Abitur und dann? Viele Schüler wissen noch nicht, was sie dann tun

Lesedauer: 10 Min
Schwäbische Zeitung

Pascal weiß schon genau, dass er ein Duales Studium antritt. Dominik schwankt noch: Maschinenbau oder Sport? Rabia schwebt „irgendetwas mit Sprachen“ vor. Philipp möchte erst einmal ins Ausland, und Maria will erst einmal gar nicht studieren, sondern tritt eine Ausbildung an. Was die fünf jungen Leute eint: Sie gehören zum Abitur-Jahrgang 2018 in Laupheim – einer Altersgruppe, die sich gerade aufmacht, die Welt und ihre eigene Zukunft zu erobern. Oder nicht? Wer nachfragt, erfährt: Laupheimer Abiturienten wissen oftmals noch nicht, was sie künftig machen wollen – und weniger als die Hälfte hat sich schon für einen Beruf entschieden. In einer Umfrage äußern sie sich sehr verteilt zwischen Zuversicht, Gewissheit, Unsicherheit und Angst – aber zeigen große Heimatverbundenheit.

Wer wissen will, wie flügge werdende Laupheimer Jugend tickt, der muss die Schulen besuchen. Dort, in den ältesten Jahrgängen, beginnt nämlich gerade die nahende Abitur-Prüfung in den Köpfen zu rumoren. 67 junge Frauen und Männer am Carl-Laemmle-Gymnasium und 35 fast durchweg männliche Abiturienten am Beruflichen Gymnasium der Kilian-von-Steiner-Schule haben ein heißes Frühjahr voller Lernarbeit und Prüfungen vor sich, ehe sie ins erwachsene Leben starten – sofern das mit der Prüfung klappt.

Duales Studium ist beliebt

Ja, an die Prüfungen denkt man schon, antworten die 17 jungen Männer und die eine junge Dame der TB TM 13 an der Kilian-von-Steiner-Schule, nach dem nahenden Abitur befragt. Alle Hände weisen auch zur Decke. „Und wer lernt schon dafür?“ Da gehen die Hände wieder runter, begleitet von einhelligem Lachen. Wer weiß, wie es dann weitergeht? Die Hände gehen wieder hoch. Dieser Klasse gehören durchweg Jugendliche an, die sich bereits intensiv mit einer Berufsrichtung befasst haben. Das und ein Altersschnitt von über 18 Jahren könnte erklären, dass die meisten schon recht gut wissen, was sie vorhaben. Das Duale Studium scheint beliebt.

Etwa bei Pascal Stückle, der ein Duales Studium bei EvoBus in Ulm antritt, wo er Wirtschaftsingenieurwesen studieren möchte. Studieren und arbeiten in Heimatnähe, dabei auch schon Geld verdienen: Dieses System erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Nicht allerdings bei Marc Grentzinger. Der 19-jährige Laupheimer möchte auch studieren, aber „nicht den Stress haben, dabei arbeiten zu gehen“. Ideen hat auch Dominik Zovko aus Laupheim schon – allerdings zwei recht unterschiedliche. Er könnte sich vorstellen, Maschinenbau in Ulm zu studieren. Oder will er doch „etwas mit Sport machen?“ Er weiß es noch nicht und bleibt gelassen: „Nach dem Abitur beschäftige ich mich damit.“ Der 17-jährige Tim Hafner denkt derweil an eine medizinische Richtung für sein Berufsleben, geprägt vom elterlichen Vorbild. Philipp Ruf hat erst einmal ganz anderes vor: Ein Jahr ins Ausland möchte er, an einem Hilfsprojekt mitwirken oder sich dabei nach dem Model „Work & Travel“ durchschlagen, ehe er wahrscheinlich einen technischen Beruf anstrebt. Was alle eint: Sie wirken gelassen, wenn sie in die Zukunft schauen – und viele möchten einfach in der Region bleiben.

Ein ganz anderes Ergebnis ergeben Gespräche in der Mittagspause und eine Umfrage am Carl-Laemmle-Gymnasium: Dort können oder wollen sich die meisten der G8-Abiturienten auf die weitere Zukunft noch nicht festlegen. Studieren wollen die meisten – aber fast genau so oft kommt die Antwort, erst einmal noch nichts Berufliches machen zu wollen. Mehrheitlich äußern sie, wie viele Jugendliche an der Stelle, Unsicherheit und Angst, sich jetzt fürs Leben falsch zu entscheiden (siehe gesonderten Text).

Unbedingt in München

„Irgendwas mit Sprachen!“ Das antwortet Rabia Özkan, wenn man sie nach ihren Vorstellungen fragt. Die 18-Jährige ist begabt in der Richtung, beherrscht außer Deutsch auch Englisch, Türkisch, Latein und etwas Spanisch – also sieht sie ihre Zukunft auch in einem sprachlichen Studium. Aber wie genau? Da muss sie passen. Nur eins weiß sie: Es soll unbedingt in München sein. Fragt man in der kleinen Gesprächsrunde nach den Berufen, die in Frage kommen, hört man ganz verschiedene Richtungen, auch ganz klassische: Biologie, Medizin, Jura. Dazu auch Wirtschaftsinformatik oder kaufmännische Ausrichtungen. Aber nicht alle starten sofort durch. Ein halbes oder ganzes Reisejahr im Ausland wird auch eingeplant: als „Findungsjahr, um sich Gedanken zu machen“.

Mit der Vorbereitung auf das Abitur hat wohl noch niemand begonnen, erzählen die jungen Leute. Das habe einen triftigen Grund: „Wir finden nicht die Zeit dafür“, erzählt eine junge Frau. Mit bis zu drei Klausuren pro Woche in der Vorweihnachtszeit gebe es schlicht keinen Raum dafür. Das klingt nach Stress vor dem Stress, aber Tom Kuhn sieht seiner Abitur-Prüfung eher gelassen entgegen. Er will es bestehen, klar, aber er hat auch schon einen Vertrag für ein Duales Studium zum Wirtschaftsingenieur in der Tasche: „Da fällt eine Last weg, der Druck ist weg.“

Umfrage: Die Hälfte ist eher unsicher

47 angehende Abiturienten von beiden Schulen (von insgesamt 102 Schülerinnen und Schülern) beteiligten sich an einer anonymen Umfrage, in der es um ihre Zukunftspläne, ihre Aussichten und Gefühle dazu geht. Das ist nicht vollständig, aber gewährt doch ein Stimmungsbild. Dabei stellte sich eine Zweiteilung in den Jahrgängen heraus: Etwas mehr als die Hälfte weiß schon genau, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Aber etwas weniger als die Hälfte der Schüler hat sich auch schon für einen Beruf entschieden.

Es fällt sofort ins Auge, dass die jungen Leute von der Berufsschule sehr viel zielorientierter in die weitere Ausbildung starten und konkretere Vorstellungen vom Berufsleben haben. Das überrascht eigentlich nicht: Sie sind älter und befassen sich schon länger mit beruflicher Ausrichtung.

Betrachtet man nur die Antworten der mit 17,5 Jahren im Durchschnitt ein halbes Jahr jüngeren CLG-Abiturienten, so erklären zwei Drittel, nicht genau zu wissen, wie es weitergeht. Und mehr als zwei Drittel wissen auch noch nicht, welchen Beruf sie einmal wählen werden. Es geht ihnen wie vielen Abiturienten der Moderne: Die Auswahl ist groß, und viele Jugendliche haben Angst, sich jetzt bei einer Wahl fürs ganze Leben falsch zu entscheiden. Fast 60 Prozent der Antworten enthalten Unsicherheit beim Gedanken an die nächsten zehn Jahre – oder gar Angst vor einer ungewissen Zukunft mit sich verändernden Anforderungen. (Da Mehrfachnennung erlaubt war, reduziert sich die absolute Zahl der Schüler etwas, die in diese Richtung stimmten.)

Bei der Betrachtung aller Befragten beider Schulen heißt es bei diesem Fragenkomplex immer noch: Mehr als die Hälfte der Antworten weist auf Unsicherheit und Angst vor zu hohen Anforderungen. Immerhin: Die Hälfte aller Befragten kreuzte nicht nur an, unsicher zu sein, sondern auch, dass sie Freude darüber empfinden, sich künftig alleine entfalten und entwickeln zu können. (aep)

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen