Der Rucksack voller Identität wird am Anfang des Lebens gepackt

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 Interkulturelle Kompetenz: (v.l.) Josef Schoch, Sandrina Städele, Petra Fassl-Pfister, Sandra de Vries, Gabriele Wiest, Tülay T
Interkulturelle Kompetenz: (v.l.) Josef Schoch, Sandrina Städele, Petra Fassl-Pfister, Sandra de Vries, Gabriele Wiest, Tülay Tekeli, Natalja Kordukov, Dilek Ciftci (Foto: Caritas)
Schwäbische Zeitung

Wie geht man in der Kita mit unterschiedlichen Kulturen um? Bei einer Tagesveranstaltung Ende März im Kolpinghaus arbeitete Sandra de Vries mit Erzieherinnen aus Laupheimer Kindergärten und von der Caritas Biberach-Saulgau zum Thema „Interkulturelle Kompetenz in der Kita-Familie und ’Kind sein’ in der Welt“.

Die Münsteraner Referentin, in Nepal geboren, ist Ethnologin und Trainerin für Interkulturelle Kompetenz. Das Seminar kam über das Bundesprogramm „Kita-Einstieg: Brücken bauen in frühe Bildung“ zustande. Gabriele Wiest vom Migrationsdienst der Caritas obliegt die Koordination der Angebote, sie lud die Seminarleiterin ein.

Den Zugang erleichtern

Zusammen mit dem städtischen Kindergarten Gregorianum setzt Wiest verschiedene Formate des Programms um. Ziel sei es, Familien den Zugang zu Kindertageseinrichtungen zu erleichtern, um allen Kindern gute Start- und Bildungschancen zu ermöglichen. Josef Schoch, Dezernatsleiter für Bildung und Betreuung bei der Stadt Laupheim, hielt ein Grußwort. Die Stadt als Träger des Bundesprogramms verspreche sich durch eine konstruktive Zusammenarbeit und Vernetzung verschiedener Institutionen vor Ort langfristig ein friedliches Zusammenleben von Menschen aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern.

Das Seminar umfasste die Definition von interkultureller Kompetenz als „die Fähigkeit, erfolgreich mit anderen Menschen unterschiedlicher kultureller Vorstellung zusammen zu leben und zu arbeiten“. Interkulturelle Kompetenz baue maßgeblich auf sozialer Kompetenz auf, sei immer eine Frage der persönlichen Haltung und müsse lebenslang erworben werden.

Die interkulturelle Arbeit wolle helfen, dass sich Menschen nicht fremd fühlen. Die Fähigkeit gleichzeitig in zwei oder mehreren Kulturen zu leben sei den meisten Kindern noch zu eigen. Das bedeute, dass ein bestimmtes Verhalten zu Hause richtig sein kann, in der Kita aber ein ganz anderes. Bei Erwachsenen seien Werte und Normen starr verinnerlicht. Kinder hingegen könnten problemlos damit klar kommen in mehreren Kulturen gleichzeitig zu leben. Das mache Hoffnung für eine gelingende Zukunft.

Die kulturelle Brille

De Vries berichtete von der kulturellen Brille, mit der alle durchs Leben gingen. Bei der Geburt ist diese noch durchsichtig. Automatisch und unbewusst färbe sie sich ein. Werte zeigten sich als Farbe in der Brille. Das sei die jeweilige „kulturelle“ Identität, die nicht deckungsgleich mit Nationalität ist.

Die Referentin verwendete anschauliche Bilder: Identität sei der Rucksack, der am Anfang des Lebens gepackt werde. Darin befinden sich beispielsweise Sprache, Ernährung und Religion. Identität erwerbe man unbewusst und automatisch im Laufe des Lebens und nehme sie als Richtlinie für das, was man als „normal“ betrachte. Nachfragen und Erklärungen erleichterten das gegenseitige Verstehen. Es gelte, verbindende Gemeinsamkeiten zu entdecken. Manchmal müsse man einen Perspektivenwechsel vornehmen. „Vorsicht mit dem, was man sieht, es kann ganz anders sein, als man denkt.“

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