„Brennholz frei für alle“

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Gestenreich verdeutlicht der Chorleiter Tobias Wahren, wie die Lieder für das Stück „Zeitsprünge“ gesungen werden sollen.
Gestenreich verdeutlicht der Chorleiter Tobias Wahren, wie die Lieder für das Stück „Zeitsprünge“ gesungen werden sollen. (Foto: Roland Ray)
Redaktionsleiter

„Zeitsprünge“ ist der Titel eines Chorabends mit Theater, den der Sängerbund Laupheim anlässlich seines 160-jährigen Bestehens am Samstag, 17. November (19 Uhr), im Kulturhaus aufführt. Ein Probenbesuch.

Zornig sind sie, recken die Fäuste, stampfen mit den Füßen, schleudern die Worte im anschwellenden Gesang förmlich heraus: „Es ist der Brauch bisher gewesen, dass wir Leibeigene sind – welches zum Erbarmen ist!!!“ Und überhaupt: Den Herrschaften gehört der Wald? Das kann so nicht bleiben: „Brennholz frei für alle!“

„Das habt ihr toll gemacht“, lobt Tobias Wahren, als die Welle der Empörung abebbt. Rund 70 Sängerinnen und Sänger stehen im Halbrund vor dem Chorleiter. Sie sind in diesem Augenblick aufständische Bauern. Ihr Lied, von Wahren komponiert, handelt von den zwölf Artikeln, die Sebastian Lotzer, Schreiber des Baltringer Haufens, 1525 verfasste – die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Europa.

Der Bauernkrieg ist Ausgangspunkt des Stücks „Zeitsprünge“, das mit Liedern und schauspielerischen Mitteln die Geschichte des Sängerbunds, aber auch von Freiheit, Recht und Unterdrückung erzählt. Geschrieben hat es der Theaterpädagoge, Regisseur und Schauspieler Jörg Zenker aus Bellenberg. Er stattet seinen Lotzer mit einer Uhr mit Sprung aus – wird sie aufgezogen, tut’s einen Zeitsprung und der Besitzer und seine Tochter Karoline reisen durch die Jahrhunderte. 1848 gesellt sich Johannes dazu, Jungrevolutionär, das „Lied der freien Republik“ auf den Lippen.

„Lotzer möchte eine Zeit finden, in der er seine Ideale erfüllt sieht“, sagt Zenker. „Aber er stellt dabei hohe Ansprüche.“ 1848 keimt Hoffnung, die rasch welkt; 1928 gefällt es ihm in der Weimarer Republik, bis Nazis gegen Juden hetzen; 1938 sieht er die Laupheimer Synagoge brennen. Erst 2018, im Hier und Jetzt, ist Endstation. „Wir können nicht immer davonlaufen“, sagt Karoline. „Irgendwann muss man sich seiner Zeit auch stellen und versuchen, das Beste daraus zu machen.“ Nur die Uhr entschwindet in die Zukunft; dazu erklingt ein von Naho Kobayashi geschriebenes Lied, in dem einzig die Zahlen „eins“ bis „zwölf“ artikuliert werden – Liedgut 4.0.

Bei alldem hält Jörg Zenker stets und mit liebevoll ersonnenen Details den Bezug zu Laupheim. Wann immer die Zeitreisenden Station machen, ein Fläschchen Kronenbier steht bereit, zuerst in einem Kasten aus Holz, später in einem aus Metall, dann aus Plastik. Stimmgewaltig unterlegt ist die Handlung, bis auf Ausnahmen, mit Liedern aus der jeweiligen Epoche.

Seit zwei Monaten wird geprobt. Den gesanglichen Part übernehmen die Ensembles des Sängerbunds, der Gemischte Chor, der Offene Chor und der Baltringer Haufen (auf den der Anfang gemünzt ist). Es dirigieren Christine Schmidt und Tobias Wahren, am Klavier begleitet Marcus McLaren. Jule Strobel spielt die Karoline, Patrick Dörflinger den Johannes und Klaus Bretzel den Lotzer. Dessen Bart ist verbürgt. „Ich wollte mir aber keinen auf die Haut malen oder ankleben“, sagt Bretzel. „Da hab’ ich mir lieber einen wachsen lassen.“

Am kommenden Wochenende proben die insgesamt mehr als 100 Mitwirkenden im Claretinerkolleg in Weißenhorn. „Am Samstagvormittag spielen die Schauspieler und die Chöre schauen zu. Am Nachmittag machen wir’s umgekehrt, und dann bringen wir’s zusammen“, erläutert Jörg Zenker den Übungsplan. „Ich bin gespannt, wie es zusammenkommt.“

Zwischenruf: „Nicht nur du, Jörg.“ Das sorgt für allgemeine Heiterkeit im Saal des evangelischen Gemeindehauses.

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