Deshalb ist dieses Laupheimer Museum einzigartig

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Eine bleierne Zeit: Im NS-Raum der Dauerausstellung wird die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Laupheim thematisiert.
Eine bleierne Zeit: Im NS-Raum der Dauerausstellung wird die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Laupheim thematisiert. (Foto: Roland Ray)
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Seit 1998 dokumentiert das Museum zur Geschichte von Christen und Juden eine zwei Jahrhunderte währende Koexistenz in Laupheim, die für die Entwicklung des Ortes ab dem 18. Jahrhundert ein prägendes Element war.

Das Konzept der Dauerausstellung, vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg (HdG) entwickelt, gilt als bahnbrechend; der langjährige HdG-Leiter Thomas Schnabel sagt, es sei „weltweit einzigartig“. Vermittelt wird das lokalhistorisch Besondere, das Zusammenleben von christlicher Mehrheit und jüdischer Minderheit, dem der nationalsozialistische Rassenwahn ein gewaltsames Ende setzte.

Lehren aus der Vergangenheit

Der Erzählbogen reicht gleichwohl über 1945 hinaus bis in die Gegenwart und kündet von der erst zögerlichen, dann stetig gewachsenen Bereitschaft der Laupheimer, das jüdische Erbe als wichtigen Teil ihrer Geschichte zu begreifen und dem Vergessen entgegenzuwirken. Dass die Erinnerungsarbeit Früchte trägt, zeigt sich nicht zuletzt an den heute reichen Kontakten zu ehemaligen jüdischen Laupheimern und ihren Nachfahren.

Carl Laemmle
Carl Laemmle (Foto: MGCJ)

Das Leitthema des Museums ist freilich auch von hoher gesellschaftlicher und politischer Relevanz, wenn es darum geht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Ist doch die Frage, wie Minderheiten in eine Mehrheitsgesellschaft integriert werden können, gerade heute wieder aktuell, und Antisemitismus auch anno 2020 eine Bedrohung.

Größte jüdische Gemeinde

Den Faden auf nimmt die Ausstellung um 1730, als der hoch verschuldete Freiherr Carl Damian von Welden die ersten jüdischen Familien in Laupheim ansiedelt, nicht ohne Renditegedanken, denn von ihnen kann er Schutzgeld und Sondersteuern fordern.

Die neuen Einwohner kommen in katholisches Kernland, Misstrauen schlägt ihnen entgegen, gespeist aus Jahrhunderte alter christlicher Judenfeindschaft. Wechselbeziehungen gibt es zunächst allenfalls im wirtschaftlichen Leben. Dass mehr Miteinander gelingen kann, dafür liefert das 19. Jahrhundert eine Blaupause.

Staat, Kommunen und Bürger bemühen sich um Annäherung und Gleichberechtigung, die jüdische Minderheit nimmt das Angebot dankend an. Von der dabei entstehenden Dynamik profitiert am Ende auch die Mehrheit.

So wird Laupheims Erhebung zur Stadt 1869 maßgeblich durch einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht, den jüdisches Unternehmertum beflügelt. Mehr als 800 der rund 4100 Laupheimer sind zu jener Zeit Juden, die israelitische Gemeinde ist die größte im Königreich Württemberg.

Schloss Großlaupheim beherbergt seit 1998 das Museum zur Geschichte von Christen und Juden. Die Konzeption gilt als einzigartig.
Schloss Großlaupheim beherbergt seit 1998 das Museum zur Geschichte von Christen und Juden. Die Konzeption gilt als einzigartig. (Foto: Roland Ray)

Erzählt wird all das mithilfe von Schriftstücken, Objekten und Multimedia, und anhand ausgewählter Biografien wie der des Hollywood-Pioniers Carl Laemmle, dem eine eigene, unlängst neu konzipierte Abteilung gewidmet ist.

Peu à peu soll die gesamte Dauerausstellung aufgefrischt werden, mit dem gleichen verlässlichen Partner HdG. 1,35 Millionen Euro werden dafür veranschlagt. Großen Wert legt die Stadt darauf, Schülerinnen und Schülern das Museum und seine Inhalte nahezubringen. Seit 2014 hat die Einrichtung auch einen Pädagogischen Leiter.

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