Die digitale Zukunft: So denken Laupheimer Jugendliche darüber

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 Mit Tablet, Kamera und Beamer: Unterricht in der Neunten von Dr. Matthias Schönwald.
Mit Tablet, Kamera und Beamer: Unterricht in der Neunten von Dr. Matthias Schönwald. (Foto: aep)

„Wer bekam sein erstes Handy mit elf Jahren?“ Fast alle Hände gehen hoch. Das erste Smartphone? Kurze Beratung: „So mit 13, 14 ist normal.“ Ausschnitt aus einem Gespräch mit angehenden Abiturienten am Carl-Laemmle-Gymnasium in Laupheim. Es geht ums Internet, um Digitalisierung, um die digitale Zukunft und die klassische Frage: „Wer hat Angst vor...?“ Das Gespräch zeigt: Diese jungen Leuten stolpern mitnichten blind in die neue Welt.

 Mehr Skepsis als Begeisterung ergibt diese Frage.
Mehr Skepsis als Begeisterung ergibt diese Frage. (Foto: Grafik: aep)

Autos, die selbst lenken, Kühlschränke, die selbsttätig bestellen, Armbänder, die vor Krankheiten warnen: Forscher malen eine Zukunft aus, in der Mensch Herr über ein Heer nützlicher Maschinen ist. Die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Kritiker warnen zugleich: Mensch wird nicht Herr, sondern Sklave extremer Computer-Vernetzung, ein Opfer permanenter Ausspähung durch Staat und Wirtschaft sowie Cyberkriminältit in noch ungeahmten Ausmaß – und das alles freiwillig in seiner Bequemlichkeit. Die Bruchlinie zwischen den Lagern verläuft zwischen Generationen: je älter, desto kritischer – meint man und irrt! Tatsächlich steht Jugend den kommenden Neuerungen weit kritischer gegenüber, als vermutet.

Unterricht mit Beamer

Das behauptet eine deutschlandweite Studie, deren Ergebnis Ende 2018 überraschte. Offenbar wird Jugend unterschätzt. Auch, wer sich unter Laupheimer Abiturienten umhört, bekommt sehr differenzierte Aussagen. Diese jungen Leute, die mit Rechnern, Smartphone und Social Media-Vernetzung aufgewachsen sind, sehen der totalen Digitalisierung ihres künftigen Lebens mit Wissbegierde, aber ebenso viel Respekt und sogar Furcht entgegen. Man bekommt den Eindruck: Sie sind kritischer als manche Erwachsene, die auch Schulen zu durchdigitalisierten Bildungsstätten machen möchten.

 Viele sind optimistisch, einige aber auch skeptisch: die versammelten Abiturienten der Kilian-von-Steiner-Schule.
Viele sind optimistisch, einige aber auch skeptisch: die versammelten Abiturienten der Kilian-von-Steiner-Schule. (Foto: Axel Pries)

Was es schon gibt, zeigt ein Besuch in einer nicht untypischen Unterrichtsstunde am CLG: In der neunten Klasse geht es in Gemeinschaftskunde bei Dr. Matthias Schönwald um den Homo oeconomicus, den wirtschaftlich denkenden Menschen, und Sabina hält zum Einstieg einen Vortrag über den Kohleausstieg. Die 15-Jährige steht aber nicht nur am Lehrerpult und erzählt, sondern unterstützt ihren Vortrag mit Grafiken und Bildern, die via Beamer an die Wand geworfen werden. Das ist längst Standard an vielen Gymnasien – mindestens in Oberstufen. So geht s weiter in der Unterrichtsstunde.

Lehrer Schönwald schreibt nicht an die Tafel, die wie ein Relikt alter Zeit ungenutzt die Wand besetzt. Er nutzt eine digitale Dokumentenkamera, um Texte via Beamer an der Wand zu zeigen und fährt mit dem Laserpointer über die Zeilen. Bilder und Grafiken bekommt die Klasse so zu sehen, zuletzt auch einen kurzen Film, den er in ein Tablet einspeist – sein eigenes übrigens. Digitale Elemente gehören in diesem Unterricht offensichtlich längst dazu. Auffällig aber auch: Manche der Texte schreiben die Jugendlichen per Hand von der Beamerwand in ihre Hefte. Es entstehen Minuten konzentrierter Ruhe. Ein Rückfall in die Kreidezeit?

Die digitale Schule?

Mitnichten, erklärt Matthias Schönwald. Er könnte auch alles ausdrucken. Aber die Jugendlichen sollen bei ihm auch noch von Hand schreiben: „Das hat pädagogische Vorteile. Was man mit der Hand abschreibt, behält man eher im Kopf.“ Er nutze gerne die multimedialen Möglichkeiten, um den Unterricht vielfältiger zu machen: „Aber Technik ist für mich nur ein Werkzeug und kann nicht das Lernen ersetzen.“ Spielerisch kommt bei ihm am Ende auch eine Handy-App zum Einsatz: Für alle sichtbar, pickt der Zufallsgenerator den Schüler Jan aus, der zur nächsten Stunde einen Vortrag vorbereiten muss – und erzeugt ein vergnügtes „Aha-Erlebnis“.

 Sich des Risikos in der digitalen Welt bewusst: Schülerinnen und Schüler des CLG.
Sich des Risikos in der digitalen Welt bewusst: Schülerinnen und Schüler des CLG. (Foto: Axel Pries)

Kamera, Tablet, Beamer zur Wissensvermittlung – ist das schon die digitale Schule? Die Digitalisierung im Unterricht – ob als Lernstoff oder Lehrmittel – könnte nach Ansicht Laupheimer Abiturienten gerne fortgeschrittener sein, ergibt eine Umfrage in den aktuellen Jahrgängen am Carl-Laemmle-Gymnasium und an der Kilian-von-Steiner-Berufsschule. 124 junge Leute zwischen 17 und 20 haben in Laupheim gerade die Prüfungen vor sich. 59 beteiligten sich an der anonymen Umfrage zum Thema Digialisierung – und viele auch an Gesprächen dazu. Bei der Frage, ob Digitalisierung an ihrer Schule Thema ist, fanden nur 24: „ja, genug“. Fünf fanden, dass dies kein Thema für die Schule sei. Aber 30 wünschten sich mehr Digitalisierung – weit überwiegend übrigens am CarlLaemmle-Gymnasium. Positiv stehen die jungen Leute daher auch einer digitalen Aufrüstung der Schulen gegenüber: Dadurch werde der Unterricht vielfältiger (47 Stimmen), und das bereite auf die moderne Arbeitswelt vor (29). Nur neun lehnten mehr digitale Hilfsmittel als überflüssig ab – und 15 fürchten, Schüler könnten Grundfertigkeiten des Lernens verlernen.

„Das finde ich gruselig“

So positiv digitalisierter Unterricht ihnen erscheint – die eigene digitale Zukunft bereitet bei aller jugendlichen Zuversicht aber doch auch Sorgen. Das ergeben die Gespräche zur Umfrage. Die Aussicht auf ständige Beobachtung zum Beispiel gefällt vielen nicht: „Das finde ich gruselig“, sagt eine CLG-Abiturientin – und urteilt über die Sprachsteuerung „Alexa“: „So etwas will ich gar nicht haben.“ Dann die Gefahr durch Cyber-Kriminalität: Da sehen viele Jugendliche sich bedroht, weshalb auch digitale Bezahlsysteme kritisch gesehen werden. Credo: Irgendwann wird jeder Chip gehackt – und dann wird man digital ausgeraubt. „Digitalisierung macht einen viel angreifbarer“. Zum positiven Konto kommen die neuen Vernetzungsmöglichkeiten, aber der Eindruck kommt auf, dass auch dabei mancher junge Mensch sich schon überfüttert fühlt. Stichwort soziale Medien. „Man kann damit schon viel Zeit verschwenden“, findet die 18-jährige Jahrgangssprecherin Lisa Bauer. Generell räumen die jungen Leute ein, dass sie auch nach eigenem Empfinden zu viel sinnlos am Bildschirm rumdaddeln.

Stärkere Befürworter finden sich im Abi-Jahrgang der Kilian-von-Steiner-Schule. 35 der 37 Abgänger sind eigens für diese Umfrage in einem Raum versammelt, und die meisten Hände gehen hoch, wenn man nach der Präsenz des Themas fragt. Digitalisierung ist im Kopf. Vielleicht die Hälfte sieht die Zukunft im Zeichen der Bits und Bytes positiv, nennt mehr Service, mehr Kontakte, mehr Gesundheit, beruliche Möglichkeiten als Chancen. Manche Entwicklung wird positiv und negativ zugleich gesehen. Zum Beispiel die Möglichkeit, mit digitalen Hilfsmitteln die Gesundheit zu fördern, gilt als positiv – der Umkehrschluss, Krankenkassen könnten daraus ein Druckmittel machen, wird aber als negativ genannt. Kaum Interesse haben auch diese überwiegend 19 und 20 Jahre alten Schüler an komplett bargeldloser Zahlung.

Traditionell sind die Abiturienten des Technischen Gymnasiums schon berufsorientiert, aber die Präsenz der digitalen Welt prägt offenbar nicht den Berufswunsch: Nur zwei von ihnen steigen nach dem Abitur in einen IT-Beruf ein und nur acht in einen verwandten Zweig.

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