Wo Ernst Jünger spazierte und die Natur beobachete

Lesedauer: 8 Min
Eva Winkhart

Als zweite Veranstaltung im Literaturnetzwerk Oberschwaben für den literarischen Ort Wilflingen hat die Kustodin des Ernst-Jünger-Hauses Irene Späth 25 interessierte Besucher auf einen „Waldgang“ mitgenommen. Auf Jüngers Spuren führte sie in etwa eineinhalb Stunden den „Damenweg“. Dabei las sie an zehn Stationen passende Textstellen aus Jüngers Tagebüchern. Zum Abschluss lud die Ernst-Jünger-Stiftung zu einem Glas Sekt, wie früher „bei Jüngers“ üblich.

Ein perfekter Zeitraum war gewählt worden, um den Spaziergang auf den Spuren von Ernst Jünger (1895-1998) zu unternehmen: goldene und leuchtend rote Blätter, fallendes Laub, gefärbter Wald in der Ferne, Äpfel und Birnen am Wegrand. Eigentlich perfekt – wenn nur das Wetter so gewesen wäre wie die Tage zuvor. Abschrecken ließen sich die Teilnehmer jedoch nicht. Auch Ernst Jünger, erzählt Ortsvorsteher Werner Späth, wäre wohl trotz des Nieselregens gegangen. Er erinnert an eine von Baron von Stauffenberg wiedergegebene Episode anlässlich der Versöhnungsfeier in Verdun 1984, bei der im strömenden Regen alle Teilnehmer „‘s G’nick“ eingezogen hätten – nur Ernst Jünger schritt aufrecht.

So hat auch Irene Späth den weltberühmten Schriftsteller und Naturforscher noch nach vielen Jahren vor Augen: aufrecht gehend, ausschreitend, in Gedanken versunken. „Wenn er nicht in seiner Gedankenwelt war“, habe er die Menschen gegrüßt. „Ein alltägliches Bild. Er war einfach ein Mensch, der zum Dorf gehörte“, ergänzt sie. Die Wilflinger hätten ihn registriert, beobachtet – aber in Ruhe gelassen. Jünger habe hier „gelebt und geschafft“. Und er habe die Gegend durchstreift. Jeden Tag. Manches Mal über viele Stunden. Mehrere Utensilien, erfahren die Teilnehmer am Spaziergang, habe Jünger auf diesen Wegen bei sich gehabt, unter anderen sein Fernglas und ein Gläschen zum Aufbewahren der entdeckten Insekten. Und grundsätzlich sei er mit Stock unterwegs gewesen, um auf Büsche zu klopfen, um Kuhfladen umzudrehen, um Steine anzuheben – immer auf der Suche nach Käfern.

Auch bei Kälte Bienen beobachtet

Für heute habe sie seinen „Damenweg“ gewählt, sagt Irene Späth, den Jünger als „eleganten Weg“ beschrieben habe, zu bewältigen in etwa einer Stunde. Der führt vom Wohnhaus weg, der ehemaligen Stauffenberg’schen Oberförsterei, durch die Ernst-Jünger-Allee, auf Feldwegen und durch Wiesen zum „kleinen Steinbruch“, über einen Aussichtspunkt zum Friedhof, zum Weiher und zurück zum Haus. Die zu den einzelnen Stopps passenden Textstellen liest Irene Späth aus Jüngers zahlreichen Tagebüchern vor, ergänzt sie durch eigene Erinnerungen an ihn, eigene Gedanken. Sie liest von seinen Empfindungen an bestimmten Stellen des Wegs, bei verschiedenen Bäumen, von Begegnungen mit den hier arbeitenden Menschen. Am kleinen Steinbruch, einer aufgelassenen Kiesgrube, habe er einen Platz gefunden, um Bienen zu beobachten, „selbst bei erheblicher Kälte“, wie er 1986 schreibt. „Die Natur ist etwas, was mir immer viel bedeutet hat“, ist vermerkt.

Auch von „Unfug“, den er zusammen mit einem seiner Besucher trieb, steht im Tagebuch und wird an der entsprechenden Stelle zitiert, auf dem Aussichtspunkt mit Blick über Langenenslingen bis zum Bussen: Ein weit zu sehendes Feuer haben die beiden entzündet – zum Leidwesen von Frau Jünger. Und in Langenenslingen habe Jünger einmal ein Fahrrad gekauft, von dem ihm zu seinem Amüsement berichtet wurde, es sei „wie a Örgele“ gelaufen.

Auch Jüngers Leben mit Fremdenlegion und zwei Weltkriegen wird thematisiert. Auf dem Friedhof führt der Weg zur Familiengrabstelle der Jüngers, nahe der Kapelle, in Sichtweite der Gedenktafeln für die Gefallenen der Weltkriege. „Der Friedhof war für ihn eine ganz besondere Stelle“, sagt Späth. Hier sind seine beiden Söhne, seine beiden Ehefrauen und Ernst Jünger selbst begraben.

In Wilflingen, so Irene Späth, sei eher „der Gedankenmensch Jünger“ zu erleben. Seine Naturbeschreibungen finden Raum. Dann führt der Weg über die Jünger-Linde, gepflanzt zu seinem 85. Geburtstag, zum kleinen See. Am Weiher steht seit 2006 eine lebensgroße Porträtstatue, geschaffen vom Ertinger Künstler Gerold Jäggle. Sie erinnert an Ernst Jünger als Naturbeobachter mit dem Fernglas in der Hand, über die ein Käfer krabbelt. In seinen letzten Lebensjahren, weiß Irene Späth, sei Jünger ausschließlich hierher gekommen. Täglich. Zu seinen Naturbeobachtungen auf einer Bank. Der aufrecht gehende, unnahbar wirkende Spaziergänger.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen