Für viele Flüchtlinge ist der „Schwanen“ in Andelfingen zunächst ein neues Zuhause.
Für viele Flüchtlinge ist der „Schwanen“ in Andelfingen zunächst ein neues Zuhause. (Foto: Thomas Warnack Archiv)
Stv. Redaktionsleitung

Günther und Helga Wilde engagieren sich bei der Integration einer syrischen Familie. Zuerst haben sie in Andelfingen in der Anschlussunterbringung gewohnt und konnten dann in eine Mietwohnung nach Riedlingen ziehen. Dass dies möglich war, ist in großen Teilen Günther Wilde und seiner Ehefrau Maier-Wilde zu verdanken. Sie erzählen die Geschichte von Familie Abbas (*Name von der Redaktion geändert).

In Langenenslingen sind aktuell 30 Personen – acht Männer, acht Frauen und 14 Kinder – in der Anschlussunterbringung untergebracht. Weitere elf Personen – zwei Frauen, zwei Männer und elf Kinder – haben eine Wohnung auf dem privaten Wohnsektor gemietet. Außerdem sollen in naher Zukunft zwei afrikanische Frauen mit drei und vier Kindern nach Langenenslingen kommen. Ansprechpartner bei der Verwaltung ist Philipp Huchler, außerdem hat ein Integrationsmanager seine 40-prozentige Arbeitsstelle aufgenommen. Zu Beginn der Flüchtlingsankünfte haben sich auch viele ehrenamtlich engagiert. Das habe ein bisschen nachgelassen, sagt Langenenslingens Bürgermeister Andreas Schneider. Durch das Engagement des Ehepaar Wilde konnte die Familie aus Syrien hier in der Region Fuß fassen.

Günther Wilde wurde Mitte 2017 gebeten, dem Vater der Familie bei der Vertiefung seiner Deutschkenntnisse zu helfen. Der 40-jährige Mann aus Syrien suchte aktiv Arbeit und hatte bereits erfolgreich einen größeren Deutsch-Sprachkurs absolviert, aber sein Wortschatz war noch unbefriedigend. Die dreiköpfige Familie wohnte in der Anschlussunterbringung, in einem Ein-Zimmer-Appartement im Ortsteil Andelfingen. Die Familie war 2015 nach Deutschland gekommen und hatte den Status „subsidiär schutzbedürftig“ (kein Asyl, aber befristete Aufenthaltserlaubnis mit Arbeitserlaubnis) erhalten. Zu dieser Zeit waren Flüchtlinge, die bereits vom Amt anerkannt waren und somit einen Deutschkurs absolviert hatten und nicht mehr unter das „Asylbewerber-Leistungsgesetz“ fielen, grundsätzlich auf sich selbst gestellt. Staatliche Hilfestellung beim Eintritt ins hiesige Leben außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte war eigentlich nicht mehr vorgesehen. Angeblich können die ja schon Deutsch und hatten einen Integrationskurs.

Mittlerweile habe die Politik das Problem aber erkannt und schließe diese Lücke. Hilfe ist in dieser Übergangszeit besonders dringend nötig, die Sprachkenntnisse sind in Wahrheit noch gering und die kulturelle Kluft groß, sind die Erfahrungen des Langenenslingers. Missverständnisse lauern überall. Das Wissen über die hiesige Bürokratie ist bei den Flüchtlingen lückenhaft, aber gerade für sie ungeheuer wichtig. Ämter und auch Ärzte können die eigentlich erforderliche Geduld bei der sprachlichen Verständigung nur beschränkt aufbringen. Der drohende Frust der Flüchtlinge, die sich alleingelassen und zurückgewiesen fühlen, denen dann teils schlicht das Geld ausgeht, weil die nötigen Anträge nicht (rechtzeitig) gestellt wurden, sieht Wilde als ein gefährliches Integrationshindernis.

Tiefbauhelfer zum Mindestlohn

Tatsächlich fand der Syrer dank der Unterstützung seines früheren Helferkreises in Biberach bald eine Vollzeit-Arbeit als Tiefbauhelfer, zum Mindestlohn. Diese Arbeit ist hart für ihn. Zumal er in der Heimat einen kleinen Laden und eine Nebenerwerbslandwirtschaft besaß. Aber er macht sie, er will nicht einfach nur „Stütze kassieren“. Es bedrückt ihn, dass er trotz Vollzeitarbeit weiter auf die Aufstockung des Familieneinkommens durch das Jobcenter angewiesen ist. Andererseits ist er natürlich sehr dankbar, dass er sie bekommt.

Die Hilfe von Günther Wilde ging weit über den Sprachunterricht hinaus, denn die Familie wollte dringend aus der beengten, dunklen Unterkunft in eine größere Wohnung nach Riedlingen umziehen, zumal die Geburt eines weiteren Kindes anstand. Infolge der Arbeitsstelle bestand die Berechtigung, aus Langenenslingen wegzuziehen. Dazu musste eine geeignete und bezahlbare Wohnung gefunden werden, und die nötigsten Möbel und Haushaltsgeräte waren anzuschaffen. Nicht zuletzt mussten Anträge bei Ausländeramt und Jobcenter gestellt werden.

„Ich habe diesen Umzug sehr befürwortet, zumal meines Erachtens Flüchtlinge auf Dauer in einem kleinen Dorf nicht gut aufgehoben sind“, sagt Wilde. Die Voraussetzungen für eine gelungene dauerhafte Integration seien auf dem Dorf einfach nicht vorhanden – ohne Auto, mit doch sehr beschränkten Einkaufs-, Kontakt-, Beschäftigungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Der Umzug ist letztlich mit vereinten Kräften in recht kurzer Zeit gelungen. Kurz nach der Geburt des Jüngsten war es so weit. Die Familie lebt in einer Drei-Zimmer-Mietwohnung in Riedlingen.

Günther Wilde und seine Frau Helga Maier-Wilde kümmern sich weiter um die Familie aus Syrien. Sie besuchen sie fast wöchentlich, helfen weiter beim „Behördenkram“. Dabei sind die Langenenslinger nicht ihre einzigen Bekannten. Sie seien auch viel mit anderen arabischen Flüchtlingsfamilien zusammen. Und auch weitere Deutsche gehören nun zu ihrem Bekanntenkreis.

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