Musik, Tanz, Tratsch und eine besondere Schafweide

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Wolfgang Lutz

Auf „seine Untertanen“ kann sich Graf Heini alias Klaus Diesch verlassen. Wenn er und seine Truppe von der Gloggasäger-Zunft Ertingen rufen, sind sie zur Stelle. So auch beim Bürgerball am Samstag in der Kultur- und Sporthalle, wo sich über 600 Narren amüsierten. Ob Tanz, Akrobatik, Sketch, Musik und Gesang – es war alles dabei, was zu einem Fasnetsball dazu gehört. Nachdem Heini und sein Gefolge durch die Reihen geschritten waren und sich dann auf der Bühne präsentierten, stimmten alle Ballbesucher die „Ertinger Nationalhymne“ an, den „Daiberstetter Narrenmarsch“ – und schon war das Eis gebrochen.

„Schee, dass Ihr do send zom großa Ertinger Bürgerball“, strahlte Klaus Diesch bei dem Anblick eines solch großen und erwartungsvollen Publikums. Natürlich konnte er auch das „Ertinger Dreigestirn Pfarrer, Schulleiter und Bürgermeister“ in der herrlich dekorierten Halle willkommen heißen. Doch nach einem dreifachen „Heini - Heino“ konnte er schon das Zepter an seine Tochter Julia übergeben, die zum letzten Mal in ihrer Funktion die Akteure auf die Bühne rief.

So durfte gleich der Zunftnachwuchs ran, nämlich die kleinen Hexen, die mit ihrem Tanz und ihrer Akrobatik erfreuten. Ihnen machte es sichtlich Spaß und auch den Zuschauern, die die Jüngsten noch einmal auf die Bühne wünschten.

Nicht so gut erging es „Oberkellner“ Peter Rauch, dem eine „heiße Dame“ ihren Finger in sein Maul steckte, was der noch bereute. Sie hatte nur eine Botschaft: „Auf’em Klo isch koi Papier meh“. Ja, so kann es gehen, wenn man sich falsche Hoffnungen in einer Bar macht.

Ein ganz anderes Kaliber dann das „Auslaufmodell“ – stammt sie ja noch aus dem vorigen Jahrhundert (Elke Schenzle). Deshalb kann so die Welt um sich herum nicht mehr so richtig verstehen. „Was haben wir als Kinder alles gemacht, um ein paar Pfennig dazu zu verdienen, also beim Jobben.“ Heute könne doch kein Mädchen mehr kochen: „I leb vegan“, so redet man sich raus. Auf dem Sofa schauen die Jungen zu, wenn der Roboter das Fenster auf und ab bearbeitet und das vom Nachwuchs gesteuert über WLAN. „Jo ond’s Taschageld wird glei vo de Alte aufs Handy glada“. Sich im Freien bewegen, eventuell beim Rasenmähen? Ist nicht. Schlimmer noch der Blick in die neuen Wohnhäuser, wo man sich glatt einen Geist mit einquartierte, namens „Alexa“. „Alexa mach des, Alexa mach sell“, um Gottes Willa. Ja, die Zeiten ändern sich, egal, ob zum Vor- und Nachteil.

Von denen, die es schon „überstanden“ haben, von denen wussten die „Trauerschnallen“ aus Erisdorf zu berichten. Makaber? Aber nein, auf dem Friedhof ist nun mal die „wahre Schalt- und Informationszentrale“ für die Frauen. Hier erfährt man alles hautnah, ob von noch Lebenden oder auch denen, die es schon „hinter sich“ haben. Da kocht schon mal die Wut hoch, wenn man vom Opa beim Testament nicht entsprechend berücksichtigt wurde: Den haben wir nur halb eingegraben, denn das Erbe hat gefehlt. So kann er seine Grabpflege selbst übernehmen.

Da strahlten die TSV-Mädels gleich wieder in ihren Leuchtshirts und legten eine fetzige Nummer „für die Lebenden“ hin, dem der „Straßenmusikant“ Thomas Herholz in nichts nachstand. „Ma muaß halt a bizzele Zeit hau“. Und zum Abschied von Pfarrer Häring brachte er ihm gleich mal den Mochenwanger Narrenruf bei, war es doch der letzte Bürgerball für den Pfarrer.

Tänzerisch, akrobatisch – einfach ein Hingucker, was dann die Ertinger Hexen auf die Bühne zauberten. Ein wahrer Augenschmaus. Mehr für die „Ohren“ dann der Auftritt der „Jungen Wilden“, nämlich die Jungs und Mädels vom Musikverein Ertingen. Trotz heißer, fetziger Rhythmen, hatten sie auch einen ganzen Strauß von Schunkelliedern in ihrem Programm, sehr zur Freude der über 600 Ballbesucher, die gerne mit sangen und mit schunkelten.

In der „Linda“ , Ertingens einzig überlebendes Dorfgasthaus, da spielt sich das wahre Ortsgeschehen ab. Warum? Ja, die Vereine lieben vor allem den sauguten Leberkäs. Bier ist aufgefüllt, aber heute müssen es auch Saiten tun, auch wenn das die Spritzenleute nicht so mögen. „Verkauft, isch verkauft ond Kassa isch voll“, so die resolute Wirtin (Bettina Steinhart). Da hat ihr Göttergatte August (Peter Rauch) wenig entgegen zu setzen. Ja, hier trifft man sich, hier ist die „Tauschbörse aller Ortsneuigkeiten“. Ob der Schultes mal eine Wildsau überfahren hat, das Navi eine Schülerin nach Neufra bei Sigmaringen lotste, der Pfarrer zum Ausflug zu spät kam, da in Ertingen neuerdings erst um sechs das Morgenläuten statt findet, man es mit den Geburtstagen nicht so genau nimmt – es kommt alles aufs Tablett.

Super Choreographie, super Kostüme – das Damenballett des TSV hatten es drauf. Natürlich wollte das Ballpublikum die Damen ein zweites Mal sehen.

Gemeinderat stellt Wurstbude auf

„Informationen aus erster Hand“ dann beim Verlesen der „Litanei“ durch Peter Rauch und Bettina Steinart. Nicht nur ihre eigenen Nettigkeiten und Weisheiten gaben sie zum Besten, nein, sie lasen so manchem Bürger die Leviten. „Dreck hot eis erschreckt, ma kann’s nicht begreifa, warum könnet it alle Bürger ihren Müll normal entsorga“? Aber auch das „Engel-Areal“ hatten sie in ihrem Büchlein ganz oben stehen. Was daraus wohl wird? Eine Schafweide würde sicher ins Bild passen. Dabei könne man durch den Gemeinderat eine Wurstbude aufbauen lassen, um so die Ertinger Gastronomie an einem exponierten Platz wieder aufleben zu lassen. Ob es soweit kommt? Peter Rauch: „I bi do skeptisch, wia beim Breitband. Erscht, wenn baut wird, glaub i do dra.“

An die sieben Damen und Herren von „Dream & Harmonie“ durften die Gäste gerne glauben: „Oimol im Johr – do goht ma auf da Ball – oimal em Johr ischt bei eis Bürgerball“. Eine tolle Gesangs- und Sketchnummer, die Herbert Sontheimer mit seiner illustren Truppe auf die Ertinger Narrenbühne brachten. Doch dann waltete Julia Diesch zum letzten Mal ihres Amtes und rief zum Finale alle Akteure auf die Bühne, wo sie vom Publikum nach fast drei Stunden verdienten Applaus ernteten. Dann übernahmen die „Amorados“ das Kommando und es durfte getanzt und geschunkelt werden unter der großen Gloggensäger-Glocke, die über dem närrischen Ballvolk hin.

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