Auf segensreichen Wegen

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Beim Marsch kreuz und quer durch Oberschwaben lässt sich viel Spiritualität erleben. (Foto: Hübner)
Schwäbische Zeitung
Alina Hübner

Wer pilgern will, muss früh aufstehen. Gerade an wärmeren Tagen, um die Kühle des Morgens zu nutzen. So beginnt auch diese Wanderung in aller Frühe im schwäbischen Laupheim. Um einen kleinen Reisebus hat sich eine Gruppe rucksackbepackter Menschen versammelt. Viele kennen sich. Es dämmert, bald wird die Sonne aufgehen. Egon Oehler begrüßt die Neuankömmlinge. Die Augen hinter der modischen Kunststoffbrille strahlen Herzlichkeit aus. Der 53-jährige Leiter der Schwäbischen Bauernschule in Bad Waldsee beaufsichtigt, wie das Gepäck ausgladen wird. In der Hand ein dicker, dunkelbrauner Wanderstock, der oben eine Astgabel hat, an der mehrere Gegenstände festgemacht sind, die ihn als Pilger zu erkennen geben. „Ein Fähnchen mit den Kirchenfarben weiß und gelb, ein Ledersäcklein mit etwas Geld und ein Rosenkranz“, erklärt Oehler, der den Pilgerweg zusammen mit seiner Ehefrau Rita wieder neu ins Leben gerufen hat.

Oehler reckt nun den Pilgerstab in die Höhe, deutet zum Aufbruch, und die Gruppe setzt sich in Bewegung. Kies knirscht unter den Wanderschuhen.

Erste Station: St. Leonhardskapelle in Laupheim

Die St. Leonhardskapelle in Laupheim ist die erste Station, an der Eucharistie gefeiert wird. Um die Kirche legt sich eine dicke, eiserne Kette. „Die Legende besagt, dass die Ketten mehrerer Gefangener zersprungen sind, als sie zum heiligen Leonhard beteten“, erzählt der Laupheimer Wilhelm Maier. In der Kirche überragt den hellen Kirchenraum ein großes, freistehendes Kreuz mit einem Korpus aus dem Jahr 1611. Nach der Messe geht es zu Fuß weiter. Viele Pilger sind schon das zweite oder dritte Mal dabei. Über Spiritualität wird auf den ersten Metern wenig gesprochen. Viele Wanderer sind alleine angereist und müssen sich erst kennenlernen.

Das erste Kloster auf dem Weg ist das Dreifaltigkeitskloster der Steyler-Missionarinnen in Laupheim. Schwester Charlotte Irmler, eine 68-jährige ehemalige Buchhalterin, steht vor einem bunten Mosaikkreuz, die Hände gefaltet vor der Brust. Unter ihrem Schleier ragt ein dunkelbrauner fransiger Pony hervor, über dem Ordenskleid trägt sie ein großes silbernes Kreuz um den Hals. „Wir freuen uns, Ihnen eine kleine Stärkung für den heutigen Weg reichen zu dürfen“, sagt sie und eröffnet das kleine Buffet.

Um 4.30 Uhr aufgestanden

Egon Oehler setzt sich und atmet auf. „Tue deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen“, zitiert er die heilige Theresa von Avila, lächelt zufrieden und greift zum Kaffee. „Wir sind um 4.30 Uhr aufgestanden, das ist das erste Frühstück, das tut jetzt gut“, sagt seine Frau Rita, die als Krankenschwester im Kloster Sießen arbeitet. Sie strahlt, wenn sie vom Pilgern erzählt.

„Manch einer meint, er müsse nach Santiago in Spanien pilgern, dabei liegt der schönste Pilgerweg doch vor der eigenen Haustüre“, erzählt sie und lächelt. Vier Jahre sind vergangen, seit ihr Mann und sie die Idee hatten, das Pilgern wiederzubeleben. Anfangs war ihnen daran gelegen, die heimatliche Wallfahrtskirche in Friedberg, bei Bad Saulgau, wieder zum Ziel von Pilgern zu machen. Letztlich war das dann aber für sie der Anlass für das Großprojekt: mehrere alte Wallfahrtsorte wiederzuentdecken, sie zum „Oberschwäbischen Pilgerweg“ zu verbinden. „Als Oberschwaben wissen wir, dass unsere Heimat viele große Reichtümer und Schätze besitzt, die es wert sind, sie den Menschen wieder näher zu bringen und ans Herz zu legen“, sagen die Oehlers. Mittlerweile sind es zwölf Klöster oder geistliche Zentren und über 100 Wallfahrtsorte, die die sieben Schleifen des Pilgerwegs verbinden. Und das Pilgern kommt gut an: „Auf der letzten geführten Pilgerwanderung haben sich über 100 Pilger auf den Weg gemacht“, erzählt Egon Oehler.

Ein Stück Volksfrömmigkeit

Die nächste Etappe führt durch Wiesen und über kleine Hügel. Dekan Jürgen Brummwinkel begleitet die Pilger und marschiert an der Spitze. Der 40-Jährige trägt ein Collarhemd mit dem weißen Priesterkragen am Hals. Er spricht Gebete in ein Mikrofon, das mit einem Megaphon verbunden ist. „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade“, beginnt er das Rosenkranzgebet. Später singen die Pilger Lieder. „Das Wallfahren liegt dem Oberschwaben im Blut. Die vielen Wallfahrtsorte stellen ein gewachsenes Stück Volksfrömmigkeit dar“, sagt Oehler.

An einer Kreuzung in einem kleinen Dorf blicken Autofahrer ungläubig auf die Gruppe von betenden Menschen. „Der erste Mai ist doch schon vorbei“, ruft ein junger Mann mit Sonnenbrille aus einem roten Mazda und lacht. Keiner weiß so recht etwas anzufangen mit den betenden Menschen. Wieder in der freien Natur, schränken keine Gebäude den Blick ein. „Mit jedem Schritt lässt man den Alltag mehr und mehr hinter sich, und der Kopf wird frei“, sagt Rita Oehler, die sich einen Wanderhut aufgesetzt hat, um sich gegen die Sonne zu schützen. Ihr Mann dreht sich zur Gruppe um und ruft: „Ich fände es schön, wenn wir nun einmal versuchen, dreißig Minuten in Stille zu gehen. So ist jeder mit seinen Gedanken allein und kann auch in ein persönliches Gebet finden.“ Schweigend gehen die Pilger durch ein Wäldchen. „Erfahrungsgemäß ist das für viele die wertvollste Zeit des Pilgerns“, sagt Oehler leise.

Dunkle Wolken sind aufgezogen. Die Pilger erreichen ihr Nachtquartier, das Kloster Brandenburg an der Iller, aber trockenen Fußes. Zeitgleich mit der Ankunft setzt ein Platzregen ein. „Als hätte der Himmel für uns die Schleusen noch verschlossen gehalten. Das glaubt einem keiner, wenn man es erzählt, aber genau so etwas geschieht einem auf einer Pilgerwanderung“, sagt eine ältere Dame und lächelt.

22 Kilometer am ersten Tag

22 Kilometer haben die Pilger an diesem Tag zurückgelegt. Der nächste Tag führt nach Sießen im Wald. Idyllisch liegt die Kirche inmitten der lieblichen, oberschwäbischen Landschaft. Seit 1437 ist das Gotteshaus ein Wallfahrtsort mit dem Gnadenbild der „Heiligen Wundertätigen Jungfrau Maria“. Die Wanderer feiern eine Andacht. Egon Oehler steht vor dem in Gold gehaltenen Altarraum und freut sich über die barocke Pracht im Inneren der Kapelle.

Die nächsten Stunden Fußmarsch führen nach Schwendi. Karl Högerle, ein älterer Herr im Jackett, erwartet die Pilger. Er ist Mesner und freut sich, die Geschichte seiner Gemeinde erzählen zu können. Denn die Kirche in Schwendi besitzt eine große Kostbarkeit: ein Stück Holz vom Kreuz Christi. „Viele Schwendier wissen das gar nicht, auch nicht, dass der Blick der Mutter Gottes hier in der Kirche, jedem folgt, egal wohin man geht“, sagt Högerle über die Maltechnik, die die Künstler in dem Gotteshaus angewendet haben.

Erfahrung im Pilgern

Erich Zoller hat Erfahrung im Pilgern: Er ist schon den bekanntesten Weg gelaufen, 105 Tage hat er für den Jakobsweg gebraucht. In den vergangenen Jahren hat der Banker im Ruhestand aber in seiner Heimat mit vielen Helfern eine Waldkapelle restauriert. Die Frohberg-Kapelle bei Erolzheim ist ein Ziel am letzten Tag der Pilgerwanderung. Ein Waldweg führt hinauf, die Bäume rücken dicht an den Weg heran, ihre Kronen lassen kaum Licht hindurch. Oben weites sich der Blick, bis zu den Alpen schauen die Pilger über die oberschwäbische Hügellandschaft.

In der Kapelle sind an der gewölbten Decke mehr als 1000 goldene Sterne zu sehen. „Das kleine Gebäude neben der Kapelle war einmal eine Mönchsklause, die nun von uns zur Pilgerherberge umgebaut wurde“, erklärt Zoller. Auch in dieser Kapelle, die früher wegen ihrer versteckten Lage auch Maria im Busch genannt wurde, gibt es ein Gnadenbild: die Nachbildung einer überlebensgroßen Pieta aus dem Ursulinenkloster in Erfurt. „Ich war mal in Erfurt und hab das Original gesehen – unsere kleine Pieta ist viel schöner“, erzählt Zoller den Pilgern. 230.000 Euro Spenden sammelte der von ihm gegründete Verein, um die Kapelle zu restaurieren. „3400 Stunden ehrenamtliche Arbeit stecken in der Kapelle. Im Jahr kommen mehr als 5000 Wallfahrer den Weg hierherauf. All die Mühen haben sich gelohnt“, sagt Zoller.

Auch das letzte Ziel der Pilgerwanderung ist ein beliebtes Wallfahrtsziel. Die ehemalige Klosterkirche in Gutenzell, die Mitte des 18. Jahrhunderts im Stil des Barocks umgestaltet wurde, lässt die Pilger noch einmal staunen. Putten und Statuen von Heiligen schauen auf die Pilger hinab. Ein letztes Mal feiern die Pilger mit ihren geistlichen Begleitern, Dekan Jürgen Brummwinkel und Prälat Franz Glaser, Eucharistie. Nach der Messe ist es Zeit, die Heimreise anzutreten. „Wir freuen uns schon, euch alle bei der nächsten Pilgerwanderung wiederzusehen“, sagt Egon Oehler zum Abschied.

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