Der Frieden kehrt in die Herzen ein

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Schwäbische Zeitung
Franz Liesch

Mit dem „Ölprinz“ sind am Samstag die diesjährigen Festspiele auf der Freilichtbühne in Burgrieden eröffnet worden. Dabei hatte das Festspiel-Team mit etlichen widrigen Umständen zu kämpfen. Dazu zählte vor allem die Witterung. Dauerregen verwandelte den Bühnenbereich in einen Morast.

Doch Schauspieler und Beteiligte hinter den Kulissen schreckte das nicht ab. „Herzlich willkommen zu den Burgrieder Wasserfestspielen“, begrüßte denn auch Geschäftsleiterin Claudia Huitz die Besucher, die sich von kühlen Temperaturen nicht abschrecken ließen und die Zuschauerränge füllten. Immerhin hatte Petrus ein Einsehen: Mit dem Öffnen der Tore zum Zuschauerbereich schlossen sich die Himmelsschleusen. Ab und zu blinzelte sogar die Abendsonne hervor. Die Treue der Besucher der Burgrieder Festspiele offenbarte sich auch darin, dass sie darauf verzichteten, beim Kampf um Tore bei der Fußball-Europameisterschaft vor dem Fernsehgerät zu sitzen. Zum nervenaufreibenden Elfmeterschießen hat es im Anschluss an die Aufführung immer noch gereicht.

„Der Ölprinz“ in der Inszenierung von Mike Dietrich war nicht weniger spannungsgeladen, dabei weitaus konfliktbeladener und die Zuschauer wähnten sich dank der riesigen Bühne mitten drin. Zwar spielte der Stoff, frei nach Karl May, im Jahr 1862, und doch konnte man viele Parallelen ziehen zum Leben heute.

Der Ölprinz geht über Leichen

„Kaum einer kennt seinen richtigen Namen. Doch wo er auftaucht, hinterlässt er eine Spur des Verderbens“, stellt der Erzähler die zentrale Person im Stück vor: den Ölprinzen. Ihm ist die Rolle des skrupellosen Kapitalisten zugedacht. Geht über Leichen und beklagt sich allenfalls, dass der Schuh blutbespritzt ist. Ihm ist jedes Mittel recht, um an Macht und Geld zu kommen, auch die Intrige. Moral, Gewissen, all dies kennt er nicht. Sein teuflisches Lachen erschallt immer wieder über die Bühne.

Christian Schiesser hat diese Rolle übernommen. Der Schauspieler verfügt über reichliche Bühnenerfahrung. Auch der Mann an seiner rechten Seite, Sebastian Bredow, ist gelernter Schauspieler. Er spielt den „Buttler“, der Mann, der die Drecksarbeit für seinen Herrn und Halbbruder erledigt. Beide spannen die „Finders“, eine Gangsterbande, vor ihren Karren.

Doch nicht nur das. Beide schüren den Konflikt zwischen zwei Apachen-Stämmen, den Navajos und den Nijoras. Die beiden Fieslinge säen Gewalt. Und die Saat geht auf. Man denkt an die vielen Konflikte heute zwischen den Ethnien und findet Ähnlichkeiten.

Mark Mayr verkörpert als Mokaschi den Häuptling der Nijoras. Auch Mayr ist Berufsschauspieler – im Gegensatz zum Navajohäuptling Nitsas Ini (Markus Schröter), der Amateurschauspieler ist und in Biberach lebt. Im „Ölprinz“ hat er die Rolle des „Vernünftigen“.

Kein Karl May ohne Winnetou (Ivica Zdravkovic) und Old Shatterhand (Maik van Epple). Auch diese Rollen sind in der Hand von alten Hasen in der Schauspielerei und sie machen einen hervorragenden Job. Beide sind im Spiel vernunftbetonte Typen, die aber den Konflikt nicht scheuen.

Fremde sind im Schauspiel Deutsche. Sie sind in einem Treck unterwegs im Wilden Westen, um sich fern der Heimat eine neue Existenz aufzubauen. Wichtige weibliche Gestalt ist im Spiel die Anführerin des Trecks, Rosalie Ebersbach. Ihr ist die Rolle einer resoluten, selbstbewussten, lebenserfahrenen Dame auf den Leib geschrieben. Diese spielt Helga Reichert voll überzeugend. Sie ist gelernte Juristin, die sich der Schauspielerei verschrieben hat.

Das Liebespaar überwindet das Trennende

Die zweite wichtige Frauengestalt ist die Lilly, gespielt von Annika Leanyvari. Zwischen ihr und dem Häuptlingssohn Schi-So (Julian Huitz) entwickelt sich eine Romanze. Sie erinnert an Romeo und Julia, endet aber nicht tragisch. Beide überwinden das Trennende, gehen ohne Scheuklappen durch die Welt und verkörpern weltoffene, vorurteilsfreie junge Menschen. Sie tragen dazu bei, dass Frieden in den Herzen einkehrt.

Aber war wäre ein Karl May ohne das „Wenn ich mich nicht irre“ des Sam Hawkens (Michael Müller) und die komische Gestalt des Kantors Aurelius Hampel. Kein geringerer als Mike Dietrich verkörpert diesen. Dietrich führt auch Regie. Kantor Hampel und Sam Hawkens tragen ganz wesentlich dazu bei, das Ganze nicht zu ernst zu nehmen und die Zuschauer zu erheitern. Nicht zu vergessen ist Erzähler Helmut Krauss, seines Zeichens Schauspieler, Kabarettist und vor allem Synchronsprecher. Dessen Stimme trägt ganz wesentlich zum Erfolg des Ölprinzen in Burgrieden bei. Bei der Premiere am Samstag saß er unter den Zuschauern.

Sehr gut gepasst hat die Filmmusik aus den Karl May Verfilmungen. Wem läuft nicht ein Schauder über den Rücken bei dieser Musik und dieser Kulisse?

Viele Gegensätze werden im Burgrieder Ölprinzen aufgetischt, aufbereitet von Textbuchautor und Regisseur Mike Dietrich: Naturzerstörung des schnöden Mammons wegen und die Bewahrung der Mutter Erde, der vorurteilsbeladene Blick auf die Welt und die globale Sicht. Aber auch die Welt, in der Reichtum und Überheblichkeit herrschen, und die Welt der Werte wie Gerechtigkeit, Verständnis, Weisheit und der Liebe. Letztendlich ist für alle Platz: für Indianer und weiße Siedler. Da kann man nur sagen, frei nach Kantor Hampel: „Es lebe der Wilde Westen und seine Musen.“ Tosenden Beifall erhält Mike Dietrich am Schluss bei der Frage: „Hats euch gefallen?“ Und nächstes Jahr? Da geht es weiter. Das ist versprochen.

Viele weitere Bilder unter schwäbische.de/festspiele16

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