Volles Programm für die Nachtschwestern

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ARCHIV¬_ - Ein Pfleger ha§lt im Alten-und Pflegeheim Joachim-Neander-Haus der Diakonie in Daºsseldorf die Hand einer Bewohnerin
ARCHIV¬_ - Ein Pfleger ha§lt im Alten-und Pflegeheim Joachim-Neander-Haus der Diakonie in Daºsseldorf die Hand einer Bewohnerin (Foto vom 13.11.2007). Knapp 600 000 Pflegekra§fte erhalten ab dem 1. August einen gesetzlichen Mindestlohn. Nach monatelangem Tauziehen billigte das Bundeskabinett am Mittwoch eine entsprechende Rechtsverordnung von Arbeitsministerin von der Leyen (CDU). (Foto: Oliver Berg)
Wolfgang Lutz

Die Arbeit in einem Pflegeheim und der Umgang mit demenzkranken und in ihrer Funktion eingeschränkten Menschen stellt hohe Ansprüche an das Personal. Erst, wenn man selbst mal eine Nachtschicht mit den Pflegekräften erlebt hat, kann man sich ein Bild machen über deren Arbeit mit Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Vor allem sollte man sich aber davon verabschieden, den Nachtdienst als „ruhige Kugel“ ab zu tun. Mein nächtlicher Besuch im Seniorenzentrum St. Georg in Ertingen hat mich eines Besseren belehrt. Auf jeden Fall sind dort die Bewohner in guten Händen und das 24 Stunden lang.

Es ist kurz nach acht, als ich das Stationszimmer betrete, doch das ist wie ausgestorben. Über den Flur höre ich die Stimme von Lisa, einer Nachtschwester, die heute Dienst hat. „Guten Abend, jetzt gibt’s noch die Medikamente“, begrüßt sie eine Heimbewohnerin, während sie die Arznei übergibt. Mit einem freundlichen „Gute Nacht“ verabschiedet sie sich und wir treffen uns im Stationszimmer. Kaum dort angekommen, wo auch ihre Kollegin Bruni wartet, piept es es zum ersten Mal. „Wir müssen mal schauen, was die Dame will“, so Lisa. Alle 63 Bewohner des Hauses können per Knopfdruck die Station alarmieren und sind so stets mit den Pflegekräften verbunden.

Das wird gleich erledigt, denn das Zimmer liegt ja auf dem Weg zum ersten Rundgang, den die zwei Frauen in Angriff nehmen. Dreimal pro Nacht werden nämlich sämtliche Heimbewohner in der Nacht kontrolliert und bei Bedarf versorgt. Wie auch die Bettlägerigen, die umgelagert werden. Diese Routine-Gänge dienen der Sicherheit der Pflegeheimbewohner als auch für das Personal. Beim ersten Durchgang sind die meisten noch wach und den „Gute-Nacht“-Wunsch von Lisa und Bruni nehmen sie gerne entgegen. Kaum sind sie auf Tour, fordert jemand Hilfe an und beide wissen, woher es kommt und was sie zu tun haben.

Im Garten des Pflegeheims genießt derweil ein „Hamburger Jung“ seine geliebte Zigarette. Das Rauchen im Freien ist für ihn das Höchste. „Hat mir Herr Bühler erlaubt“, schmunzelt er. „Um halb elf die letzte Kippe und dann helfen mir die Nachtschwestern ins Bett, dann ist Schluss für heute“, so sein weiterer Tagesablauf. Seit einer Stunde habe ich die zwei Fachkräfte nicht mehr gesehen: Lisa, die seit 30 Jahren als Nachtschwester ihren Dienst hier versieht, und Bruni, die auch schon 17 Jahre in St. Georg arbeitet. Ihr Rundgang wurde wieder einmal durch den Alarm unterbrochen und das geht dann auch vor. Zu Fuß geht’s in den zweiten Stock. Aus Sicherheitsgründen, es könnte bei Nacht ja mal der Fahrstuhl ausfallen, was aber bisher noch nie geschah, versichern mir die beiden. Trotz Routine, die die beiden bei ihrer Arbeit an den Tag legen, lässt sich bei Menschen, die körperlich und geistig eingeschränkt sind, nicht alles planen. „I gang schnell nauf“, ruft Bruni ihrer Kollegin zu, denn schon wieder wurde der Knopf im zweiten Stock gedrückt. Anschließend wartet ja noch der „Hamburger Jung“ im Garten auf sie, denn er hat ausgeraucht und will nun ins Bett.

So geht das weiter, bis um zwölf Uhr nachts der zweite Kontrollgang ansteht. Hauptsächlich Toilettengänge, Umbetten oder auch Inkontinenz-Wechsel stehen bei den 63 Heimbewohnern an. Während dann etwas Ruhe einkehrt, kümmert sich Lisa um die Medikamente der Heimbewohner, die für die ganze Woche hergerichtet und auch nachbestellt werden müssen. Bruni widmet sich in der Zeit um hauswirtschaftliche Dinge wie zum Beispiel die Spülmaschinen im Stationsbereich zu leeren und wieder zu befüllen.

An eins kann ich mich aber die ganze Nacht nicht gewöhnen. Jedes mal schrecke ich zusammen, wenn es wieder piept, und das fast die ganze Nacht über in regelmäßigen Abständen. So um halb vier Uhr morgens wird es dann wieder „lebendiger“ auf den Stationen. Zwischenzeitlich haben die zwei Fachkräfte sich mit genügend Inkontinenz-Material aus dem Keller eingedeckt, das dann auf den Stationen in den Bewohnerzimmern verteilt werden muss und bald zum Einsatz kommen wird. Fast eine Stunde sind Lisa und Bruni wieder beim dritten Kontrollgang unterwegs und zwischendurch werden sie per Knopfdruck in einige Zimmer gerufen. „Hier gab es viel zu tun. Ein Bewohner musste komplett umgebettet werden“, was jederzeit vorkommen kann und entsprechend Zeit in Anspruch nimmt. Es ist nun fünf Uhr in der Frühe und jetzt verlangt die Bürokratie ihren Tribut. Was die Heimbewohner getrunken, welche Medikamente sie bekommen haben, in welcher Verfassung sich die Heimbewohner befinden, was für Hilfe sie während der Nacht bekommen haben: Es muss alles fein säuberlich dokumentiert werden, damit auch die Ablösung, die um sechs Uhr auftaucht, ebenfalls Bescheid weiß.

Auch an den beiden Pflegerinnen zehrt die Nachtschicht, „aber wir machen das gerne und zu diesem Beruf muss man geboren sein“, findet Lisa. Dabei, so Bruni, gäbe es auch nette Momente, die für viel entschädigen. Ich sehne mich auf jeden Fall nach einem Bett um auszuschlafen, denn die Nacht hat auch bei mir schon nach einer Schicht Spuren hinterlassen. Auf jeden Fall schätze ich die Arbeit in der Nachtschicht einer Pflegeeinrichtung wieder mehr. Vor allem muss man froh sein, dass sich jemand um die Menschen kümmert, die auf Hilfe angewiesen sind. Im Seniorenzetrum St. Georg in Ertingen wird sie angeboten – und das 24 Stunden rund um die Uhr.

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