„Fledermäuse können den Menschen auch als Frühwarnsystem dienen“

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 Michael Rau vom Nabu in Ulm mit einem Fledermaus-Detektor im Laupheimer Schlosspark.
Michael Rau vom Nabu in Ulm mit einem Fledermaus-Detektor im Laupheimer Schlosspark. (Foto: ksc)
Schwäbische Zeitung

Sie sind nachtaktiv und leben auch in Laupheim: Fledermäuse. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schätzt, dass rund zehn Arten zwischen Ulm und Biberach leben. Doch die Lebensbedingungen für die kleinen Säugetiere haben sich verschlechtert, sagt Michael Rau vom Nabu. SZ-Mitarbeiterin Sonja Niederer hat im Nachgang der Nabu-Fledermaus-Beobachtung im Laupheimer Schlosspark mit Michael Rau gesprochen und gefragt, was jeder Bürger zum Schutz der Fledermaus beitragen kann.

SZ: Wie haben sich die Lebensbedingungen für Fledermäuse in den vergangenen Jahren in der Region Ulm/Laupheim entwickelt?

Michael Rau: Sie sind grundsätzlich schlechter geworden. So ganz genau kann das aber nicht gesagt werden. Auf der einen Seite hat man sich in den letzten Jahren verstärkt um den Schutz von Fledermäusen bemüht. Mehr Quartiere werden entdeckt, die dann gezielt geschützt werden können. Andererseits waren die Fledermausquartiere früher nicht so bekannt wie heute, sodass auch kein ausreichender Schutz stattfand. Schwierig ist es, eine Aussage darüber zu machen, wie viele Fledermäuse es in der Region überhaupt gibt. Die Tiere sind nachtaktiv, leben sehr versteckt und die Artbestimmung ist nicht ganz einfach.

Was sind die Ursachen für eine Beeinträchtigung des Lebensraums?

Durch das Insektensterben, das derzeit in aller Munde ist, haben auch die Fledermäuse weniger zu fressen. Dadurch benötigen sie mehr Energie, weil sie weitere Strecken zurücklegen müssen, um ausreichend Nahrung zu finden. Hat die Fledermausmama während der Zeit der Jungenaufzucht viel zu fressen, gibt es kräftigen Nachwuchs. Hat sie wenig zu fressen, ist der Nachwuchs eher klein und schwach. Auch die Kopfzahlen sind in bekannten Quartieren kleiner als früher. Gut erforscht ist das beim großen Mausohr, eine Fledermausart, die ihren Nachwuchs in den sogenannten Wochenstuben, in großen Dachstühlen, etwa von Kirchen, Schlössern oder Klöstern, aufzieht. Wenn in solchen Quartieren früher teilweise mehr als 500 Fledermäuse anzutreffen waren, freut man sich heute schon, wenn man 100 Tiere findet. Ein weiterer Punkt ist, dass bisherige Quartiere zum Beispiel in alten Gebäuden verschwinden, weil diese abgerissen oder renoviert werden. Bei Häusern, die nach neuerBauweise hochgezogen worden sind, gibt es wenig Ritzen oder Spalten, in denen die Fledermäuse sich aufhalten können.

Das betrifft vor allem die Zwergfledermäuse, die in der Nähe der Menschen leben und in nur 1,5 Zentimeter breiten Ritzen Platz finden. Darüber hinaus werden Dachstühle ausgebaut und isoliert, sodass auch diese als Quartiere wegfallen. Baumfledermäuse, wie der große Abendsegler, leben in Baumhöhlen. Diese Lebensräume verschwinden, wenn die Bäume aus Gründen der Holzgewinnung oder der Verkehrssicherungspflicht gefällt werden.

Welche Arten leben hier?

Genau lässt sich dies mangels Daten natürlich nicht sagen. Es dürften vermutlich um die zehn verschiedene Arten in der Region leben. Auf der Fledermausexkursion am vergangenen Freitag im Laupheimer Schlosspark konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den großen Abendsegler, die Wasser- und die Zwergfledermaus beobachten. Bekannte Quartiere vom großen Mausohr befinden sich im Erbacher Schloss, dem Wiblinger Kloster sowie in einer Kirche in Blaustein. Aufgrund des Klimawandels ist aber auch eine Wanderung der Fledermausarten zu beobachten. Wärme liebende Arten kommen aus dem Süden in unsere Breitengrade. Fledermäuse, die es lieber kühler mögen, wandern in nördlichere Gegenden ab.

Welche Rolle spielen die Fledermäuse im regionalen Ökosystem?

Fledermäuse sind die einzigen aktiv fliegenden Säugetiere. Sie haben sich die Nacht als Jagdzeit auserkoren und fressen die nachtaktiven Insekten wie Falter, Motten und auch sehr viele Stechmücken. Fledermäuse können den Menschen auch als Frühwarnsystem dienen. Wenn etwa Insekten mit giftigen Substanzen, wie z. B. Insektenschutzmitteln, in Berührung kommen und diese dann von den Fledermäusen gefressen werden, wird sich das früher oder später auf die Fledermauspopulation auswirken. Die Fledermaus lagert die giftigen Substanzen ein. Im Winterschlaf lebt sie von ihren Reserven. Die Sterblichkeit steigt durch die giftigen Einlagerungen an. Das ist auch ein Zeichen für den Mensch, dass zu viele Umweltgifte vorhanden sind.

Was können wir tun, um Fledermäuse zu schützen?

Es sollte nicht zu viele Fläche unter Beton verschwinden und der Gifteinsatz auf das Minimum reduziert werden. Jeder Mensch kann, wenn er einen eigenen Garten hat, darauf achten, diesen naturnah anzulegen und keine toxischen Substanzen einzusetzen. Es kann ein Fledermauskasten aufgehängt werden, der den in den Bäumen lebenden Fledermäusen als Aufzuchtquartier für ihre Jungen dient. Selbstverständlich ist, dass Verbote zum Betreten von Höhlen, in denen Fledermäuse ihren Winterschlaf halten, eingehalten werden. Und es gibt auch die Möglichkeit, sich persönlich für den Fledermausschutz zu engagieren, etwa als Betreuer einer Mausohrsiedlung.

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