Mit seinem lebendigen Vortrag bruddelte sich Brotzer in die Herzen der Zuhörer.
Mit seinem lebendigen Vortrag bruddelte sich Brotzer in die Herzen der Zuhörer. (Foto: Alexander Speiser)
Alexander Speiser

Das Ambiente könnte kaum gelungener sein für einen Balladen-Wettstreit als das, was das „Zuckergässle“ der Familie Stehle in Langenenslingen zu bieten hat. Kein Wunder also, dass sich Henrike Müller vom Büro für Regionalkultur mit Bernhard (Barny) Bitterwolf und der rollenden Schwabenkanzel dieses oberschwäbische Kleinod für die Auftaktveranstaltung zum Balladen-Wettstreit 2019 ausgesucht haben. Zwei weitere Veranstaltungen folgen am 24. Oktober in Kreenheinstetten und am 31. Oktober in Obermarchtal.

Zur Einstimmung geben Barny Bitterwolf am Akkordeon und die Begleitung an der Querflöte eine Tanzweise von 1770 zum Besten. Bitterwolf führt auch durch das Programm und erläutert den Zuhörern, was sie erwartet und wo sie mitmachen müssen. Geplant sei das Ende um „halb neune“, so Bitterwolf, und „wann’s halb neune isch, des sag i“. Ein Balladen-Wettstreit sei das, was man auch als einen Poetry-Slam bezeichnet, nämlich ein zeitlich befristeter literarischer Vortrag mit selbst verfassten Texten, bei dem das Publikum den Sieger kürt.

Zwei Durchgänge sind vorgesehen und zwei Themen für den ersten Teil als Vorlage vorgegeben, nämlich „Des Sängers Fluch“ von Ludwig Uhland oder „John Maynard“ von Theodor Fontane. Die Auswahl treffen die Vortragenden selbst. Vorgegeben ist aber die Sprache: Auf Schwäbisch muss es sein, genauso wie in der zweiten Runde, in der die Kandidaten ein selbst gewähltes Thema darbieten. Nach jedem Vortrag vergibt das Publikum Punkte von eins bis zehn, erklärt Bitterwolf und verteilt unter den Besuchern die aus früheren Schulzeiten bekannten Tafeln und ein Stück Kreide. Als Hilfestellung für die Juroren erläutert er, dass sowohl die Authentizität als auch die Umsetzung ins Schwäbische, die Rhetorik und die Gesamtdarbietung in die Bewertung einfließen sollen.

Feinstes Schwäbisch – ein Genuss

Los ging es mit Elisabetha Oswald aus Sigmaringen. Sie hatte „Des Sängers Fluch“ gewählt und trug das Thema wort- und gestenreich in feinstem Schwäbisch vor – ein Genuss ihr zuzuhören und zuzuschauen. Vielleicht noch etwas unsicher, was die zu vergebenden Punkte anbelangt, sprach das Publikum ihr 41,5 von 50 Punkten zu. Als Nächster tritt Michael Skuppin aus Bad Saulgau ans Mikrofon, auch er hat Uhlands Ballade gewählt. Etwas weniger dramatisch, dafür aber umso gestenreicher, fast launig, widmet er sich dem Gedicht und erhält dafür einen üppigen Applaus und 43,5 Punkte.

Als Dritter und Letzter in der ersten Runde gibt Hugo Brotzer aus Mittelbiberach den „John Maynard“ zum Besten. Aber passend zum Schwäbischen, wie er sagt, heiße dieser bei ihm Jakob Schäufele und er schippere auch nicht über den Eriesee nach Buffalo, sondern über den Bodensee nach Überlingen und sein Schiff sei dann eben auch die „Hohentwiel“. Dem Thema und dem tragischen Schicksal des John Maynard alias Jakob Schäufele entsprechend, setzte Brotzer eine finstere Miene auf, rollte mit den Augen, gestikulierte mit den Armen und bezog so kunstvoll seine Zuhörer in das Geschehen ein. Gleichwohl schaffte er es, mit seiner Ausdrucksweise und Gesichtsakrobatik den Zuhörern ein Schmunzeln zu entlocken und mit dem Refrain „noch zehn Minuten bis Überlingen“ zum Mitmachen zu animieren. Was Wunder, dass er satte 48 von 50 möglichen Punkten dafür einheimst.

Plädoyer für das Landleben

Die zweite Runde läutete Skuppin mit seinem selbst verfassten „Leben im Dorf…“ ein. Wortgewaltig meinte er unter anderem „in Berlin und Brüssel geit’s koi direkte Erfahrung, dia geit’s bloß am Ort“, was er als Plädoyer für das Leben auf dem Land verstanden wissen möchte. Das Publikum war völlig hin und weg von der Situationskomik, die Skuppin in seinen Auftritt hineinlegt und quittiert ihn mit 49 Punkten, bisher absoluter Rekord.

Die Zuhörer lauschen verzückt

Hugo Brotzer widmete sich in seinem frei gewählten Stück dem verkannten Georg mit dem Helferleinsyndrom, der sich als der heilige Georg versteht, der den Drachen besiegt und die Jungfrau aus seinen Klauen befreit. In schneller Wortfolge ließ den Knaben Georg fantasieren, wie er auf seinem Rappen gen Ungeheuer zieht, es ersticht und die scheinbar nicht so sonderlich dankbare Jungfer auf seinem Ross heimwärts führt. Es scheint, als habe er es mit einer bruddligen Schwäbin zu tun, was Brotzer derart plastisch zelebriert, dass die Zuhörer völlig verzückt lauschen. Vielleicht, um einen Ausgleich bemüht, erhält der Vortragende 45 Punkte zugesprochen, auch noch ganz beachtlich.

Elisabetha Oswald vervollständigt die Runde mit den beiden Beiträgen „Streitsüchtige Weiber“ und „Weiblich rund“ in denen sie sich fast vollständig weiblichen Themen widmet, an denen aber auch die Männer im Saal ihre Freude haben sollen, so Oswald. Im ersten Beitrag unterhalten sich ein weiblicher Nadelbaum und ein gleichfalls weiblicher Laubbaum über die Vorzüge ihrer jeweiligen Outfits und giften sich dabei nach Kräften. Dass das weibliche Geschlecht aber gerade auch das Zeug zu Ausgleich und Versöhnung hat, zeigt sich in der abschließenden Erkenntnis, dass ein gemischter Wald halt doch am Schönsten ist. Ein herzerfrischender Beitrag von einer Meisterin ihres Fachs, brillant inszeniert und mit entsprechendem Beifall bedacht. Bei „Weiblich rund“ zählt Oswald Frauennamen auf wie Sieglinde, Albertine, Regina, Bernadette, Carmen, Alexa, Balbina und Bintje – wobei spätestens jetzt dämmert, dass es sich um Kartoffelsorten handeln könnte. Geschickt verpackt hat Oswald den Bogen von den weiblichen Rundungen mit der Erdfrucht in Verbindung gebracht. Sie singt quasi ein Loblied auf die Kartoffeln, die aus welchem Grund auch immer meist weibliche Namen trügen und meinte zum Schluss: „Männer sind auch ohne Kartoffelsorte einfach – unentbehrlich“. Sie erhielt 44,5 Punkte für die beiden Beiträge.

Barny Bitterwolf zählte am Ende zusammen und kam auf 86 Punkte für Elisabetha Oswald, 92,5 Punkte für Michael Skuppin und 93 Punkte für Hugo Brotzer, der damit knapp den Sieg für sich verbuchen konte. Fazit des gelungenen Abends: Wer den ersten Termin verpasst hat, sollte sich unbedingt eine der beiden folgenden Veranstaltungen vormerken, sie sind allemal einen Besuch wert.

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