Handgefertigte Ziegelsteine erinnern an die Synagoge

Lesedauer: 5 Min
Handarbeit: Leonie, Franca, Emelie und Miriam (von links) stampfen Lehm für die Aktion „Laupheimer Ziegel“.
Handarbeit: Leonie, Franca, Emelie und Miriam (von links) stampfen Lehm für die Aktion „Laupheimer Ziegel“. (Foto: Roland Ray)
Redaktionsleiter

Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland Synagogen. Auch das Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Laupheim legten die Nationalsozialisten in Schutt und Asche. Daran erinnert das Carl-Laemmle-Gymnasium mit der Aktion „Laupheimer Ziegel“.

Freitag, Viertel vor neun: Schülerinnen und Schüler in Arbeitskitteln bevölkern den Lichthof des Südtrakts am CLG. Sie füllen Lehm in Formen, verteilen die Masse, klopfen sie mit Kanthölzern fest und streichen Ober- und Unterseite glatt. Fertig ist der Ziegelstein. Etwa 1000 Stück werden bis Ende nächster Woche unter Anleitung der Kunsterzieher Tobias Wedler, Simone Schmidt und Marc Reiner produziert.

„Alle an unserer Schule machen mit, auch die Lehrkräfte, Sekretärinnen und Hausmeister“, sagt Tobias Wedler. „Und jeder stellt seinen persönlichen Stein her.“ Ein Stempel wird aufgedrückt, in das Oval der Name geritzt. Ein zweiter Stempel nummeriert die Steine, ein dritter weist sie als „Laupheimer Ziegel“ aus. In langen Reihen liegen sie zum Trocknen; ihr Gewicht verringert sich dabei von sechs auf 4,5 Kilogramm.

Am 26. Oktober, dem letzten Schultag vor den Herbstferien, wollen die CLG-ler die Steine durch die Stadt tragen und auf den Fundamenten der Synagoge, die sich in heißen Sommern wie diesem unter dem verdorrten Gras abzeichnen, zu einem Mauerfragment stapeln. Bis zum 9. November soll es stehen bleiben, von durchsichtiger Folie vor Regen und Kälte geschützt.

„Das Mauerfragment soll Symbol für eine Baustelle sein“, sagt Tobias Wedler, eingedenk der steten Notwendigkeit, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und an die Opfer der Hitler-Diktatur zu erinnern. „Mit der Aktion möchten wir ein gemeinsames Zeichen gegen das Vergessen und für ein offenes Miteinander setzen“, schreibt die CLG-Rektorin Petra Braun.

Den Anstoß gab ein Wettbewerb, den Michael Koch, Pädagogischer Leiter des Museums zur Geschichte von Christen und Juden, anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht für Schulen und Jugendgruppen ausgeschrieben hat. Die Aufgabe lautete, Modelle der Laupheimer Synagoge zu bauen.

Entscheidend unterstützt wurde das CLG bei seinem Projekt vom Ziegelwerk Bellenberg, das gratis sechs Tonnen Lehm zur Verfügung stellte. Tobias Wedler hat Formen aus Holz für die Ziegelmanufaktur gebaut, nach altem Württemberger Maß.

Am Freitagvormittag ist die Klasse 10d mit Feuereifer bei der Arbeit. Franca, Leonie, Miriam und Emelie helfen sich gegenseitig, den Lehm in den Formen zu stampfen. Die Ziegelsteine sehen alle gleich aus, so wie alle Menschen gleichberechtigt sein sollten, überlegt die 15-jährige Franca. Anderseits sei nicht nur jeder Mensch einzigartig, sondern auch jeder „Laupheimer Ziegel“, dank der Signatur seines Produzenten und der Nummerierung. Miriam, ebenfalls 15, verbindet mit der Aktion, „dass daran erinnert wird, was damals geschah“, und dass die von den Nationalsozialisten ausgelöschte jüdische Gemeinde ein wichtiger Teil der Laupheimer Geschichte ist.

Im Rahmen der Schalomtage wird am Abend des 9. November an die Zerstörung der Laupheimer Synagoge erinnert. Schülerinnen und Schüler des Carl-Laemmle-Gymnasiums gestalten dieses Jahr das gemeinsame Gedenken. Nach dem Jahrestag dürfen die CLG-ler ihre Ziegelsteine mit nach Hause nehmen. Eigens für die Aktion wurde eine Postkarte gedruckt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen