Religiöse Erziehung ist Kinderrecht

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Professor Albert Biesinger ist morgen Abend in Göffingen zu Gast. (Foto: pr)
Schwäbische Zeitung

„Kinder nicht um Gott betrügen“, so lautet der Titel des Vortrags von Prof. Albert Biesinger, den er heute in Göffingen hält. Unser Redakteur Bruno Jungwirth hat mit dem Tübinger Theologen im Vorfeld gesprochen.

Herr Biesinger, Sie plädieren für eine religiöse Früherziehung. Warum ?

Kinder brauchen eine religiöse Grundgrammatik, um sich überhaupt entscheiden zu können. Wenn Kinder in der Familie religiös erzogen werden, lernen sie ihre religiöse Muttersprache. Von dieser aus können sie dann auch andere Religionen verstehen oder auch später religionslos leben. Die Entscheidung bleibt auch Getauften und religiös Erzogenen später frei. Ich rede ja auch nicht zehn Jahre mit meinem Sohn nicht deutsch, weil er mir vielleicht als Elfjähriger sagt, dass er eigentlich türkisch lernen wollte. Ich kommuniziere als Vater mit meinen Kindern auch meine eigenen Werte und lasse die Kinder an meinem Sinnsystem teilhaben und grenze sie nicht aus.

Aber schränke ich durch eine Festlegung die Kinder nicht in ihrer Entwicklungsfreiheit ein?

Anders herum: Solche Eltern sind autoritär, sie sagen nämlich indirekt: Ich habe für dich entschieden, dass Religion nichts für dich ist, dass du das erst brauchst, wenn du erwachsen bist. Es geht doch auch ohne Religion. Ich bin deshalb doch kein schlechterer Mensch?

Es geht nicht um die Frage, ob Menschen ohne Religion schlechter sind. Es gibt genug religiös gebildete Menschen, die Fehlverhalten zeigen. Es geht um was anderes: Was gewinnst du als Kind oder als Eltern durch religiöse Bildung? Kinder gewinnen einen großen Verheißungshorizont für ihr Leben: Du bist kein Zufallstreffer deiner Eltern, Gott steckt hinter deinem Leben, daher gehörst du zu Gott über den Tod hinaus. Das ist eine große Verheißung des Christentums: Wenn du eines Tages deinen Körper verlässt, gibt es die Verwandlung aus der materiellen Welt, hinein in eine geistige Existenz in der Kommunikation zu Gott eine Ewigkeit lang. Das muss man nicht glauben, aber wer das glauben kann, hat gewonnen.

Wie soll ein Kind das verstehen?

Ein Beispiel. Kürzlich war die Beerdigung meiner Schwiegermutter. Ich stand mit meinem vierjährigen Enkelkind am Grab, als dieses fragte: „Sind bei der Oma auch der Mund und die Augen tot? Kann Sie uns gar nicht mehr sehen?“ Mit der Antwort, dass sie nun bei Gott ist und unsere Augen gar nicht mehr braucht, um uns zu sehen, war das Kind getröstet. Kinder mit großen religiösen Fragen im Regen stehen zu lassen, halte ich für unverantwortlich. Aber Religion ist nicht nur Trost, sondern es wird auch mit Furcht vor Gott gearbeitet?

Viele Eltern betrügen ihre Kinder, indem sie ihnen Angst vor Gott machen. Das ist religionspädagogisch streng verboten. Papst Franziskus würde toben. Auch Jesus hat Kindern nie Angst vor Gott gemacht, er hat sie auf seine Arme genommen und gesegnet.

Aber Religion spielt doch eine immer geringere Rolle im Alltag. Warum dann religiöse Erziehung?

Das ist so nicht richtig. Kinder werden in eine Welt hineingeboren, in der Religion eine größere Rolle spielt als noch vor Jahren. Die Kinder bekommen von ihren muslimischen Mitschülern mit, dass diese ganz anders beten, kein Weihnachten kennen und kein Schweinefleisch kennen. Es ist wichtig, dass die christlichen Kindern Kompetenzen entwickeln, mit den muslimischen Gleichaltrigen in einen religiösen Dialog zu gehen. Wenn muslimische Kinder sagen: „Gott kann doch keinen Sohn haben, das mit Bethlehem ist alles Lüge“, dann müssen doch christliche Kinder wissen, was sie sagen können.

Wie lässt sich religiöse Erziehung mit der Trennung von Kirche und Staat vereinbaren?

Der Bildungs- und Orientierungsplan für die Kindergärten in BadenWürttemberg gilt auch in kommunalen Kindergärten. Sinn, Werte und Religion sind Bildungsauftrag. Es geht nicht darum, Kinder zu missionieren, sondern Lernmöglichkeiten zu eröffnen: Dass sie religiöse Kompetenzen erwerben können und dass sie religiöse Vorgänge in der Gesellschaft verstehen.

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