Die Wort-Fischerin aus Burgrieden

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 Die Schriftstellerin Marlies Grötzinger mit ihrem Buch „Seebeben“.
Die Schriftstellerin Marlies Grötzinger mit ihrem Buch „Seebeben“. (Foto: ksc)
Schwäbische Zeitung

Sie lebt und schreibt unter anderem in Burgrieden und wuchs in Bußmannshausen auf: Marlies Grötzinger. Die Autorin, die zugleich hauptberuflich Umweltbildung an Schulen im Landkreis Biberach unterrichtet, ist eng mit ihrer Heimat verbunden. In den vergangenen dreißig Jahren hat sie zahlreiche Geschichten und Gedichte in schwäbischer Mundart veröffentlicht. 2015 erschien ihr erster Roman „Seenot – Schwarzer Sonntag auf dem Bodensee“. Nun legt sie ihren zweiten vor: Das Buch „Seebeben“ spielt wieder am Bodensee. Es handelt von einer Wasserschutzpolizistin, die einen neuen Job am Bodensee begonnen hat, und sich von ihrem neuen Chef angezogen fühlt. Plötzlich steht sie zwischen ihrem bisherigen Lebensgefährten und dem neuen Mann. SZ-Redakteur Kai Schlichtermann hat mit der Autorin über die Entstehung des Buchs gesprochen.

SZ: Frau Grötzinger, schon seit vielen Jahren schreiben Sie literarische Texte und verfassen Gedichte und Geschichten in schwäbischer Mundart. Warum haben Sie wieder einen Roman auf Hochdeutsch geschrieben?

Marlies Grötzinger: Mundart ist begrenzt auf regionale Leser, allerdings kann man mit Dialekt durchaus näher an die menschliche Seele rücken. In kurzen schwäbischen Texten bringe ich Gefühle besser zum Ausdruck. Doch das Genre des Romans ist für mich die beste Form, um eine längere Geschichte zu erzählen. Dass ich sie am Bodensee verortet habe, ist naheliegend. Ich liebe dieses Gewässer und es ist meine zweite Heimat. Dort sammle ich Worte so wie die dortigen Fischer die Früchte des Seewassers mit ihren Netzen einholen. Ich sehe mich so quasi als „Fischerin vom Bodensee“. Ich fische nach Geschichten, Erfahrungen, Erlebnissen meiner Mitmenschen und verarbeite diese dann in meiner Schreibstube mit allem, was ich bisher so übers Leben weiß. Und das ist inzwischen ja eine ganze Menge, schließlich bin ich kein „heurigs Häsle“ mehr.

Wie lange hat es gedauert, bis aus Worten ein komplettes Buch wurde?

Rund drei Jahre habe ich an der Geschichte gearbeitet. Am Anfang stehen die Recherchen der Orte sowie die Idee für eine Handlung. Ganz wichtig für mich ist die korrekte Beschreibung der Lokalitäten rund um den Bodensee. Alles soll authentisch sein, die Fakten müssen stimmen. Da bin ich ganz Journalistin. Außerdem rede ich mit Polizisten, Psychologen und anderen Menschen, die mir ein Gefühl für das Leben am Bodensee geben. Dann habe ich die Charaktere entwickelt, die in „Seebeben“ vorkommen. Mir macht das unglaublich viel Freude, Figuren zu erfinden und sie handeln zu lassen. Denn die tun genau das, was ich als Autorin will. Im richtigen Leben ist das ja eher selten der Fall. Für mich war sehr früh klar, dass die Protagonistin eine Frau sein muss.

Haben Sie ein Buch geschrieben, das sich speziell an Frauen wendet?

Nein, allerdings geht es mir schon darum, Situationen zu erzählen, die für Frauen schwierig und konfliktreich sein können. Die Hauptfigur des Romans ist eine Frau, sie ist Anfang 30 und stammt aus einem erzkonservativen Elternhaus in Sigmaringen. In dieser Welt der Regeln, Ordnung und Wertvorstellungen gerät sie in ihrer neuen Lebenssituation am Bodensee buchstäblich ins Schwimmen. Sie will Karriere machen und zugleich ihr privates Leben meistern, in dem es plötzlich zwei Männer gibt. Das ist der neue Mann, der sie fasziniert und der ihre Begierde weckt. Und auf der anderen Seite sitzt der vertraute Mann ihrer langjährigen Beziehung, die sich im Laufe der Jahre etwas abgenützt hat.

Ich sehe darin ein wenig die Situation junger Frauen heute, die den Anspruch haben, alles im Leben perfekt unter einen Hut zu bekommen: Sie wollen Karriere machen, eine Familie haben, eine romantische Beziehung leben und immer perfekt aussehen. Das alles ist keine leichte Aufgabe. Viele Frauen haben zudem wenig Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Mich interessiert einfach, wie sich Menschen in schwierigen Situationen verhalten und das lote ich schreibend aus.

Sie haben zwei Kinder, die fast das gleiche Alter haben wie die Protagonistin. Inwieweit sind Ihre Beobachtungen über das Leben der jüngeren Generation in den Roman eingeflossen?

Das vermag ich nicht zu sagen. Aber ich habe versucht, die Dynamik unserer Zeit und des Lebens in das Buch einzubinden. Da gibt es neben dem Alltag bei der Wasserschutzpolizei philosophische Sequenzen, Beziehungskonflikte und ordentlich viel Erotik. Eine einfache Liebesgeschichte wäre mir zu seicht gewesen.

In der Vorstellung vieler Menschen scheint das Leben eines erfolgreichen Autors ebenfalls sexy zu sein. Wie haben Sie die ersten Schritte als Roman-Schriftstellerin erlebt und wie muss man sich das Leben einer Schreiberin vorstellen, bevor sich der ganz große Erfolg einstellt?

Von Literatur allein können die wenigsten leben, deswegen habe ich nach wie vor einen festen Beruf im Landratsamt Biberach. Dennoch hatte und habe ich eine Strategie für mein belletristisches Werk, wenn ich das so sagen darf. In den vergangenen Jahren habe ich Schreibseminare belegt und gelernt, wie Autoren spannend schreiben und beim Leser Emotionen erzeugen können.

Schreiben ist ein sehr einsames Geschäft, bei dem ich viel Zeit und Muße brauche. Und wenn dann der Text fertig ist, ist es heutzutage schwer, einen Verlag zu finden. Glücklicherweise hat diesmal ein Verlag mein Manuskript angenommen, der im ganzen deutschsprachigen Raum Bücher veröffentlicht. Der Vorteil eines großen Verlages ist, dass Schriftsteller dort besser vermarktet werden. Der Buchhandel hat „Seebeben“ bereits bestellt und im Oktober werde ich mit dem Roman auf der Buchmesse in Frankfurt sein.

Jeder Schriftsteller schielt zu den ganz Großen der Literaturbranche und hat Vorlieben. Welche Autoren lieben Sie?

Hermann Hesse habe ich früher gelesen, Martin Suter oder Robert Seethaler beispielsweise. Meist lese ich mehrere Bücher gleichzeitig und das sind eher selten die auf den Bestsellerlisten. Derzeit allerdings beschäftige ich mich mit Schriftstellerinnen. Dörte Hansen, Maja Lunde und Zsuzsa Bánk sind absolute Entdeckungen für mich. Die Bücher greifen das Leben im Alltag auf und beschreiben genau das, was mich interessiert: Wie können wir inmitten unserer täglichen Konflikte das Glück des Lebens erfahren?

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