Geschichten über Originelles und Originale

Lesedauer: 5 Min
Ludwig Zimmermann bei seiner lebhaften Lesung.
Ludwig Zimmermann bei seiner lebhaften Lesung. (Foto: Hänisch)
Milena Hänisch

Ludwig Zimmermann, der im März seine „Lebenserinnerungen“ veröffentlicht hat, las nun Auszüge aus seinem Werk im Museum zur Geschichte von Christen und Juden. Museumsleiter Michael Niemetz hat die Autorenlesung in die Ausstellung „Heimat revisited“ eingebettet.

Ohne Mikrofon und vor rund 35 Zuhörern vermittelte Zimmermann in der anderthalbstündigen Lesung Szenen seiner Kindheit und Jugend in Baustetten und ging dabei besonders auf den Heimatbegriff ein. Schon in seiner Einleitung ließ Zimmermann Erinnerungen an Laupheim aufleben, den ersten Anzug, den er bei Karl Biber neben dem Rathaus kaufte und bei Moosmayer zum ersten Mal Meringue aß. Er berichtet auch von seinem ersten Heimweh, als er 1952 in Bad Saulgau zum Lehrerseminar ging – und eines nachts um 4 Uhr willkürlich ein fremdes Fahrrad aus dem Keller griff und sich auf den Heimweg machte, um nach seiner Häsin und ihren Jungen zu sehen. Ihn plagte das Heimweh nach seinen Haustieren, nach Freunden, der Familie und den Laupheimer Originalen.

Laupheimer Originale, die in die Wirtschaft kamen, um Beerdigungen anzukündigen oder zu Hochzeiten einzuladen und dafür ein Ei oder etwas Mehl erhielten. Handlungsreisende wie der „lustige Sepp“ mit seinem wackeligen Gebiss, der mit den Kindern Faxen machte und die Erwachsenen in politische Diskussionen verwickelte. Zimmermann stellt auch den „Karrensalber“ vor, dessen Wagen von zwei Hunden gezogen wurde und der Schmiere, Fett und Salben in Blechdosen verkaufte und der auch selbst verreckte Hunde verarbeitete. „Das Geschäft lief nicht schlecht, damals kaufte keiner Nivea“, sagt Zimmermann und lacht.

Er berichtet von den beiden Metzgern im Ort, die sich überhaupt nicht grün waren, und vermutlich gerade deshalb während der Kriegszeiten gemeinsam in einer Zelle einsitzen mussten – wegen Schwarzmetzgerns. Lebhaft schildert Zimmermann die Arbeit des Gemeindemausers, dem die „Auwädel“ (Maulwürfe) und Wühlmäuse oft schon innerhalb von einer Minute in die selbstgebauten Fallen gingen. Weil es 20, 30 oder sogar 50 Pfennige für Wühlmausschwänze gab, haben einige Lausbuben damals dünne Schwänzchen von alten Filzhüten geschnitten – als die Trickserei auffiel („So viele Mäuse können wir hier unmöglich haben!“), hätten aber alle Buben dicht gehalten.

Krautstampfen mit bloßen Füßen

Zimmermann portraitiert die Krautschneiderin, die um Allerheiligen Kohlköpfe in feine Schnitze hobelte, und wie er mit seinem kleinen Bruder Bruno mit bloßen Füßen das Kraut für den Wintervorrat gestampft hat. Für den Mann der Krautschneiderin habe es oft noch ein „angesägtes Bier“ für den Heimweg gegeben. Der habe dieses Bier dann gern auf den Nachttisch gestellt und seine Frau gebeten: „Du weckst mich, wenn ich Durst bekomme, gell?“

Zu seinen Erinnerungen gehören auch die Wallfahrten zum Herrgöttle nach Bihlafingen. Auf dem Hinweg wurde der Rosenkranz gebetet und auf dem Rückweg viele Kirchenlieder gesungen. Man sei schon gern, und vor allem der Oma zuliebe, gewallfahrtet. Aber am schönsten sei es gewesen, „wenn die Stadtwirtschaft nicht mehr weit war und wir schon wussten: gleich gibt’s eine Wurst und eine Limonade“.

Auch zusammen feiern prägt den Heimatbegriff. Zimmermann lobt das frühere „Baustetter Fest“, erzählt von Wettrennen, Baumklettern mit mitgebrachtem Harz und wie einem oft doch der erste Preis vor der Nase weggeschnappt wurde, vom Wurstschnappen beim Kinderfest („Wir juckten da wie die junge Hündle“) und den lustigen Verkleidungen beim Umzug mit Vögeln auf dem Kopf und dem Publikumsgelächter. „Meine Mutter hat immer gesagt, wenn die Leute guter Laune sind, soll man Schluss machen“, beschließt Zimmermann seine Lesung.

Ein schöner Einblick in die Heimat, wie sie früher war.

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