Der Weg in die Freiheit endet jäh in Biberach

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Ben Schwalb und Joanne Landau am Grab auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim.
Ben Schwalb und Joanne Landau am Grab auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim. (Foto: Michael Schick)
Michael Schick und Reinhold Adler

Die dramatische Geschichte beginnt in Berlin. Lazar Schönbergs Familie flüchtet in den 1930er-Jahren vor den Nazis nach Holland. Doch Holland wird 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt.

In Amsterdam kann sich die Familie Rettungspässe des südamerikanischen Staates Honduras beschaffen, um so der drohenden Deportation zu entgehen. Gertrude, Lazar Schönbergs Tochter, besucht damals in Amsterdam die gleiche Schule wie Anne Frank, deren Familie sich später in einem Hinterhaus versteckt und deren Tagebuch weltberühmt wird. Irene Hasenberg hat sich mit ihren Eltern und Geschwistern aus Elmshorn nach Amsterdam geflüchtet.

1943 werden die Familien Schönberg und Hasenberg verhaftet und über das KZ Westerbork ins KZ Bergen-Belsen deportiert, wo das Leben qualvoll ist und der Tod ständig vor Augen steht. Während die Großeltern der Familie Schönberg ins KZ Theresienstadt deportiert werden, haben die beiden Familien zunächst Glück. Durch die Vermittlung der Schutzmacht Schweiz soll im Januar 1945 ein deutsch-amerikanischer Zivilinternierten-Austausch über Konstanz/Kreuzlingen und Marseille stattfinden. 301 jüdische Häftlinge aus Bergen-Belsen, darunter auch die Familien Schönberg und Hasenberg, sollen daran teilnehmen und werden in einen Zug des Roten Kreuzes nach Konstanz gesetzt, wo die Übergabe stattfinden wird.

Doch der Zug, der in die Freiheit fahren sollte, hält in Biberach, wo die Leiche von Irenes Vater, John Hasenberg, der unterwegs gestorben ist, ausgeladen wird. 40 Personen müssen den Zug verlassen und werden ins Interniertenlager Biberach (Lager Lindele) gebracht. 42 US-amerikanische Internierte aus diesem Lager dürfen statt ihnen am Austausch teilnehmen.

In Ravensburg oder Meckenbeuren hält der Zug noch einmal, um weitere amerikanische Staatsbürger aufzunehmen. Wieder müssen jüdische Bergen-Belsen-Häftlinge den Zug verlassen. Sie werden in die Argonnen-Kaserne nach Weingarten gefahren und anderntags im Biberacher Lager Lindele untergebracht, wo bereits seit 1942 britische Internierte von den Kanalinseln festgehalten werden. Dort ist heute die Bereitschaftspolizei untergebracht.

Am 2. März 1945 stirbt Lazar Schönberg im Lager Lindele. Wie der bereits auf dem Transport verstorbene John Hasenberg und weitere fünf jüdische Männer aus Bergen-Belsen, die infolge der Haftbedingungen so geschwächt waren, dass sie in den Wochen nach ihrem Eintreffen in Biberach verstarben, wird auch Schönberg zunächst auf dem evangelischen Friedhof in Biberach beigesetzt und im Dezember 1945 nach Laupheim auf den jüdischen Friedhof umgebettet.

Bis Anfang 2011 wusste die Familie Schönberg nicht, wo der Familienvater beerdigt ist. Nachkommen der Familie leben heute in der Nähe von New York. Durch eine Recherche des Urenkels, Ben Schwalb, der zurzeit in Tübingen studiert, konnte die Frage jetzt geklärt werden. Ben Schwalb konnte seiner Großmutter in den USA mitteilen, dass das Grab ihres Vaters gefunden ist. Vor wenigen Tagen haben Schwalb und seine Mutter Joanne Landau das Grab ihres Großvaters beziehungsweise Urgroßvaters in Laupheim erstmals besucht.

Lazar Schönbergs Grabnachbar auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim ist John Hasenberg. Seine Tochter, Dr. Irene Butter-Hasenberg, wohnt in Michigan, USA. Sie hat das Grab ihres Vaters schon mehrfach besucht und hält Vorträge in Schulen über sein Schicksal. Die Nachforschungen, die Lazar Schönbergs Urenkel anstellte, bewirkten, dass nach nunmehr 66 Jahren die Verbindungen zwischen den beiden Familien wieder hergestellt werden konnten. Wie berichtet wird, rief die Kontaktaufnahme am Telefon viele alte dramatische Erinnerungen wach.

Außer den beiden Familienvätern Lazar Schönberg und John Hasenberg sind noch weitere vier Personen aus dem Zug von Bergen-Belsen in Laupheim bestattet worden.

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