Jorinas Reiselust hilft Kindern von La Paz

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Jorina Rittner gefällt es sehr inmitten „ihrer“ Kinder.
Jorina Rittner gefällt es sehr inmitten „ihrer“ Kinder. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Die Weihnachtszeit fern der Heimat hat in diesem Jahr Jorina Rittner aus Laupheim erlebt: Die 21-Jährige arbeitet seit September für das Bolivianische Kinderhilfswerk und das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in einer Kindertagesstätte in La Paz.

Jorina Rittner ist 21 Jahre jung – aber schon so weit in der Welt herumgekommen wie viele Erwachsene in ihrem ganzen Leben nicht. Als Zwölftklässlerin absolvierte sie auf Vermittlung des Bundestagsabgeordneten Josef Rief ein parlamentarisches Partnerschaftsprogramm in einer Highschool in Boston. Das Jahr wurde ihr in Deutschland nicht angerechnet und so absolvierte sie das Abitur am Biberacher Wirtschaftsgymnasium eben ein Jahr später – mit einem Schnitt von 1,3. Der Zeitverlust machte ihr nichts aus. Im Gegenteil: Nach dem Abitur entschied sie sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr, das sie im vergangenen September für ein Jahr nach Bolivien verschlug. „Ich mag es sehr, andere Kulturen, Sprachen und Menschen kennenzulernen“, beschreibt sie ihre Reiselust.

Boston und La Paz

Erst Boston, dann La Paz. „Beides sind riesige Städte und doch zwei Welten“, sagt Jorina Rittner. Hier die Metropole an der amerikanischen Ostküste und eine der ältesten und wohlhabendsten Städte der USA, dort die bolivianische Hauptstadt der Gegensätze, die sich von einer Hochebene über einen Talkessel mit 1000 Meter Höhenunterschied erstreckt und von armseligen Bretterhütten in den Höhenlagen bis zu modernen Villen und Wolkenkratzern im tief gelegenen Zentrum eine große Bandbreite sozialer Schichten umfasst.

Kinder mit Entwicklungsbedarf

Mittendrin lebt und arbeitet derzeit Jorina Rittner. Sie betreut von morgens 9.30 Uhr bis etwa 14.30 Uhr ein gutes Dutzend drei- bis vierjährige Mädchen und Buben in einer Kindertagesstätte, nachmittags kümmert sie sich bis 17.30 Uhr um Jugendliche, hilft ihnen bei den Hausaufgaben oder geht mit ihnen Fußballspielen draußen im Hof. Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die in ihre Einrichtung kommen („Alle haben Eltern, und diese zahlen auch ein bisschen was für die Betreuung“), aber doch Kinder mit Entwicklungsbedarf, unter anderem in Sachen Hygiene. „Sie sind zum Teil recht schmutzig und es nicht gewohnt, sich regelmäßig die Zähne zu putzen oder nach dem Toilettenbesuch die Hände zu waschen. Das versuchen wir ihnen beizubringen“, erzählt Jorina.

Anfangs habe sie sich noch schwer getan mit ihrer Arbeit. „Es war sehr anstrengend, auch weil es mit der Verständigung noch nicht so klappte, obwohl ich ganz gut Spanisch kann“, sagt sie. „Außerdem wusste ich nicht, wie ich mit den Kindern umgehen darf und soll.“ Aber inzwischen hat sich alles eingespielt und es macht ihr riesig Spaß. „Die Kleinen sind sooo süß und wollen alles wissen über mich“, schwärmt sie.

Ausflüge mit der Gastfamilie

Jorinas Arbeitstage sind lang, weil sie jeweils eine Stunde mit dem Bus fahren muss, um von ihrer Wohnung zur Kita und wieder zurück zu kommen. Trotzdem bleibt noch genügend Zeit, um die Stadt oder Umgebung kennenzulernen, zusammen mit ihren Kolleginnen oder den „Kindern“ der Familie, bei der sie wohnt. „Ich habe zwei Gastschwestern und zwei Gastbrüder, der jüngste – Brian – ist 22. Mit ihm verstehe ich mich besonders gut, wir unternehmen viel“, berichtet Jorina. Ausflüge, etwa an den nahen Titicacasee, Restaurant- oder Kinobesuche standen und stehen auf dem Programm.

Dabei ist es wichtig, insbesondere nachts in Begleitung zu sein. La Paz hat etliche gefährliche Pflaster, in denen Räuber lauern. „Vor allem dort, wo ich arbeite, darf ich nicht mehr alleine rumlaufen, wenn es dunkel ist. Sonst fehle ich“, berichtet sie. „Deshalb darf ich dort auch nicht wohnen.“ Mit Banditen hat sie bislang keine Bekanntschaft gemacht, dafür landete sie durch die Bisse zweier streunender Hunde und die Amöbenruhr – ein vermutlich durch verunreinigtes Wasser hervorgerufener Infekt – für insgesamt zwei Wochen im Krankenhaus.

Das Positive überwiegt – deutlich

Das gehörte ebenso zu Jorina Rittners negativen Erfahrungen wie das alltägliche Bild in etlichen Stadtteilen von La Paz: viel Müll, Gestank („Die Leute pinkeln, wo sie wollen“), obdachlose Menschen und Kinder, die alles Mögliche verkaufen, um die Familien zu ernähren. Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke deutlich. „Ich mag die Stadt, die Kultur, die Mentalität der Leute“, sagt Jorina Rittner. Sie schätzt die Offenheit, Freundlichkeit und Lockerheit der Menschen, ganz besonders die von den Aymara-Indianern stammenden kulturellen Gepflogenheiten. „Hier wird unglaublich viel getanzt, und das gefällt mir sehr“, erzählt Jorina strahlend.

Geld für ihre Arbeit bekommt Jorina Rittner nicht. „Meine deutsche Organisation bezahlt die Miete und etwas Essensgeld“, sagt sie. Den Rest finanziere sie aus eigener Tasche, vom Ersparten. „Das ist okay. Es ist schließlich ein Freiwilliges Soziales Jahr, und ich bin schon sehr dankbar für die Zuschüsse meiner Organisation.“ Um auch den Flug bezahlt zu bekommen, musste sie einen Spendenpool über 2500 Euro organisieren. „Der ist mit 1500 Euro noch nicht ganz gefüllt, aber ich freue mich, dass ich schon so viel Unterstützung aus meinem Bekanntenkreis bekommen habe.“

Berührendes Weihnachtsfest

Laut Zensus sind 97 Prozent der Menschen in Bolivien Christen – entsprechende Bedeutung hat auch Weihnachten, wie Jorina Rittner selbst erfahren durfte. „Hier hat es zwar keinen Schnee und, weil ja Sommer ist, ist es tagsüber sehr heiß, trotzdem sind die Menschen hier richtig in Weihnachtsstimmung“, erzählt sie. „Man hört viel weihnachtliche Musik, schmückt das Haus und den Plastik-Christbaum mit Lichterketten, Sternen und allem, was dazugehört. Die Leute backen auch Kekse, wobei sie deutsche Weihnachtsplätzchen über alles lieben.“

Sie selbst besuchte an Heiligabend zusammen mit anderen FSJlern in der deutschen Kirche von La Paz eine Messe, in der dann auch all die bekannten deutschen Weihnachtslieder gesungen wurden. „Das war ein schönes Stück Heimat für mich“, sagt Jorina Rittner. Den restlichen Abend verbrachte sie in ihrer Gastfamilie – und erlebte dabei ein berührendes Weihnachtsfest. „Die haben eine Krippe, entzündeten Weihrauch und Kohle, wir beteten zusammen und dankten Gott, dass wir so glücklich beisammen sein dürfen. Danach haben wir uns an den Tisch gesetzt und traditionelles bolivianisches Essen genossen: Suppe mit drei Fleischsorten und Gemüse. Die war scharf – aber sehr gut.“

Vor Rührung geweint

Es folgte die klassische Bescherung. „Bis 3 Uhr morgens haben wir Geschenke ausgepackt, auch ich habe von meiner Gastfamilie einige coole Sachen bekommen: ein Armband, einen Strickpulli, ein Mäppchen – ich habe geweint vor Rührung.“ Jorina Rittner stellte fest, dass man in Bolivien an Weihnachten offensichtlich viel Wert auf materielle Dinge legt. „Da kamen meine selbst gestaltete Tasse und meine Kekse eher mäßig an.“ Der Stimmung tat das freilich keinen Abbruch. „Wir haben bis in den frühen Morgen in der Wohnung getanzt, Salsa und Ähnliches.“ Am nächsten Tag wurde mittags ausgiebig gefrühstückt. „Schokolade und Stollen, das ist hier Tradition.“

Silvester packte Jorina Rittner schließlich nochmals das Reisefieber. Mit weiteren FSJlern ging’s im Bus nach Chile. Nach 14 Stunden Fahrzeit lud ein wunderschöner Meeresstrand zur Erholung, abends stand ein Feuerwerk auf dem Programm – „abgefeuert vom Militär, weil die Leute dort selbst keine Raketen zünden dürfen“, erzählt Jorina Rittner.

Bis September in Bolivien

Im neuen Jahr geht es für Jorina Rittner wieder an die Arbeit. „Ich freue mich schon auf die Kinder“, sagt sie. Der Rückflug nach Deutschland steht am 6. September an. „Aber ich habe auch noch Urlaub und daher Zeit, hier in Bolivien was zu unternehmen.“ Und wie geht es zu Hause weiter? „Ich werde erstmal studieren. Medizin oder internationales Management.“ Wahrscheinlich letzteres, fügt sie an. Klingt ja auch eher nach neuen Reiseabenteuern.

Wer Jorinas Arbeit unterstützen möchte, kann das mit einer Spende auf folgendes Konto tun: Bolivianisches Kinderhilfswerk e.V.,

IBAN: DE12611500200100833359,

BIC/SWIFT-Code: ESSLDE66XXX, Bank: Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Verwendungszweck: Jorina Rittner, Name und Adresse des Spenders.

Das BKHW ist ein gemeinnütziger und ehrenamtlich tätiger Verein, der durch ein DZI-Spendensiegel ausgezeichnet ist. Die Spenden sind deshalb steuerlich absetzbar, schreibt Jorina Ritter.

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