger, Klaus Schneele und Richard Windirsch nach vorne, um mit den Machern des einzigartigen Fußballturniers am Wiblinger Tannenhof zu sprechen, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammen kicken.

Ansonsten ist Bernd Sautters Auftritt in der Olympia-Gaststätte vor allem ein kabarettistisches Dribbling. Viel Erheiterung im Saal ruft das von einer Boulevardzeitung hochgepuschte „Gipfeltreffen der Gurkentruppen“ mit dem FC Auwald bei Dietenheim als einst angeblich schlechteste Fußballmannschaft Deutschlands hervor. Wunderbar ist auch das liebenswürdige Portrait von VfB-Edelfan Julius Weller, der die Daten all seiner Auswärtsreisen mit dem Lieblingsklub an der Hauswand in Alfdorf verewigte und zu jedem Spiel ein neues Trikot mit der aktuellen Zahl seiner insgesamt besuchten VfB-Spiele trug, ehe er im Jahr 2013 nach mehr als 1800 Pflichtspielen starb.

Flammender Appell

Der Mann musste auf der Tribüne wohl vieles erleiden – das jedenfalls macht der bekennende VfB-Fan Sautter am Beispiel seines Protokolls über seinen Stadionsitznachbarn Kurti („Mensch, ist das trostlos“) deutlich. Herbergers Spruch „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“ gelte weder für die Besucher des Gottlieb-Daimler-Stadions noch der Allianz-Arena, denn dort stehe in der Regel fest, dass die jeweilige Heimmannschaft verliere (Stuttgart) beziehungsweise gewinne (München). Und so appelliert Bernd Sautter kurz vor dem Abpfiff an alle Eltern im Saal: „Bitte schaut, dass eure Söhne, Töchter und Enkel keine Bayern-Fans werden.“ Dieser Wunsch habe auch einen pädagogischen Hintergrund: Wie sollen Kinder, die nur Siege gewohnt sind, damit umgehen, wenn sie von ihrem Schwarm einen Korb bekommen.

Unterhaltsam war der Abend also – vermutlich sogar unterhaltsamer als manches Fußballspiel.

Bernd Sautter: „Heimspiele Baden-Württemberg“, Fußball-Sachbuch, 280 Seiten, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1409-6, 29,90 Euro

Olaf Nägele: „Goettle und der Kaiser von Biberach“, Fußball-Krimi, 256 Seiten, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1397-6, 9,90 Euro

Nägeles zweite Goettle-Story ist bereits in Arbeit. Sie spielt am Federsee und soll im Herbst erscheinen.

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