Dieses Engagement ist nötiger denn je

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In der Sammelzentrale der Aktion Hoffnung in Laupheim wird gebrauchte Kleidung sortiert. Seit Jahren wächst jedoch der Anteil an
In der Sammelzentrale der Aktion Hoffnung in Laupheim wird gebrauchte Kleidung sortiert. Seit Jahren wächst jedoch der Anteil an Textilien, die nicht mehr verwendet werden können. (Foto: Barbara Braig)
Redaktion Laupheimer Anzeiger

Es ist kein einfaches Jahr gewesen für die Sammelzentrale der „Aktion Hoffnung“ in Laupheim. Durch die Schließung des Eine-Welt- und Kleiderladens im Frühjahr brachen dem gemeinnützigen Verein wichtige Einnahmen weg, und auch im Bereich der Kleidersortierung gibt es nach wie vor Probleme. Schuld daran: ein Virus, das derzeit die Schlagzeilen auf der ganzen Welt beherrscht.

Warum die Sammelzentrale finanziell leidet

„Wir haben dieses Jahr Umsätze im hohen fünfstelligen Bereich verloren“, berichtet Roman Engelhart, Geschäftsführer der Sammelzentrale. Die „schlechten Zeiten“ begannen bereits kurz vor dem Lockdown im März: Beim Frühjahrskleidermarkt verzeichneten die Veranstalter wesentlich weniger Besucher als in den Jahren zuvor. Dann musste der Eine-Welt- und Kleiderladen schließen, und auch danach konnte Engelhart beobachten, dass die Kunden nur dann zum Einkaufen kamen, wenn sie etwas Konkretes brauchten. „Die Geldbeutel werden schmaler; man geht weniger aus und braucht auch nicht so viel“, umreißt Birgit Rohmer vom Team der Sammelzentrale die Situation.

Dazu kommt laut Engelhart, dass ein weiteres finanzielles Standbein der Sammelzentrale, das Textil-Recycling, immer ineffizienter wird. „Der Markt für Recyclingprodukte ist weitgehend zusammengebrochen“, sagt er. Zudem würde der Anteil der Textilwaren, die nicht zum Recyceln taugen, permanent ansteigen. „Um rund 20 Prozent innerhalb von zwei Jahren“, erklärt Engelhart. Die Entsorgung dieses Abfalls kostet die Sammelzentrale knapp 300 Euro pro Tonne – fast doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. Grund für die immer geringer werdende Verwertbarkeit der Textilien sind Billig- und Mischfasern von niederer Qualität.

Wofür der Verein die Einnahmen einsetzt

Damit fielen in den vergangenen Monaten wichtige Einnahmen weg. Einnahmen, die gebraucht werden, um in anderen Teilen der Welt Gutes zu tun. Dabei ist das Engagement des Vereins dort mehr gefragt denn je. Denn die Zielländer, in die die Sammelzentrale jedes Jahr mehrere Container mit Kleidung und anderen Hilfsgütern verschickt, sind zum Teil ebenfalls stark von der Corona-Pandemie betroffen – das verschärft die ohnehin schon prekären Lebensbedingungen der Menschen dort noch zusätzlich.

In diesem Jahr hat die Sammelzentrale schon Container nach Uganda, Burundi, Brasilien, Namibia, Bolivien und Rumänien verschickt. Üblicherweise werden die Gebrauchtkleider über die Diözesen im Zielland für kleines Geld an Bedürftige abgegeben. „Die Situation ist mittlerweile aber meist so prekär für die Menschen, dass die Kleidung aktuell überwiegend verschenkt wird“, weiß Roman Engelhart, den immer wieder Schilderungen der Empfänger aus diesen Ländern erreichen.

Warum Menschen in anderen Ländern auf die Kleiderspenden angewiesen sind

„Vor allem Brasilien und Argentinien sind von der Corona-Krise schwer gebeutelt“, erzählt Engelhart. So schreibt Rose Tedesco, die Leiterin der Caritas in Novo Hamburgo in Brasilien, dass viele Menschen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit schlicht kein Geld hätten, um sich mit „neuer“ gebrauchter Kleidung einzudecken. Die Anzahl der Infizierten sei unüberschaubar, auch weil zum Teil kaum getestet werde.

Die Arbeitslosigkeit steigt; anders als in Europa gibt es meist keine staatlichen Hilfen oder ein soziales Netz, das Arbeitslose und Kranke auffängt. „Von einer Mitarbeiterin in einem Caritas-Büro im Süden Brasiliens habe ich erfahren, dass nur noch zwei von einem Dutzend Mitarbeiter im Büro sind – die anderen sind entweder selbst erkrankt oder in Quarantäne. Es gibt dort fast keine Familie, die nicht von Corona betroffen ist oder sogar Tote zu beklagen hat“, schildert Engelhart.

Die Sammelzentrale will deshalb trotz erschwerter Bedingungen ihr Engagement unbedingt aufrecht erhalten. Und das, obwohl außer dem finanziellen Aspekt auch das Sortieren der Textilien schwieriger geworden ist. Denn die Mitglieder der Gruppen, die diese Arbeit ehrenamtlich übernehmen, gehören zu einem beträchtlichen Teil zur Corona-Risikogruppe. Zudem durften und dürfen aufgrund der Kontaktbeschränkungen keine Fahrgemeinschaften gebildet werden, und auch die Anzahl der Helfer, die gemeinsam arbeiten dürfen, wurde zur Reduzierung des Infektionsrisikos verringert. Die Folge: „Aufs Jahr gerechnet konnten wir nur 70 Prozent der üblichen Menge sortieren“, so Engelhart.

Diese Güter werden per Container verschickt

Verschickt werden in den Containern aber nicht nur Kleidung und andere Textilien, sondern auch weitere dringend benötigte Hilfsgüter wie Rollstühle, Gehhilfen, Pflegebetten, Hygieneartikel oder Schutzausrüstung gegen Coronaviren und andere Infektionskrankheiten.

Aktuell sind zwei derartige Hilfstransporte geplant. Noch kann die Sammelzentrale sie nicht auf die Reise schicken. „Die Empfänger müssen erst noch die Kosten für die Einfuhr bereitstellen“, sagt Roman Engelhart. Das kann, auch aus organisatorischen Gründen, nur im Empfängerland gemacht werden.

Mit einer Spende aus der SZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ könnte im kommenden Jahr ein weiterer Transport finanziert werden. Ein mögliches Ziel wäre Peru – oder Argentinien. Und auch wenn sich Engelhart und sein Team angesichts der aktuellen Lage Sorgen um die Zukunft der Sammelzentrale machen, sagt er: „Verglichen mit den Ländern, mit denen wir arbeiten, geht es uns noch gut.“

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