Manitu schickt Regen und Gerechtigkeit

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Action auf der Burgrieder Freilichtbühne: Old Shatterhand (Michael Dreesen) im Kampf mit dem Utah-Häuptling „Großer Wolf“ (Thom
Action auf der Burgrieder Freilichtbühne: Old Shatterhand (Michael Dreesen) im Kampf mit dem Utah-Häuptling „Großer Wolf“ (Thom (Foto: Bernd Baur)
Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Rund 700 Zuschauer haben am Samstag eine gelungene Premiere auf der Freilichtbühne Burgrieden gesehen. Fast drei Stunden kämpften Gut und Böse um den „Schatz im Silbersee“, über weite Strecken bei Regen und Gewitter.

Ja, ist denn das die Möglichkeit: die „Burgrieder Dorfmusikanten“ im Wilden Westen! Vor dem „Longhorn-Saloon“ spielen sie Martin Böttchers Titelmelodie aus den Karl-May-Filmen der 60er-Jahre – ein Bonbon zum Auftakt auf dem Bühler Festspielgelände. Den Karl-May-Fans geht gleich bei den ersten Takten das Herz auf. Nur noch Minuten trennen sie von Old Shatterhand und Winnetou.

Zunächst freilich schlagen die Bösen zu. Cornel Brinkley (rücksichtslos und von fesselnder Bühnenpräsenz: Nino Korda-Nannizzi) und seine Bande überfallen Fred Patterson, nehmen ihm die Schatzkarte ab, die zum Silbersee führt, und sperren den ehrbaren Fallensteller und seine Frau in ihre Blockhütte. Eine Stange Dynamit gezündet – und bumm! Die Hütte explodiert und fällt krachend in sich zusammen. Es soll nicht die letzte pyrotechnische Einlage bleiben.

Szenenwechsel: „Rule Britannia“ schallt es aus den Lautsprechern, und ein Männlein in Khaki tritt aus der Felslandschaft hervor. Lord Castlepool aus Schottland will Abenteuer erleben – „oh how wonderful“ ruft er entzückt, sobald die Luft bleihaltig wird und Pfeile und Tomahawks fliegen. Hauptsache, der Fünf-Uhr-Tee ist gesichert. Markus Schröter vom Dramatischen Verein Biberach verkörpert hinreißend eine jener skurrilen Figuren, die Karl Mays Romane bevölkern. Eine andere ist der Westmann „Tante Droll“, mit lässigem Sergio-Leone-Einschlag gespielt von Christoph Schmidberger.

Schnell nimmt das Geschehen Fahrt auf. Der Cornel und seine Bande überfallen das Lager der Utahs und töten den Häuptlingssohn. Der Stammesführer „Großer Wolf“ (eine Paraderolle für Thomas Leanyvari) schwört Rache, die Indianer sind auf dem Kriegspfad. Reiter preschen über die Bühne und hinter den Sitzreihen entlang, Indianer schleichen sich zwischen den Zuschauerblocks an, der Pulverdampf verdichtet sich, und nur der List und Tapferkeit der berühmten Blutsbrüder, unterstützt von Old Firehand, Droll und seiner Lordschaft, ist es zu danken, dass die Gerechtigkeit obsiegt und Friede einkehrt in der Bühler Prärie.

Der Bad Segeberg-erfahrene Regisseur Mike Dietrich, der auch das Textbuch schrieb und einen Banditen mimt, und seine Assistentin Melanie Renz würzen die Story mit unterhaltsamen, actionreichen und anrührenden Szenen. Allegra Curtis gibt eine warmherzige Saloon-Besitzerin mit Reinlichkeitstick. Vor ihrem Etablissement tanzen die Mädels Can-Can. Alexander Baab ist ein Winnetou nach dem Ebenbild von Pierre Brice, Michael Dreesen ein schlagkräftiger Shatterhand; beide liefern sich packende Stunts mit ihren Gegnern. Alfons Jeggle als treffsicherer Firehand schwäbelt ein wenig. Nachgerade eine Entdeckung ist Annika Leanyvari in der Rolle der Patterson-Tochter Ellen; die 15-jährige Realschülerin aus Laupheim spielt in dem aus Profis, Laienschauspielern und Statisten geformten 54-köpfigen Ensemble groß auf. Ebenso überzeugend und einfühlsam der 19-jährige Ulmer Björn Jochum als „Kleiner Bär“, der Ellens Herz gewinnt. Die von Sabine Junginger speziell für die Freilichtbühne vorbereiteten zwei Dutzend Pferde sind eine Attraktion; sie wirken zuverlässig mit.

Nicht zu kurz kommt das Anliegen des Schriftstellers May, auf die Tragödie der indianischen Ureinwohner Amerikas hinzuweisen. Meile um Meile mussten sie vor den weißen Siedlern weichen und ihr Dasein schließlich in Reservaten fristen.

Ihr „Großer Geist“ Manitu schien bei der Bühnenpremiere am Samstag geneigt, Zeichen zu setzen. Als das Ringen zwischen Gut und Böse sich nach der Pause zuspitzte, schickte er einen Wolkenbruch, der eine Unterbrechung erzwang und einige Zuschauer vertrieb. Kaum wurde das Städtchen Sheridan belagert, zuckten Blitze am nächtlichen Firmament, und just als der Cornel sich des Schatzes bemächtigen wollte, warf der Regen Blasen auf dem Silbersee.

Fazit: Eine sehenswerte Produktion, die ein Abenteuer alten Stils erzählt, diesseits von Star-Trek und Zauberstäben. Howgh!

Bis zum 7. September sind 30 Vorstellungen geplant. Termine und Tickets unter www.festspiele-burgrieden.de.

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