Ein Muslim im christlichen Dienst

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Musa Jagne hat Spaß an seinem 1-Euro-Job.
Musa Jagne hat Spaß an seinem 1-Euro-Job. (Foto: Reiner Schick)
Reiner Schick

Jede Woche nimmt er am Freitagsgebet der islamischen Gemeinde in Laupheim teil, jeden Nachmittag sammelt er Abfall und Laub rund um die Marienkirche ein oder gießt die Blumen: Musa Jagne, gläubiger Muslim, verrichtet einen 1-Euro-Job für die Katholische Kirchengemeinde in Laupheim. Der 21-Jährige ist einer von vielen Flüchtlingen aus Gambia, die seit dem Frühjahr in Laupheim leben und versuchen müssen, mit irgendeiner Beschäftigung den Alltag in der für sie noch so fremden Welt zu bewältigen.

Musa Jagne steht vor der Marienkirche, schiebt ein paar Laubblätter aus der Schaufel in den Eimer – und lächelt, sodass seine schneeweißen Zähne in dem dunklen Gesicht förmlich leuchten. Tags davor war sein erster Zahltag, 30 Euro hat er für die 30 Arbeitsstunden im vergangenen Monat bekommen. Aber nicht das Geld ist es, das den jungen Mann strahlen lässt. Der Job macht ihm Spaß, denn er ist froh, dass er etwas zu tun hat und dabei auch noch meist freundlichen Menschen begegnet. Dass das nicht überall in Deutschland so ist, wird gerade in diesen Tagen leider allzu deutlich. „Die Leute in Laupheim sind sehr nett“, sagt Musa Jagne auf Englisch. Er hat im Sprachunterricht zwar schon ordentlich Deutsch gelernt, doch es reicht noch nicht, um sich ausgiebig zu unterhalten. Aber um vieles, auch den schwäbischen Humor, zu verstehen. „Manche sprechen mich bei meiner Arbeit im Scherz an und sagen: Wenn du hier fertig bist, kannst du bei mir zu Hause weitermachen“, sagt Musa Jagne – und lächelt.

Freunde seit dem Heimatfest

„Er ist ein unglaublich fröhlicher, offener Typ“, sagt Manuel Manz über den Gambianer, den alle nur „Pablo“ nennen. Warum, das weiß keiner so recht, nicht einmal Pablo selbst. „Das ist halt mein Spitzname.“ Manuel Manz hat ihn beim Heimatfest auf einer Aftershow-Party des Summernight-Festivals kennengelernt. „Er war mir sofort sympathisch, mittlerweile sind wir gute Freunde“, sagt der Laupheimer. „Pablo hat mir erzählt, dass er eine Elektrotechnik-Ausbildung in Gambia gemacht hat und endlich mal wieder einen Computer haben möchte. Daraufhin habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen und ihm meinen alten PC mitgegeben. Und einen Fahrradsattel, den er unbedingt brauchte.“

Seither treffen sich die beiden regelmäßig. Manuel Manz studiert in Stuttgart, ist aber so viel es geht in Laupheim – auch, um nach Pablo zu schauen. Zusammen mit seinem Kumpel Armin Speidel, der sich sehr für die jungen Flüchtlinge in Laupheim engagiert, machte er sich auch Gedanken, welche Beschäftigung für Pablo die beste wäre. „Er dürfte theoretisch einen 400-Euro-Job machen“, sagt Manuel Manz, „aber das ginge von dem Geld weg, das er vom Amt bekommt. Da haben wir ihm gesagt: Er soll sich lieber mit einem 1-Euro-Job begnügen, dafür weiter in die Schule gehen, Deutsch lernen und einen Abschluss machen, damit er etwas für die Zukunft hat.“ So besucht Musa Jagne eine Flüchtlingsklasse in der Laupheimer Kilian-von-Steiner-Schule, mit der Aussicht auf den Hauptschulabschluss im nächsten Jahr.

Den 1-Euro-Job vermittelte ihm schließlich eine Mitarbeiterin vom Laupheimer „Unterstützerkreis Flüchtlinge – Brücken bauen“. Er hatte ihr beim Asyl-Café, das der Unterstützerkreis alle zwei Wochen veranstaltet, erzählt, dass ihm nachmittags nach der Schule langweilig sei und er etwas arbeiten möchte, auch ehrenamtlich. „Ich wollte nur etwas Sinnvolles tun, egal was“, sagt Pablo. So hält er jetzt für einen Euro die Stunde den Außenbereich einer christlichen Kirche sauber – als Muslim. „Das ist kein Problem für mich“, betont der 21-Jährige, „ob Christen oder Muslime – für mich sind alle Menschen gleich.“

„In meinem Herzen weine ich“

In seiner Freizeit macht Musa Jagne leidenschaftlich gerne Musik, bevorzugt auf der afrikanischen Trommel. Wie gut er die Djembé beherrscht, durften die Laupheimer Mitte Juli beim „Benefit Beats“-Konzert des Carl-Laemmle-Gymnasiums erleben. Sehr gerne spielt der Gambianer auch Fußball, dank der Vermittlung von Armin Speidel fand er diese Möglichkeit bei den Sportfreunden Bronnen (die SZ berichtete). Noch vor wenigen Monaten hätte sich der 21-Jährige so etwas kaum zu erträumen gewagt.

„Seit ich meine Heimat verlassen habe, habe ich nur schreckliche Dinge gesehen. Leid und Tod“, sagt Musa – und mit einem Mal verschwindet das Lächeln, das ihm so eine besondere Ausstrahlung verleiht, aus seinem Gesicht. Der junge Mann senkt den Kopf, wenn er zurückdenkt an das, was er während seiner fast einjährigen Flucht erlebt hat. Den größten Teil der 5000 Kilometer langen Strecke vom westafrikanischen Gambia über den Senegal, Mali, Burkina Faso und den Niger bis ins nordafrikanische Libyen legte er zu Fuß zurück. Er schlief meist im Freien, litt unter der Wüstensonne und der ständigen Angst, von Banden ausgeraubt zu werden. „Ich trug nichts als meine Kleider bei mir und habe mein Geld auf verschiedene Taschen verteilt“, erzählt Musa. Es half nicht viel, er kam fast mittellos in Libyen an.

Dort wurde er erstmal zwei Monate ins Gefängnis gesteckt, ein Wärter holte ihn heraus unter der Bedingung, dass er für ihn ein paar Wochen kostenlos arbeitet. „Danach habe ich zwei bis drei Monate auf einer Baustelle gejobbt, um Geld für die Überfahrt zu verdienen.“

40 Menschen sterben auf dem Meer800 Euro wollte der Schleuser von Musa für die Aussicht, in einem mit 106 Menschen überfüllten Boot nach Italien zu gelangen. „Man hat uns gesagt, in sechs Stunden bringen wir euch rüber – damals wusste ich nicht, dass das aussichtslos war“, erzählt Musa. „Um 5 Uhr am Morgen ging es los, das Boot hatte ein Leck, 40 Männer und Frauen sind ertrunken oder erfroren, Kinder waren nicht an Bord. Wir saßen bis 9 Uhr abends im Wasser, ehe uns ein Schiff gerettet und nach Italien gebracht hat.“ Ohne diese Hilfe, weiß Musa heute, „hätten wir keine Chance gehabt, jemals das rettende Ufer zu erreichen“.

Und doch sah Musa in der Flucht die einzige Chance für seine Zukunft. „Ich hatte Angst um mein Leben“, sagt er angesichts des von Willkür geprägten Treibens von Diktator Yahya Jammeh. „Im Internet liest man, dass in Gambia alles okay sei“, sagt Musa. „Aber das stimmt nicht.“ Jammeh mache, was er will, er sperre nach Belieben Menschen ein, lasse sie foltern oder töten. „Keiner weiß, warum.“ Und wer sich wehre, werde erschossen. Traum von der RückkehrFür Musa wurde der Leidensdruck so groß, dass er beschloss, alleine zu fliehen. Sein Vater lebt schon lange nicht mehr, seine Mutter, seine beiden Schwestern und sein Bruder sind noch in der Heimat. „Ich habe inzwischen wieder Kontakt zu ihnen“, sagt Musa, er möchte seiner Mutter ein Handy schicken, um öfter mit ihr telefonieren zu können. Ob er davon träumt, eines Tages wieder nach Gambia zurückzukehren? „Wenn es einen Wechsel in der Regierung gibt, dann ja.“ Erst aber möchte er in Deutschland sein erstes Ziel verwirklichen: eine erfolgreiche Schul- und Berufsausbildung. „Und dann hoffe ich auf einen guten Job.“

Auf die Frage, wie er es trotz des Erlebten immer wieder schafft, zu lächeln, antwortet Musa Jagne: „Es stimmt, ich lache viel, weil das meine Natur ist. Aber in meinem Herzen weine ich.“

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