„Die Debatte wird momentan falsch geführt“

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Ahmad Mansour
Ahmad Mansour (Foto: Heike Steiweg)
Schwäbische Zeitung

Der Freundeskreis des Museums zur Geschichte von Christen und Juden in Laupheim lädt am Dienstag, 14. Februar, um 19 Uhr ins Kulturhaus Schloss Großlaupheim zu einem Vortrag mit dem Titel „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“. Referent ist der Diplom-Psychologe Ahmad Mansour, einer der wichtigsten Islamismus-Experten Deutschlands. Im Gespräch mit Redaktionsmitglied Barbara Braig spricht er über die Gründe, weshalb Jugendliche sich radikalisieren, und wie man dem entgegenwirken kann.

Herr Mansour, warum müssen wir umdenken im Kampf gegen den religiösen Extremismus – und in welche Richtung müssen wir denken?

Wir haben nicht verstanden, was wir eigentlich bekämpfen wollen. Wollen wir nur die Bombe verhindern? Dann ist das, was wir in Deutschland tun, vielleicht ausreichend. Aber wenn wir die Ursache bekämpfen wollen, müssen wir umdenken. Das bedeutet, nicht nur die Dschihadisten vor Augen zu haben, sondern eine riesengroße Gruppe von Menschen, Jugendliche vor allem, die unter uns leben und zu dieser Gesellschaft gehören, aber Werte in sich tragen, die zur Radikalisierung führen können. Auch, wenn aus ihnen keine Dschihadisten werden, sind sie für uns ein Problem, weil sie unsere Verfassung und unsere Werte teilweise ablehnen. Um diese Gruppe müssen wir uns kümmern und sie für diese Gesellschaft gewinnen.

Sie wurden als Jugendlicher selbst schon mit religiösem Extremismus konfrontiert. Können Sie an Ihrem eigenen Beispiel kurz schildern, wie junge Menschen überhaupt zu Extremisten werden?

Ich habe damals nicht gedacht, dass ich radikal oder ein Islamist bin. Ich habe auch nicht nach Religion gesucht, sondern nach einer Art Befreiung. Ich wurde gemobbt, war unzufrieden mit meinem Leben, hatte Ängste, und der Einzige, der diese persönliche Krise bemerkt hat, war der Imam. Er lud mich ein, wählte mich quasi aus. In der Moschee habe ich Freunde gefunden; wir haben etwas unternommen, und ich hatte das Gefühl, zu einer Elite zu gehören. Das spielt meiner Meinung nach bei vielen Jugendlichen eine Rolle: Da ist eine persönliche Krise, die nicht von Eltern, Sozialarbeitern oder Lehrern erkannt wird, sondern von den Radikalen. Und die machen den Jugendlichen ganz einfache Angebote, die ankommen: Schwarz-Weiß-Bilder, die ihnen helfen, die Welt besser zu verstehen, wodurch sie Orientierung, Halt und Selbstwertgefühl bekommen.

Fehlende gesellschaftliche Verwurzelung, fehlende Anerkennung und Unzufriedenheit mit der eigenen Person sind also ein Nährboden für Extremisten, um Jugendliche zu beeindrucken?

Wenn wir von Extremismus und Radikalisierung reden, müssen wir das auf drei Ebenen sehen, die alle eine Rolle spielen. Da sind erst einmal die psychologischen Faktoren: Es radikalisieren sich vor allem Jugendliche, die keine Vaterfigur zu Hause haben, eine persönliche Krise durchleben, bestimmte Persönlichkeitsstrukturen haben oder depressiv sind. Es radikalisieren sich aber auch Jugendliche, die auf der Suche nach Identität, Orientierung und Halt sind und dadurch die Möglichkeit bekommen, zu rebellieren, sich abzugrenzen, zu einer Elite zu gehören. Manchmal spielen auch Diskriminierungserfahrungen eine Rolle. Drittens gibt es eine ideologische und theologische Ebene: Es radikalisieren sich Muslime, die mit einem bestimmten Islamverständnis eine Antwort auf alles finden, auf die Komplexität dieser Welt. Diese drei Ebenen müssen zusammenkommen, damit es zur Radikalisierung kommt.

Wie haben Sie selbst Ihren Weg hin zu Demokratie und friedlichem Zusammenleben gefunden?

Man darf nicht denken, dass ich morgens aufgestanden und ein echter Demokrat geworden bin. Es ist ein Prozess, der immer noch andauert, verbunden mit Angst und Momenten des Zweifels. Ich habe aber sehr viel Unterstützung bekommen, und meine Rettung war, dass ich meinen Wohnort gewechselt habe. Ich lebte ja in einem kleinen Dorf, wo der Imam einen sehr unmittelbaren und direkten Einfluss auf mich gehabt hat. In Tel Aviv, wo ich studierte habe, lernte ich andere Leute kennen, las andere Bücher, wurde neugierig auf die westliche Lebensweise. Diese Neugier war viel größer als die Radikalisierungselemente in mir, und dadurch konnte ich mich lösen.

Als ich 2004 nach Deutschland kam, habe ich gemerkt, dass die Radikalisierungstendenzen wieder stärker wurden: Ich war auf einmal allein, beherrschte die Sprache nicht, fühlte mich klein – und fand mich in einer Moschee wieder, in der radikale Tendenzen gepredigt wurden. Das war nur eine sehr kurze Zeit, weil ich wusste: Das ist nicht mein Weg. Deshalb konnte ich mich schnell umorientieren. Aber das sind Aspekte, die immer passieren, wenn Menschen in einer persönlichen Krise sind.

Sie betreuen als Psychologe radikalisierte Jugendliche und deren Familien in Berlin. Wie kann man denn hier in Deutschland konkret einer Radikalisierung vorbeugen?

Sinnvolle Präventionsarbeit bedeutet flächendeckende Angebote an Schulen. Die Lehrer müssen in der Lage sein, früh an Rhetorik, Verhalten und Ausdrucksweise eine beginnende Radikalisierung zu erkennen und dann Hilfe suchen. Wir müssen in der Lage sein, Werte zu vermitteln. Man muss mit den Jugendlichen in den Schulen über aktuelle politische Themen reden, kritisches Denken fördern, ein Wir-Gefühl schaffen. Die Identifikation der jungen Menschen mit der Demokratie und mit Deutschland muss gestärkt werden. Wir müssen den Jugendlichen vermitteln, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind. Das wäre die beste Prävention.

Wieso schaffen wir es immer wieder, Jugendliche für Apple-Produkte zu begeistern, aber nicht für unsere Verfassung? Da läuft etwas gewaltig schief. Auch müssen wir bessere Sozialarbeit betreiben und so einen Zugang zu den Jugendlichen schaffen. Dazu gehört auch digitale Sozialarbeit in den sozialen Netzwerken, um dem, was im Internet passiert, etwas entgegenzusetzen.

Spielt das Internet eine große Rolle bei der Verbreitung radikaler Ideologien?

Das Netz ist mittlerweile eine Art rechtsfreier Raum geworden, wo Radikale aller Sorten die Übermacht haben. Das muss sich ändern. Wir brauchen eine innerislamische Debatte, die sich die Frage stellt: Wie konnte solch ein Ungeheuer unter uns überhaupt entstehen? Was für eine Verantwortung tragen wir? Wie können wir unsere Jugendlichen vor Radikalisierung schützen? Wie können wir einen Glauben repräsentieren, der ohne Wenn und Aber Demokratie und Menschenrechte anerkennt?

Wie kann man Jugendliche „deradikalisieren“?

Deradikalisierung ist eine sehr persönliche, intensive Arbeit. Wir betreuen die Familien und versuchen, in diesen wieder Bindung und Kommunikation zu ermöglichen. In der Beratung versuchen wir, die Eltern so zu trainieren, dass sie für ihre Kinder Alternativen schaffen, sie durch Liebe und Bindung von den radikalen Elementen abbringen können. Wenn ich mit Jugendlichen direkt arbeite, vor allem im Gefängnis, dann lasse ich sie reflektieren, was sie getan haben, damit sie darüber nachdenken und anfangen, die Ideologie infrage zu stellen. Das ist eine sehr intensive, teure Arbeit ohne Erfolgsgarantie.

Ziehen die Familien der Betroffenen mit, wenn Jugendliche „deradikalisiert“ werden sollen?

Erfahrungsgemäß ziehen rund 90 Prozent der Familien mit, egal welcher Herkunft. Oft sind sie beunruhigt und manchmal in Panik. Es gibt Eltern, die unsere Tipps annehmen und unsere Strategien verfolgen, aber es gibt auch solche, die dazu nicht in der Lage sind. So schafft es mancher autoritäre Vater nicht, im Gespräch mit dem Jugendlichen einen Kompromiss zu finden, sondern droht mit Verboten, um sein Kind aus dem Milieu zu lösen. Damit erreicht er dann oft das Gegenteil. Aber die Mehrheit der Eltern zieht gut mit.

Würden Sie sich wünschen, dass in den Moscheen mehr in die Offensive gegangen wird?

Definitiv! Die Moscheen sind Teil des Problems, sie können auch Teil der Lösung sein. Sie müssen unbedingt aktiver werden. Solange sie sich einfach mit Sätzen wie „Das hat mit dem Islam nichts zu tun“ begnügen, werden wir hier nichts erreichen. Manche Moscheen vermitteln ein Islam-Verständnis, das zur Radikalisierung führt – auch wenn sie diese eigentlich ablehnen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich in Deutschland in puncto Prävention etwas bewegt?

Ich sehe keine Hoffnung, solange unsere Politiker nicht in der Lage sind, mehr als Aktionismus zu betreiben. Die Politik muss erkennen, dass wir hier ein riesiges Problem haben. Es geht nicht nur um das Jetzt, um den IS, Al Kaida und andere Organisationen. Es ist ein Generationsproblem mit vielen Jugendlichen, die auffällig werden, wenn wir sie nicht erreichen. Die Debatte wird momentan falsch geführt. Es geht nur darum, den nächsten Anschlag zu verhindern. Das ist zu wenig und gefährlich. Denn darunter entsteht eine gewaltige Basis an Jugendlichen, die sich von dieser Gesellschaft entfernen.

Zur Person:

Der Psychologe Ahmad Mansour (Jahrgang 1976) wurde als Sohn arabischer Eltern in Israel geboren und lebt seit 2004 in Deutschland. Er beschäftigt sich mit Projekten und Initiativen, die Extremismus bekämpfen und Demokratie und Toleranz fördern. Mansour ist Programme Director bei der European Foundation for Democracy in Brüssel, Vorsitzender Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland e.V. sowie Familienberater bei Hayat, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung. Für sein Engagement wurde er 2013 mit dem AJC Ramer-Preis für Courage In The Defense Of Democracy und 2014 mit dem Moses-Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. 2016 erhielt Ahmad Mansour den Carl-von-Ossietzky Preis für Zeitgeschichte und Politik, wurde vom Bündnis für Demokratie und Toleranz Gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) als Botschafter für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet und erhielt überdies den Berliner Verdienstorden.

Im Oktober 2015 erschien sein erstes Buch mit dem Titel: Generation Allah: Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen. Darüber hinaus hat Mansour zahlreiche Artikel in deutschen Zeitungen und Magazinen, darunter Spiegel, Welt und Die Zeit, sowie Fachartikel verfasst und veröffentlicht.

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