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Werner Csernak ist zufrieden mit der Entwicklung der Gemeindebücherei in Ingoldingen.
Werner Csernak ist zufrieden mit der Entwicklung der Gemeindebücherei in Ingoldingen. (Foto: Birga Woytowicz)
Crossmedia-Volontärin

Die Öffnungszeiten der Gemeindebücherei sind Dienstags, 15.30 bis 17.30 Uhr, und Donnerstags, 17 bis 19 Uhr.

Braucht ein kleines Dorf eine eigene Bücherei? Was anfangs noch in der Diskussion stand, kann Werner Csernak heute kurz und knapp mit „Ja“ beantworten. Vor zwei Jahren hat er gemeinsam mit der Ingoldinger Gemeindeverwaltung und Ehrenamtlichen in einem alten Lehrerzimmer der örtlichen Grundschule eine Gemeindebücherei aus dem Boden gestampft. Inzwischen ist die größte Sorge nicht mangelnde Nachfrage, sondern ein Platzproblem.

„So, wie es hier jetzt aussieht, war das vor ein paar Jahren noch unvorstellbar“, sagt Bürgermeister Jürgen Schell. Die Gemeinde trägt die Bücherei. Er sei ausgesprochen dankbar für die Einrichtung. „Aber einfach so funktioniert das nicht. Da braucht es auch einen Macher.“ Damit meint Schell Werner Csernak. Er ist der ehemalige Schulleiter der Grundschule und trieb das Projekt damals maßgeblich voran.

Im Juli 2016 eröffnete die Ingoldinger Gemeindebücherei. Während sich der Anfangsbestand damals noch aus Spenden zusammensetzte, kaufen Csernak und sein Team nun regelmäßig in regionalen Buchhandlungen ein. „Frühjahr und Herbst, das sind unsere zwei Haupttermine.“ Welche Bücher in den Bestand kommen? Diese Entscheidung sei nie wirklich schwer: „Unter den Ehrenamtlichen haben wir eine Buchhändlerin, die sich auskennt. Wir verfolgen auch den Markt und schauen uns zum Beispiel Bestseller-Listen an.“ Zusätzlich gebe die Fachstelle für öffentliches Bibliothekswesen Empfehlungen. Und auch die Leser dürften Wünsche äußern. „Dazu haben wir extra Zettel. Ein Kluftinger wird zum Beispiel immer direkt nachgefragt, da warten wir dann auch nicht mit der Bestellung“, sagt Csernak.

2400 Medien umfasst der Bestand der Bücherei aktuell. Eine Aufstockung ist derzeit undenkbar: „Dazu haben wir zu wenig Platz. Dann wären die Regale bis zur Decke voll.“ Die Bücher sollten schon in Reichweite stehen, sagt Csernak. Für jede Neuanschaffung müsse daher Platz geschaffen werden. Was aussortiert wird, landet im „Ramsch-Regal“. Hier kann jeder Besucher, ob er als Leser registriert ist oder nicht, zugreifen. Wer mag, kann im Gegenzug etwas in die Spendenbox geben. Auch auf Märkten sei die Bücherei mit einem Stand vertreten. Trotz alledem: Unter den Regalen stehen kistenweise Bücher, die nicht aufgenommen werden können. Auch im Rathaus und sogar bei sich zuhause hat Csernak Lesestoff deponiert.

Neue Medien kein Buchersatz

Aussortiert würden vor allem Exemplare, die keiner lesen wolle. „Koch- und Ernährungsbücher zum Beispiele gehen gar nicht gut. Die Leute googlen das heutzutage alles“, sagt Csernak. Die Abkehr vom Buch hin zu anderen Medien sieht Csernak insgesamt kritisch. Deswegen spielten diese abgesehen von ein paar CDs im Büchereibestand eine untergeordnete Rolle. „Die ganze Handynutzung, das ist zu viel. Man muss doch mal ein Buch in die Hand nehmen, daran riechen.“ Darüber hinaus ist Csernak überzeugt: Lesen fördert die Kreativität. Als Lehrer habe er direkt erkannt, welche Kinder viel und welche weniger lesen. „Das spiegelt sich in der Orthografie, der Grammatik und im Wortschatz wider.“

Die Bücherei folgt zwar dem Grundsatz „Bürger für Bürger“. Doch Kinder stehen im Fokus. 60 Prozent des Bestands ist daher auch Kinderliteratur. Dass das Konzept aufgeht, zeigt die Statistik. Von insgesamt 214 aktiven Lesen, sind 98 unter zwölf Jahre alt. Exakt sei die Zahl aber nicht: „Oft kommen auch die Eltern, um Bücher für ihre Kinder auszuleihen“, sagt Csernak.

Das ist nicht der Regelfall. Die Lage – direkt im Gebäude der Grundschule – schafft Synergien. „Wir haben die Öffnungszeit am Dienstag extra so gelegt, dass sie mit Schulschluss zusammenfällt. Viele Kinder stolpern dann herein“, sagt Csernak. Für ihn besonders wichtig ist, dass dies neben Bücherwürmern auch spontane Besucher anlockt. Einfach vorbeischauen. Ansonsten ist der Leihaufwand in der Bücherei sehr gering. Der Leserausweis ist kostenlos.

Bücherei durch Ehrenamt getragen

Das Angebot auf die Beine zu stellen und zu pflegen, erfordert dagegen mehr Einsatz. Aktuell schultern 15 Ehrenamtliche die Bücherei. „Dadurch, dass wir selbst einbinden und katalogisieren, sparen wir pro Buch bis zu vier Euro“, sagt Csernak. Je Schicht seien immer zwei Helfer vor Ort. Die Koordination sei trotz Dienstplan manchmal gar nicht so leicht. „Da kommt immer mal etwas dazwischen, ein Arzttermin oder ähnliches. Teils springt man spontan ein.“ Für ein paar mehr helfende Hände wäre er sehr dankbar, sagt Csernak.

Im Moment läuft der Betrieb anstatt an zwei Nachmittagen nur einmal in der Woche. „Gerade ist es etwas ruhiger. Zu Anfang der Sommerferien haben sich die Leute mit Büchern eingedeckt“, sagt Csernak. Die richtige Lesesaison stehe erst noch bevor: „Im Sommer gehen die Leute raus zum Baden.“ Im Herbst und Frühjahr machten es sich viele dann mit einem Buch bequem.

Die Öffnungszeiten der Gemeindebücherei sind Dienstags, 15.30 bis 17.30 Uhr, und Donnerstags, 17 bis 19 Uhr.

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