Deutschlehrerin wird eine Autorin

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 Im Ruhestand hat Helga Ross ihren ersten Roman veröffentlicht.
Im Ruhestand hat Helga Ross ihren ersten Roman veröffentlicht. (Foto: Mechtild Kniele)
Mechtild Kniele

In der Region ist Helga Ross vor allem bekannt als ehemalige Deutschlehrerin am Kreisgymnasium Riedlingen, wo sie in ihren vielen Dienstjahren zahlreiche Schüler auf die Abiturprüfung in Deutsch vorbereitet hat. Seit 2016 ist Helga Ross im Ruhestand und hat Zeit und auch große Lust, weiterhin mit Sprache umzugehen. So ist in akribischer Arbeit im Verlauf von zwei Jahren ihr erster Roman erschienen.

Motiviert zum Schreiben hat sie auch die Tatsache, dass ihre Schülerinnen und Schüler bei Interpretationen ihr häufig die Frage stellten, ob sich der Verfasser beim Schreiben tatsächlich so viel dabei gedacht habe. „Das wollte ich selbst ausprobieren“, sagt Helga Ross lächelnd und sie hat festgestellt, dass man bei der Arbeit an einem Buch tatsächlich viel berücksichtigen muss. „Es war ein umfassender Denk-, Korrektur- und Entscheidungsprozess.“ Beholfen hat sie sich mit Tabellen, in denen sie die Hauptmerkmale der vielen Personen, die in ihrem Roman eine Rolle spielen, festgehalten hat, und genauer Recherche. „Wenn jemand beispielsweise im Jahr 2004, wo eine Zeitebene der Handlung liegt, ein Handy benutzt, kann es kein Smartphone sein“, erklärt sie.

Ein weiterer Punkt, der Helga Ross zur Eigenproduktion bewogen hat, ist die Tatsache, dass es so viel Unterhaltungsliteratur auf dem Markt gibt, deren Stories allzu offensichtlich sind und deren Ende rasch vorhersehbar ist. Sie beklagt, dass die Sprache sich ständig weiter reduziert bis hin zu sinnfreien Satzruinen, welche aber großen Raum einnehmen im täglichen Leben. Verzichtet wird auf Artikel, auf Wortendungen, auf grammatikalische Korrektheit und dagegen wehrt sie sich. Sie bevorzugt dennoch keine blumigen Redewendungen, sondern treffende und präzise Worte. Auch hat sie viel Zeit verwendet, um ihre Protagonisten in adäquater Sprache auftreten zu lassen: ein neunjähriges Kind redet anders als eine gebildete Frau und diese wiederum anders als ein Mechaniker.

Ein gutes Buch – viele ehemalige Schüler und auch Kollegen haben Helga Ross immer wieder aufgefordert, selbst zu schreiben – besteht nicht nur aus Sprache, sondern im Vordergrund steht eine gute Geschichte. Frei erdacht ist die Handlung des Buches, die im ersten Teil auf Island spielt, wie es schon der Titel und das Cover vermuten lassen, und sich um einen erfolgreichen Geschäftsmann rankt, der nach einem schweren Unfall sein Erinnerungsvermögen verloren hat. Von seiner Umgebung in Island wird Anton als ein sehr kultivierter und liebenswürdiger Mensch wahrgenommen wird, aber dem ist nicht so.

In drei Teile gliedert Helga Ross ihren Roman; der zweite Teil umspannt einen Zeitraum von 30 Jahren vor dem Geschehen in Deutschland, der Heimat des Protagonisten und hier wechselt die Perspektive: es kommen Personen zu Wort wie seine Exfrau, sein vernachlässigter Sohn (ein wahrhaftiger „Emotionslegas-theniker“), seine große Jugendliebe und sein Freund, der sich durch urwüchsige Menschlichkeit auszeichnet. Wie ein Kaleidoskop ranken sich deren Sichtweisen um die Hauptfigur. Im dritten Teil, der wieder in Island spielt, kommt es zu einer Auflösung, die allerdings viele Fragen offenlässt. Helga Ross hat ganz bewusst ein direktes Happy End vermieden.

Die Ideen zu ihrem Buch kamen der Autorin auch auf Reisen, beim Spazierengehen in der Natur und geschrieben hat sie zu Hause an ihrem PC. Schreiben bedeutet für sie Freiheit. sie denkt bereits nach über ein zweites Buch.

Als „Gerne-“ und „Vielleserin“ bezeichnet sie sich selbst und auf ihrem Nachtisch liegen mehrere ganz unterschiedliche Bücher: sie mag Fontane, sie mag den „Homo Faber“, sie liebt „Faust“, aber auch Bücher wie die Biographie von Michelle Obama, Krimis von Jean-Luc Bannalec und „Die Stille der Nacht“ von Nina George.

Gibt es Autobiografisches in ihrem Roman? Mittlerweile ist Helga Ross der Meinung, dass man ein Werk weder immanent interpretieren noch schreiben kann. Immer sind subjektive Sichtweisen enthalten, und Freunde von ihr, die das Buch bereits lesen konnten, haben versichert, dass Eigenschaften, Denk- und Handlungsweisen von ihr – verstreut über das ganze Buch wie ein Puzzle – zu entdecken sind.

Ein persönliches Fazit: es ist ein schönes und auch spannendes Buch für alle, die gerne lesen. Man mag es wirklich nicht weglegen, und viele Themen werden aufgegriffen wie der Kampf gegen die Plastikverschmutzung, wie deutsche Zeitgeschichte um den Mauerbau und den Mauerfall herum. „Nur Pferde spielen keine Rolle“, erzählt Helga Ross, die aus einen Bauernhof in Ertingen einen Reiterhof gemacht hat.

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