Wenn Fremde zu echten Freunden werden

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 Die Organisatorinnen Gertti Danner-Fritzenschaf (hinten links), Daniela Maucher (vone links) und Renate Baur (hinten rechts) re
Die Organisatorinnen Gertti Danner-Fritzenschaf (hinten links), Daniela Maurer (vone links) und Renate Baur (hinten rechts) reisen jedes Jahr mit jungen Ingoldingern nach Frankreich. (Foto: Celina Fels)

Seit mehr als 25 Jahren gibt es zwischen den Jugendlichen in Ingoldingen und der Partnergemeinde Saint-Marcel-lès-Valence einen regen Austausch. Einmal im Jahr reisen die Ingoldinger nach Frankreich. Im darauf folgenden Jahr besuchen ihre französischen Altersgenossen sie im heimischen Oberschwaben. Bis heute ist der Austausch für die jungen Leute in beiden Ländern eine bereichernde Erfahrung.

Um die Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu durchbrechen, Europa zu stärken und so weitere Kriege zu verhindern, wurden nach dem zweiten Weltkrieg verschiedene Institutionen gegründet und Partnerschaften, wie die zwischen den Gemeinden Ingoldingen und Saint-Marcel-lès-Valence, eingegangen. Nach 74 Jahren Waffenstillstand geht es beim Frankreichaustausch in Ingoldingen jedoch längst nicht mehr um die Annäherung an den ehemaligen Erzfeind, sondern um die Pflege langjähriger Freundschaften und das Kennenlernen anderer Kulturen.

Wir stellen eigentlich immer fest, dass unsere Jugendlichen besser Englisch sprechen als die Franzosen. Gertti Danner-Fritzenschaf

An Käse – le fromage, die schöne Landschaft in Camargue und die saftigen Pfirsiche – les pêches, denken die jungen Ingoldinger beim Stichwort Frankreich als erstes. Das Wetter sei dort zwar besser. Aber die Begrüßungsküsschen fänden sie nach wie vor gewöhnungsbedürftig. Mehr als zwanzig Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 nahmen in den vergangenen Jahren am Jugendaustausch der Gemeinde Ingoldingen teil.

Im Gegensatz zu einem Schüleraustausch besuchen die Teilnehmer unterschiedliche Schulen und es gibt auf beiden Seiten viele Jugendliche, die die Landessprache der Gastgeber nicht beherrschen. Nur vereinzelt sprächen die Eltern der französischen Jugendlichen noch Deutsch. Verständigt wird sich daher oftmals auf Englisch: „Wir stellen aber eigentlich immer fest, dass unsere Jugendlichen besser Englisch sprechen als die Franzosen“, sagt Gertti Danner-Fritzenschaf, eine der Vorsitzenden des Partnerschaftskomitee.

Erstmals besuchten die Ingoldinger ihre Partnergemeinde 1982: „Ursprünglich sind wir in einer Autokolonne nach Valence gefahren, dann mit Kleinbussen und heute alle zusammen in einem Reisebus“, erzählt Gertti Danner-Fritzenschaf. Die Reise dauere fast zehn Stunden. Anfangs seien nur Erwachsene nach Frankreich gefahren, in den Folgejahren habe man Jugendliche ohne Begleitperson für eine Woche in Valence abgesetzt. „Heute ist das unvorstellbar“, sagt Gertti Danner-Fritzenschaf.

Leben in der Gastfamilie

Die Jugendlichen werden immer zu zweit in einer Gastfamilie untergebracht. Die Bereitschaft der Anwohner in Ingoldingen und Valence, Jugendliche aus der Partnergemeinde aufzunehmen, sei in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Früher habe es mehr Berührungsängste gegeben: „Meine Freundinnen konnte ich damals nicht davon überzeugen, Franzosen aufzunehmen – sie sagten, sie sprechen die Sprache nicht und wüssten schon gar nicht, was sie dann kochen sollten“, erzählt Renate Baur aus dem Partnerschaftskomitee. In diesem Jahr reist eine Gruppe Erwachsener aus Ingoldingen nach Frankreich. Die französischen Jugendlichen besuchen ihre Austauschpartner wieder im August.

„Bei meiner zweiten Fahrt nach Valence war ich praktisch schon ein Teil der Familie“, sagt Ellen Maurer. Die Muttensweilerin nimmt schon seit mehreren Jahren am Austausch teil und fühlt sich in Valence sehr wohl. In Frankreich könne sie ihre Fremdsprachenkenntnisse aufbessern und auch mal unabhängig von ihre Familie etwas Neues sehen. „Das heutige Europa ermöglicht uns die Partnerschaft und die Kontakte in Frankreich überhaupt erst“, sagt die 16-Jährige. Dass freie Grenzen und Roaming keine Selbstverständlichkeit seien, dürfe man nicht vergessen.

Gemeinsamer Ausflug ans Meer

Obwohl der persönliche Höhepunkt vieler Jugendlicher der gemeinsame Ausflug ans Meer ist, so sei der Austausch nicht zu vergleichen mit einem All-Inklusive-Urlaub: „Wenn die Jugendlichen Zeit mit ihrer Gastfamilie verbringen, dann können sie den Alltag der Bevölkerung hautnah erleben“, sagt Renate Baur. Im Vordergrund des Jugendaustausch stehe das Kennenlernen anderer Kulturen.

Die kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden in jedem Jahr unter einem anderen Aspekt betrachtet. Zuletzt besuchten die Jugendlichen unter dem Oberthema Nachhaltigkeit eine Recyclinganlage und verbrachten einen Tag auf der Farm eines französischen Biobauern. Der Nachwuchs sei auf beiden Seiten sehr engagiert, sagen die Organisatorinnen. In Frankreich gäbe es sogar noch mehr Interessierte als in Ingoldingen: „Oftmals wollen die Franzosen gar nicht mehr heim“, erzählt Renate Baur lächelnd.

Die Ingoldinger Jugendlichen reisen hingegen lieber nach Frankreich. Wenn die Austauschpartner bei ihnen zu Besuch seien, wolle man immer alles richtig machen. Bei der Gastfamilie würden sie die Woche einfach nur genießen können. „Die Franzosen sind so entspannt. Wenn man eine halbe Stunde später kommt, dann ist das halt so“, bestätigt Selina Maucher.

Wichtige Werte lernen

Renate Baur findet, dass die Jugendlichen durch den Austausch wichtige Werte für ihr weiteres Leben erlernen. „Es kostet schon auch Überwindung bei einer fremden Familie, deren Sprache man nicht spricht, zu leben“, sagt sie. Umso schöner sei es dann aber, wenn die Jugendlichen über ihren Schatten springen und erkennen, dass sie auch mit neuen Situationen umgehen können. „Meine Hoffnung ist, dass die Jugendlichen als Erwachsene offen für neue Erfahrungen sind und unbeschwert hinaus in die Welt gehen können“, erzählt Renate Baur.

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