In der Biotechnologie ist Rentschler ein echter Pionier

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Biopharmazeutika-Produktion im Fermenter bei der Rentschler Biotechnologie GmbH. Als Fermenter bezeichnet man einen Behälter, in (Foto: Rentschler)
Rolf Dieterich

Es war Silvester 1923, und der Laupheimer Apotheker Erwin Rentschler hatte Nachtdienst. Wahrscheinlich hätte selbst der engagierteste Vertreter seines Berufsstandes dies nicht als pures Vergnügen empfunden. Für seinen Verzicht auf eine fröhliche Silvesterfeier sollte Erwin Rentschler jedoch mit einem großen Trostpflaster entschädigt werden – um im Vokabular der Branche zu bleiben.

Denn in dieser Nacht kam ihm die Idee für die Rezeptur eines neuen Schmerzmittels, das er unter dem Namen „Melabon“ vermarktete, und zwar so erfolgreich, dass er sich 1927 zur Gründung eines eigenen Arzneimittel-Unternehmens entschloss. Schon bald stand ihm auch sein Bruder Helmut als weiterer geschäftsführender Gesellschafter der neuen Dr. Rentschler & Co. OHG zur Seite.

Die Apotheke, aus der das Pharmaunternehmen Rentschler hervorgegangen ist, war von Erwin Rentschlers Großvater Gottlob Müller bereits 1872 gegründet und ab 1909 von dessen Schwiegersohn, Erwin Rentschler sen., weitergeführt worden. Die 7 Schwaben Apotheke in Laupheim besteht immer noch. Sie ist allerdings vor Kurzem an den Laupheimer Apotheker Andreas Buck verkauft worden, da es in der heute aktiven Rentschler-Generation keinen Apotheker gibt. Sehr wohl liegt aber noch die Leitung des Pharmaunternehmens in Familienhand. Firmenchef Nikolaus F. Rentschler repräsentiert – gerechnet ab seinem Ur-Urgroßvater, dem Apothekengründer Gottlob Müller, – die fünfte Generation.

Nach und nach erweitert

Die vierte Generation verkörpert Friedrich E. Rentschler, der ab 1959 für die Geschicke des Familienunternehmens verantwortlich war. Der heutige Senior Rentschler, inzwischen 80 Jahre alt, erinnert sich im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung an seine Anfänge als Unternehmer. Nach und nach hatte er das Sortiment erweitert. Schwerpunkte waren unter anderem Medikamente zur Behandlung von Herz-/Kreislauf- und Erkältungskrankheiten. Eine entscheidende Neuausrichtung des Betriebs bahnte sich Anfang der 1970er-Jahre an. Damals verkaufte Rentschler sein 1947 in Warthausen bei Biberach gegründetes Bakteriologisches Institut. Dieses hatte Impfstoffe für die Tiermedizin entwickelt und produziert, die vor allem zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche höchst erfolgreich eingesetzt worden waren. Was aber auch nach dem Verkauf des Instituts weiterhin im Hause Rentschler verblieb, waren die biotechnologischen Erfahrungen, die man mit der Entwicklung und Herstellung von Impfsera gesammelt hatte und die eine gute Basis waren, auf der sich ab 1974 der neue Unternehmensbereich Biotechnologie für humanmedizinische Zwecke aufbauen ließ. Mit ihrem „Fiblaferon“ erhielt die Firma Rentschler 1983 sogar die weltweit erste Zulassung für ein natürliches Beta-Interferon-Präparat und gilt damit als ein bedeutender Pionier auf diesem Gebiet. In jenen Jahren war Interferon ein großes Thema, das die pharmazeutische und medizinische Wissenschaft und die Fachpresse stark beschäftigte. Die allgemeinen Medien diskutierten ebenfalls rege mit, teilweise stellten sie allerdings auch überzogene Erwartungen an das neue Medikament.

Die Erkenntnis, dass die Eigenentwicklung von Medikamenten für einen mittelständischen Familienbetrieb immer schwieriger werden würde – ein neues Präparat zur Marktreife zu bringen, kann mehrere hundert Millionen Euro kosten – führte in den 1990er-Jahren bei dem Laupheimer Unternehmen zu grundsätzlichen Überlegungen über die Gestaltung der weiteren Zukunft. Bemühungen, andere mittelständische Pharmafirmen für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, führten zu keinem Ergebnis.

Internationale Auftraggeber

So entstand die Idee, das eigene Unternehmen völlig neu auszurichten, was dann auch, im Wesentlichen bereits unter der Leitung von Nikolaus Rentschler geschah. Zwischen 1998 und 2008 wurde das gesamte bisherige Sortiment verkauft. Statt der Eigenentwicklung und -produktion konzentrierte sich Rentschler mit seinem in jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung mit der Biotechnologie erworbenen Know-how voll auf ein umfassendes Dienstleistungsgeschäft in diesem Bereich. Heute bietet die Rentschler Biotechnologie GmbH ihren internationalen Auftraggebern, zumeist handelt es sich um mittelgroße Pharmafirmen, einen Service an, der von der Bioprozessentwicklung über die Wirkstoffherstellung bis zur Medikamentenzulassung reicht.

Auch gesellschaftsrechtlich wurde das Unternehmen neu geordnet. Unter dem Dach der Dr. Rentschler Holding GmbH & Co. KG ist die Rentschler Biotechnologie GmbH die mit Abstand größte Gesellschaft. Mit knapp 600 Mitarbeitern kam die Gruppe im Geschäftsjahr 2010/11 auf rund 80 Millionen Euro Umsatz.

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